Arbeitsklima
Bürodrachen die Krallen zeigen
Wer wegen Miesmachern am Arbeitsplatz die Lust am Job verliert, sollte sich gegen die unkollegialen Kollegen zur Wehr setzen. Das sind die Strategien.
Klar ist: Wer unter dicker Luft in der Firma leidet, sollte aus eigenem Interesse etwas dagegen unternehmen. «Unkollegiales Verhalten kann man nur beheben, wenn man es nicht schluckt, sondern klar zum Ausdruck bringt, dass man es nicht akzeptiert», betont der Baselbieter Arbeits- und Organisationspsychologe Edgar Gass.
Erfahrungsgemäss lassen sich die problematischen Kollegen in vier Kategorien einteilen: die Bürodrachen, die Jammerer, die Karrieristen und die Faulenzer. Fachleute betonen aber, dass das Verhalten von Menschen am Arbeitsplatz nicht gottgegeben ist, sondern stark vom Umfeld beeinflusst wird. «Jemand kann im Team beispielsweise die Rolle eines Jammerers einnehmen», sagt etwa Peter Roos, Arbeitspsychologe bei PraxisLink aop, einem Beratungsinstitut der Uni Bern. «In einer anderen Gruppe verhält sich die gleiche Person aber vielleicht ganz anders.»
Das klingt tröstlich: Niemand ist dazu verdammt, seiner Umgebung permanent auf die Nerven zu gehen. «Zwar verändern sich persönliche Eigenschaften nicht so schnell», erklärt Roos. «Verhaltensweisen in der Gruppe lassen sich aber erlernen.» Und das sind die Strategien:
- Gegen Bürodrachen: Wer neue Kollegen schon am ersten Arbeitstag mit abschätzigen Sprüchen eindeckt, hat die Bezeichnung Bürodrachen verdient. Oft sind dies Menschen, die ihr lädiertes Selbstwertgefühl aufbessern wollen, indem sie andere abwerten. «Verzichten Sie auf bissige Retourkutschen», rät Edgar Gass, «denn damit wird das Selbstwertgefühl von aggressiven Personen nur noch stärker beeinträchtigt.» Stattdessen empfiehlt der Experte, kühlen Kopf zu bewahren und dem Bürodrachen Signale der Anerkennung zu senden: «Zeigen Sie ihm, dass Sie sich für seine Arbeit und für seine Person interessieren, und nehmen Sie auf Empfindlichkeiten auch einmal Rücksicht.»
Die Berner Psychologin Sybille Wölfing, Inhaberin der Beratungsfirma Impulsa, weist auf einen anderen Punkt hin: «Vielleicht ist dem Absender sarkastischer Bemerkungen gar nicht bewusst, was er damit auslöst.» Möglicherweise sehe der Bürodrachen in seinem Opfer seinerseits eine Bedrohung. «Dann muss man ihm signalisieren: Ich bin nicht daran interessiert, dich zu bedrohen, ich möchte nur meinen Job machen.»
- Gegen Jammerer: Das gemeinsame Jammern über echte und vermeintliche Probleme am Arbeitsplatz gehört häufig zum guten Ton. Wer aber eigentlich gar nichts zu beklagen hat, läuft Gefahr, als Streber ausgegrenzt zu werden. Fachmann Edgar Gass rät, zunächst zuzuhören und Verständnis für die Nöte der Jammerer auszudrücken. Aber: «Halten Sie sich mit voreiligen Ratschlägen zurück. Die anderen werden Ihnen möglicherweise nur beweisen, dass Ihr Vorschlag unmöglich funktionieren kann.»
Zu stellen ist auch die Frage nach dem Grund des Gejammers. «Vielleicht werden in einem Unternehmen Sparmassnahmen durchgeführt», meint Sybille Wölfing, «dann sind die Klagen verständlich.» Wem es aber auf die Nerven geht, dass um des Nörgelns willen genörgelt wird, dem empfiehlt Wölfing, einen Mittelweg zwischen unkritischem Mitmachen und dem Verweigern des Mitjammerns zu suchen. So könnten die Zufriedenen der Ausgrenzung vorbeugen.
- Gegen Karrieristen: «Bin ich denn der Einzige, der in diesem Laden arbeitet?» Mit solchen Sprüchen treiben übertrieben Ehrgeizige ihre Umgebung zur Weissglut. «Wer so etwas sagt, ist sich vielleicht gar nicht bewusst, was er damit bewirkt», gibt Sybille Wölfing zu bedenken. Die Fachfrau rät, dem Karrieristen zu sagen, warum einen die Frage ärgert – und mit einer Gegenfrage zu kontern: «Hast du den Eindruck, ich mache nichts?»
Psychologe Peter Roos betont wiederum den Einfluss des Arbeitsumfelds: «Eine Firma, die aggressives Verhalten mit Erfolg belohnt, fördert Ellbogentypen.» Manchmal sind die Mechanismen, die in einem Betrieb ablaufen, schwierig zu durchschauen. «Wenn immer die gleichen Leute gelobt werden», so Roos, «können sich die Übergangenen dazu genötigt fühlen, ihr Selbstwertgefühl aufzupolieren, indem sie andere abwerten.»
- Gegen Faulpelze: Das exakte Gegenteil zu den Karrieristen sind die Kollegen, die sich ein gemütliches Leben machen, während sich die anderen Teammitglieder umso mehr abrackern müssen. «Primär liegen die Aufsichtspflicht und das Kontrollrecht beim Vorgesetzten», stellt Edgar Gass klar. «Aber falls er von sich aus nichts unternimmt, dürfen Sie ihn durchaus auf die ungleichen Massstäbe aufmerksam machen. Das hat nichts mit Verpetzen zu tun.»
Wer den Chef nicht einschalten will, kann den gemütlichen Kollegen direkt auf die Aufgabenteilung ansprechen. Dies aber auf sachliche Art, damit der Angegriffene sein Gesicht wahren kann. Etwa so: «Ich stelle fest, dass ich oft Überzeit mache.
Du hingegen scheinst noch Reserven zu haben.» Genau wie übertriebener Ehrgeiz kann auch mangelnde Motivation eine Folge der Arbeitsbedingungen sein. «Wenn zum Beispiel in einer Firma keine Aufstiegsmöglichkeiten geboten werden, trägt das dazu bei, dass jemand resigniert», erklärt Peter Roos.
Generell empfiehlt Sybille Wölfing, bei Knatsch unter Arbeitskollegen flexibel zu reagieren und sich nicht auf eine einzige Strategie zu beschränken. «Je nach Situation kann es sinnvoll sein, sich durchzusetzen oder nachzugeben. Wer blind zurückschlägt, trägt in den meisten Fällen dazu bei, dass der Konflikt eskaliert.»
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© Beobachter Ausgabe 14 vom 08. Jul 2004 - Alle Rechte vorbehalten










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