Arbeitsrecht Krankgeschrieben – was heisst das?

Krankgeschrieben - was heisst das?
Ab wann Sie Ihrem Vorgesetzten ein Zeugnis vorlegen müssen, steht meist im Arbeitsvertrag oder in einem Personalreglement. Wenn nicht, sollten Sie sich beim Arbeitgeber ­erkundigen, was im Betrieb üblich ist.

Krankheiten und Unfälle verursachen nicht nur körperliches Ungemach, sondern oft auch Probleme mit dem Arbeitgeber. Was Sie über Rechte und Pflichten bei Arbeitsunfähigkeit wissen müssen.

aktualisiert am 12. Jan 2016 17:54

Kürzere Absenzen wegen Erkältung oder Grippe verursachen in der Regel keine Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. Die Abwesenheit lässt sich leicht überbrücken, man kann auf das Verständnis des Arbeitgebers zählen. Doch längst nicht alle gesundheitlichen Störungen sind in ein bis zwei Wochen überstanden. Zeichnet sich eine längere Arbeitsunfähigkeit ab, fehlt ­jemand allzu häufig am Arbeitsplatz oder droht gar eine dauernde Behinderung, melden sich bei den Betroffenen Existenzängste. Hier die Antworten auf die häufigsten Fragen.

Arztzeugnis

Ab wann muss ich ein Arztzeugnis 
vorweisen?
Gesetzlich ist das nicht geregelt. Ab wann Sie Ihrem Vorgesetzten ein Zeugnis vorlegen müssen, steht meist im Arbeitsvertrag oder in einem Personalreglement. Wenn nicht, sollten Sie sich beim Arbeitgeber ­erkundigen, was im Betrieb üblich ist. Gewöhnlich wird ein Arztzeugnis ab dem dritten Tag der Abwesenheit verlangt.

Diagnose

Muss ich dem Arbeitgeber mitteilen, weshalb ich arbeitsunfähig bin?
Ein Arztzeugnis hat sich über Beginn, ­Dauer und Grad der Arbeitsunfähigkeit 
zu äussern. Ausserdem geht daraus hervor, ob es sich um Krankheit, Unfall oder allenfalls Schwangerschaft handelt. Eine genaue Diagnose fällt unter das Arztgeheimnis und muss dem Arbeitgeber auch im persönlichen Gespräch nicht mitgeteilt werden. Sie können somit selbst entscheiden, ob und wie detailliert Sie den Chef oder die Kollegen über Ihren Gesundheitszustand informieren wollen.

Vertrauensarzt

Mein Arbeitgeber glaubt nicht, dass ich krank bin, und verlangt, dass ich mich von einem Arzt seiner Wahl untersuchen lasse. Muss ich das akzeptieren?
Wenn der Chef an Ihrer Arbeitsunfähigkeit zweifelt, kann er Sie – auf seine Kosten – 
zu einem Vertrauensarzt seiner Wahl schicken. Sprechen Sie mit dem Vertrauensarzt offen über Ihre Probleme. Auch er ist ans Arztgeheimnis gebunden und nicht berechtigt, dem Arbeitgeber eine Diagnose oder andere Feststellungen weiterzugeben, die er während der Untersuchung gemacht hat. Seine Aufgabe ist es lediglich, Ihre Arbeitsunfähigkeit zu bestätigen oder eben nicht.

Lohnfortzahlung

Wie lange habe ich bei Krankheit ­Anspruch auf den vollen Lohn?
Von Gesetzes wegen muss der Arbeitgeber Ihnen während einer beschränkten Zeit – abhängig von der Anstellungsdauer – den Lohn weiterbezahlen. Wenn die Einzelheiten nicht im Arbeitsvertrag oder in einem Gesamtarbeitsvertrag geregelt sind, kann man sich an den Skalen orientieren, die einzelne Gerichte erstellt haben – die sogenannte Basler, Berner oder Zürcher Skala.

Viele Betriebe schliessen auch eine Taggeldversicherung ab, die in der Regel 
80 oder 100 Prozent des Lohnausfalls 
während 720 Tagen bezahlt – allenfalls mit maximal drei Karenztagen, die zulasten des Arbeitnehmers gehen. Erkundigen Sie sich beim Arbeitgeber nach den genauen Versicherungsbedingungen.

Unfall

Wie bin ich nach einem Unfall ­finanziell abgesichert?
Alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind obligatorisch gegen Unfälle ver­sichert. Teilzeitbeschäftigte, die weniger als acht Stunden wöchentlich beim selben Arbeitgeber tätig sind, allerdings nur gegen Berufsunfälle (inklusive Arbeitsweg). Diese Versicherung übernimmt neben den Arzt- und Spitalkosten auch 80 Prozent des Lohnausfalls (bis zu einem maximalen Jahreseinkommen von 148'200 Franken). Bei teilweiser Arbeitsunfähigkeit wird das Taggeld anteilsmässig reduziert. Das Taggeld wird bis zum Erreichen der vollen Arbeitsfähigkeit oder zur Zusprechung einer Invalidenrente bezahlt, auch wenn das Arbeitsverhältnis in der Zwischenzeit endet.

Ferien

Ich bin wegen eines Burn-outs 
bis auf weiteres krankgeschrieben. 
In einem Monat wollten wir in die schon 
lange gebuchten Ferien fahren. Mein Arzt befürwortet den Tapetenwechsel. Aber 
wie sieht das rechtlich aus?
Arbeitsunfähigkeit ist nicht immer gleichbedeutend mit Ferienuntauglichkeit. Wenn der Arzt grünes Licht gibt, können Sie die Ferien beziehen. Sie sind dann aber voll als Ferienbezug anzurechnen, und der Arbeitgeber zahlt den üblichen Lohn. Es besteht kein Anspruch auf Krankentaggeld.

100 Prozent arbeitsunfähig

Ich arbeite halbtags in einer Gärtnerei. Daneben verdiene ich in meinem ­privaten Töpferatelier etwas dazu. Nun 
hat mich der Arzt wegen Rückenproblemen zu hundert Prozent krankgeschrieben. Darf ich trotzdem in der Freizeit meine Töpferwaren verkaufen?
Ihr Arzt muss entscheiden, was Sie tun können und was nicht. Laut Bundesgericht bezieht sich ein Arztzeugnis, das Arbeitsunfähigkeit bescheinigt, immer auf die vom Arbeitnehmer an einer bestimmten Stelle zu verrichtende Tätigkeit. Es ist gut möglich, dass man für eine andere Arbeit ganz oder teilweise arbeitsfähig ist. Bitten Sie bei Bedarf den Arzt, das Zeugnis zu präzisieren.

Kündigungsschutz

Darf man mir kündigen, solange ich arbeitsunfähig bin?
Eine Zeitlang sind Sie bei ganzer oder teilweiser Arbeitsunfähigkeit vor einer Kündigung geschützt. Es gelten folgende Kündigungssperrfristen (ab Beginn der Arbeitsunfähigkeit): 30 Tage im 1. Dienstjahr, 90 Tage vom 2. bis und mit 5. Dienstjahr, 180 Tage ab 6. Dienstjahr.

Eine Kündigung, die der Arbeitgeber während dieser Perioden ausspricht, ist ungültig. Sobald die Sperrfrist jedoch abgelaufen ist oder Sie wieder hundertprozentig arbeiten können, ist eine Kündigung erlaubt – selbst wenn Sie noch in ärztlicher Behandlung sind.

Tritt die Arbeitsunfähigkeit erst während der Kündigungsfrist ein, steht diese während der Dauer der Arbeitsunfähigkeit still – längstens bis zum Ablauf der Sperrfrist. Das Arbeitsverhältnis verlängert sich entsprechend und endet dann am darauffolgenden Monatsende.

Guider – der digitale Berater des Beobachters

Mehr zu Arbeitsunfähigkeit bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Bei einer Krankheit oder einem Unfall haben Arbeitnehmer Rechte und Pflichten. Für wie lange erhält man bei Arbeitsunfähigkeit noch den Lohn? Darf der Chef einfach kündigen? Ist ein Vertrauensarzt wirklich nötig? Guider gibt seinen Mitgliedern Antworten auf diese und weitere Fragen.

Lohnfortzahlung bei Krankheit
Lohnfortzahlung bei Unfall
Krankentaggeldversicherung
Arztzeugnis: Spazieren gehen erlaubt?
Kündigungssperrfristen bei Arbeitsunfähigkeit
Kind erkrankt: Dürfen Eltern zu Hause bleiben?

Kündigungsfrist

Ich habe selbst gekündigt und bin kurz darauf für drei Wochen krank geworden. Mein Arbeitgeber meint, ich müsse die verpasste Zeit nacharbeiten. Stimmt das?
Nein, das müssen Sie nicht. Da Sie selbst gekündigt haben, ändert die Krankheit nichts an der Dauer der Kündigungsfrist. Eine Verlängerung der Kündigungsfrist hätte nur stattgefunden, wenn die Kündigung vom Arbeitgeber ausgegangen wäre.

Mitwirkungspflicht

Die Krankentaggeldversicherung meines Arbeitgebers will von mir eine Vollmacht, um Einblick in medizinische Unterlagen von Ärzten, Versicherungen und Behörden nehmen zu können. Muss ich das unterschreiben?
Sie haben gegenüber der Versicherung ­eine Mitwirkungspflicht. Das heisst, Sie müssen gewährleisten, dass der Versicherer überprüfen kann, ob er seine Leistungen zu Recht erbringt. Das kann er in der Regel nur, wenn Sie ihn bevollmächtigen, die massgebenden Akten einzusehen.

Sie haben aber die Möglichkeit, die Vollmacht einzuschränken, wenn Sie Ihnen zu weit geht. Sie können beispielsweise nur den Vertrauensarzt des Versicherers ermächtigen, sich beim behandelnden Arzt zu informieren. Besprechen Sie das aber mit dem Versicherer und handeln Sie eine Lösung aus. Sonst riskieren Sie, dass der Versicherer die Leistungen einstellt – mit der Begründung, Sie hätten Ihre Mitwirkungspflicht verletzt.

Krankentaggeldversicherung bei Kündigung

Man hat mir nach Ablauf der Sperrfrist gekündigt, obwohl ich immer noch krank bin. Zahlt die Krankentaggeldversicherung weiter?
Das hängt vom Versicherungsvertrag ab. Endet der Versicherungsschutz beim Austritt und sind Sie arbeitslos, können Sie die Krankentaggeldversicherung des bisherigen Arbeitgebers in eine Einzelversicherung überführen. Sie erhalten dann weiterhin das versicherte Taggeld, müssen allerdings die teuren Prämien aus der eigenen Tasche bezahlen.

IV: Früherfassung

Ich bin gesundheitlich stark 
angeschlagen und befürchte, dass ich nicht mehr in meinen anstrengenden Beruf zurückkehren kann. Was tun?
Wenn Sie schon länger als 30 Tage arbeitsunfähig sind, sollten Sie sich bei der zuständigen IV-Stelle zu einer sogenannten Früherfassung anmelden. Um keine Leistungen zu verlieren, sollten Sie das spätestens nach sechsmonatiger Arbeitsunfähigkeit tun. Die IV wird mit Ihnen Kontakt aufnehmen und abklären, ob ohne geeignete Massnahmen eine Invalidität droht. Dabei wird auch geprüft, ob es beim jetzigen Arbeitgeber Beschäftigungsmöglichkeiten für Sie gibt oder ob Ihnen ein an­derer Arbeitsplatz vermittelt werden kann. Massnahmen der Frühintervention sind zum Beispiel Anpassung des Arbeitsplatzes, Kurse, Arbeitsvermittlung oder Berufsberatung. Können Sie nicht mehr ins Erwerbsleben eingegliedert werden, stellt sich die Frage nach einer Rente.

Überbrückung bis zur IV-Rente

Ich bin dauernd arbeitsunfähig ­geworden und habe meine Stelle verloren. Der Antrag auf eine IV-Rente läuft. Wo bekomme ich bis zum Entscheid der IV finanzielle Unterstützung?
Während der Wartezeit sollten Sie sich bei der Arbeitslosenversicherung anmelden. Das schadet Ihren Chancen auf eine IV-Rente nicht. Denn zwischen Invaliden- und Arbeitslosenversicherung besteht eine Koordination, die verhindern soll, dass Invalide in ein finanzielles Loch fallen.

Bis zum Entscheid über allfällige Rentenansprüche ist vorerst die Arbeitslosenversicherung zuständig. Sollte sich später herausstellen, dass Sie Anspruch auf eine IV-Rente haben, rechnet die IV zuerst mit der Arbeitslosenversicherung ab. Das heisst, die Renten, die Ihnen für die Zeit des Taggeldbezugs zustehen, werden für die Rückzahlung an die Arbeitslosenkasse verwendet.

Buchtipp

Krankheit oder Unfall - wie weiter im Job?Das gilt, wenn Sie nicht arbeiten könnenMehr InfosIn den WarenkorbE-Book
Autor:
  • Irmtraud Bräunlich
Bild:
  • Thinkstock Kollektion