Fristlose Kündigung «Raus, aber sofort!»

Fristlos entlassen
Im Anschluss an einen «Fristlosen» kommt es häufig zum Rechtsstreit.

Wie hätten Sie entschieden? Acht authentische Fälle und die Frage, ob es gerechtfertigt war, diesen Angestellten fristlos zu kündigen.

aktualisiert am 06. Mär 2017 12:05

Ein Mitarbeiter klaut Geld aus der ­Ladenkasse, fälscht Spesenabrechnungen, verrät der Konkurrenz Geschäftsgeheimnisse – dann ist die Sache klar: Der Chef darf den Angestellten sofort auf die Strasse stellen und muss ihm keinen Lohn mehr zahlen. Eine weitere Zusammenarbeit ist nicht mehr zumutbar.

In anderen Fällen ist die Situation weniger eindeutig. Bei geringeren Verfehlungen, etwa bei häufigem Zuspätkommen, braucht es zunächst eine schriftliche Verwarnung, bevor der Chef einen «Frist­losen» aussprechen darf. Zudem muss ein Arbeitgeber rasch handeln, wenn er jemandem per sofort kündigen will. Überlegt er nämlich zu lange – mehr als zwei bis drei Tage –, signalisiert er durch sein Zögern, dass eine weitere Zusammenarbeit mit dem fehlbaren Mitarbeiter offenbar doch nicht völlig unzumutbar ist. Das verdeutlicht, wie schmal der Grat zwischen gerechtfertigter und ungerechtfertigter fristloser Entlassung ist. Kein Wunder, kommt es im Anschluss an einen «Fristlosen» häufig zu einem Rechtsstreit.

In den folgenden Fällen können Sie sich in die Rolle des Richters versetzen: Halten Sie eine sofortige Vertragsauflösung unter den geschilderten Umständen für rechtens? Unter jedem Fall erfahren Sie, wie das Bundesgericht tatsächlich entschieden hat. Die richtigen Antworten zu den jeweiligen Fragen entsprechen den Erwägungen des Bundesgerichts, die falschen sind frei erfunden.

Fall 1: Ein Verhältnis 
mit dem Mann der Chefin

Die Geschäftsführerin und einzige Verwaltungsrätin einer Ein-Frau-AG, die ein Treuhandbüro betrieb, kündigte ihrer Teilzeitangestellten fristlos, weil diese ein Verhältnis mit ihrem Ehemann hatte, von dem die Chefin allerdings getrennt lebte. Korrekt?

Ja: Eine sofortige Vertragsauflösung kann auch gerechtfertigt sein, wenn der Anstellungsvertrag zwar nicht verletzt wurde, aber eine untragbare Situation entstanden ist. Das ist hier der Fall. Es geht um einen massiven Vertrauensbruch.

Nein: Bei der Arbeitgeberin handelt es sich um eine AG, also um eine juristische Person. Insofern liegt auch kein Liebesverhältnis mit dem Ehemann der Arbeitgeberin vor, sondern mit dem Ehemann der Geschäftsführerin und einzigen Verwaltungsrätin. Der Fall ist nicht gleich zu werten, wie wenn die Beziehung den Ehemann der Arbeitgeberin als Person beträfe. Ausserdem lebte das Paar bereits getrennt.

Fall 2: «Sie können mich langsam…»

Eine Spitalsekretärin hatte Differenzen mit ihrer Vorgesetzten. Als diese die Sekretärin anwies, an einer Telefonliste einige Korrekturen vorzunehmen, rief die Sekretärin ihr in Anwesenheit von Mitarbeiterinnen und Patienten zu: «Sie können mich langsam…» Grund für eine fristlose Entlassung?

Ja: Da die Sekretärin die Chefin vor Untergebenen und Kunden beschimpft hatte, war eine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses nicht mehr zumutbar. Das Verhalten der Frau untergrub die Autorität ihrer Vorgesetzten respektive des Arbeitgebers.

Nein: Die Arbeitnehmerin hat sich unflätig verhalten, was eine Rüge verdient. Eine fristlose Entlassung wäre aber nur im Wiederholungsfall nach einer schriftlichen Verwarnung zulässig gewesen.

Fall 3: Lügen 
bei der Bewerbung

Ein Arbeitnehmer wurde als Direktions­mitglied einer Bank angestellt. In Vorstellungsgesprächen hatte er gesagt, er sei in ungekündigter Stellung und verdiene 180'000 Franken im Jahr. Später stellte sich heraus, dass der Angestellte wegen schlechter Leistung schon vor längerer Zeit entlassen worden war und sein Lohn lediglich 100'000 Franken betragen hatte. Trotz 
guten Leistungen während der Probezeit entliess die Bank den Angestellten fristlos. Zu Recht?

Ja: Ein Direktionsmitglied trägt eine sehr hohe Verantwortung und muss daher besonders aufrichtig und ehrlich sein. Die wahrheitswidrigen Angaben haben das in ihn gesetzte Vertrauen zerstört – unabhängig von der Qualität seiner danach erbrachten Arbeitsleistung. Für die Bank war die Fortsetzung des Vertrags nicht zumutbar.

Nein: Lügen beim Vorstellungsgespräch sind unter Umständen entschuldbar. Hätte der Mann die Wahrheit gesagt, hätte er nie die Chance erhalten, sich zu bewähren. Nachdem seine Leistungen in der Probezeit gut waren, bestand kein Grund für eine fristlose Entlassung.

Fall 4: Die Küsschen 
des Kondukteurs

Im fast leeren Zug setzte sich ein SBB-Zugchef zu einer allein reisenden jungen Passagierin und verwickelte sie in ein Gespräch über private Themen. Beim Verabschieden gab er ihr ein Küsschen auf beide Wangen und berührte mit einer Hand ihr Knie. 
Die Frau meldete den Vorfall, worauf der Kondukteur, der seit 30 Jahren für die SBB gearbeitet hatte, fristlos entlassen wurde. Eine angemessene Sanktion?

Ja: Nur schon, dass sich der Zugchef zu der Frau gesetzt hat, war ein Regelverstoss. Ein Zugbegleiter muss zu den Kunden eine angemessene Distanz wahren und ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Mit seinem von der Kundin als bedrohlich empfundenen Verhalten hat er in krasser Art und Weise seine elementaren Arbeits- und Verhaltenspflichten verletzt.

Nein: Das Verhalten des Zugchefs war zwar unangemessen. Doch die Passagierin hat wohl überreagiert. Ausserdem hätte sie den Zugchef deutlich darauf hinweisen müssen, dass sein Verhalten unerwünscht war. Zu berücksichtigen ist auch das langjährige Dienstverhältnis.

Guider – der digitale Berater des Beobachters

Mehr zu Kündigung des Arbeitsvertrags bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

In der Schweiz können Arbeitsverträge beiderseitig zu jeder Zeit aufgelöst werden. Einen Grund für die Kündigung braucht es nicht, doch es gibt Ausnahmen. Guider-Mitglieder erfahren, welche das sind, ob sie rechtlich gesehen unter Kündigungsschutz stehen und wie sie mittels einer Briefvorlage schriftlich gegen eine fristlose Entlassung protestieren können.

Jobverlust: Kann ich mich wehren?
Diskriminierende Kündigung
Fristlose Entlassung
Massenentlassung
Fristlose Kündigung durch Arbeitnehmer/in
Einvernehmliche Auflösung des Arbeitsvertrags

Fall 5: Angetrunkener 
Fahrer

Ein Mann hatte am Flughafen Genf-Cointrin über 21 Jahre lang ein Fahrzeug gefahren, mit dem Waren für den Bordverkauf zu den Flugzeugen gebracht werden. Eines Tages wurde er beim Fahren auf dem Rollfeld kontrolliert – mit 0,5 Promille. Durfte man ihn deswegen auf der Stelle ­feuern?

Ja: Wer angetrunken auf einem Rollfeld ein Fahrzeug steuert, ist eine Gefahr für den reibungslosen Flugverkehr. In solchen Fällen gilt Nulltoleranz – auch für langjährige Mitarbeiter, die sich bisher nichts zuschulden kommen liessen.

Nein: Der Mann hat niemanden gefährdet und arbeitete schon seit über 20 Jahren klaglos beim gleichen Arbeit­geber. Ohne vorherige Verwarnung war eine fristlose Entlassung nicht gerechtfertigt.

Fall 6: Missstände dem Fernsehen gemeldet

Eine Pflegerin in einem Heim, in dem massive Missstände herrschten, drehte in den Räumlichkeiten ihres Arbeit­gebers einen Film und übergab diesen dem Fernsehen, noch bevor sie bei der Gesundheitsdirektion wegen der Missstände Anzeige erstattete. Zudem nahm sie an einer Demonstration ­gegen das Heim teil. Dieses wurde später von den Behörden geschlossen. War die fristlose Entlassung der Pflegerin rechtens?

Ja: Die Pflegerin hätte zuerst die Reaktion der Behörde abwarten müssen. Erst wenn diese untätig geblieben wäre, hätte sie sich an die Medien wenden dürfen. Die Pflegerin verletzte so ihre Treue- und Verschwiegenheitspflicht als Arbeitnehmerin.

Nein: Es ging hier um Missstände in einem Pflegeheim, das ist unbestritten. Die Pflegerin musste daher handeln und konnte nicht zuwarten, ob die Behörde etwas unternehmen würde. Sie verstiess zwar gegen ihre Treuepflicht, aber aus entschuldbaren Gründen.

Fall 7: Kompetenzen überschritten

Eine Pflegehelferin, die zur Nachtwache eingeteilt war, erhielt mündlich und schriftlich Weisung, eine 94-jährige Patientin stündlich zu kontrollieren und bei einem Notfall die pikettdiensthabende Pflegefachfrau zu alarmieren. Am frühen Morgen stürzte die Patientin aus dem Bett auf den unbeheizten Fussboden. Die Pflegehelferin lagerte die betagte Frau und deckte sie zu. Sodann behandelte sie eine Blutung am Kopf. Sie informierte jedoch die Pflege­fachfrau nicht sofort, sondern wartete, bis diese etwa 40 bis 50 Minuten später ihre ­Arbeit antrat. Die Arbeitgeberin feuerte 
die Angestellte auf der Stelle: Sie habe die Situation – einen klaren Notfall – völlig falsch eingeschätzt, trotz eindeutigen Weisungen. Zudem habe sie ihre Kompetenzen als Pflegehelferin überschritten, als sie die Kopfwunde selbst versorgte. Grund genug für den blauen Expressbrief?

Ja: Schwere Pflichtverletzungen können Grund für eine fristlose Entlassung sein. Dass Vorschriften über das Verhalten in Notfällen strikt eingehalten werden, ist in einem Seniorenheim von existenzieller Bedeutung. Ausserdem hatte die Pflegehelferin die klaren Berufsstands-Richtlinien des Schweizerischen Roten Kreuzes und somit ihre Berufspflichten massiv verletzt.

Nein: Kompetenzüberschreitungen und Pflichtverletzungen rechtfertigen eine fristlose Entlassung nur dann, wenn Absicht oder böser Wille dahintersteckt. Die Pflegehelferin handelte zwar falsch, aber subjektiv nach bestem Wissen und Gewissen. Ihr Verhalten rechtfertigte keine fristlose Kündigung.

Fall 8: Als Angestellter Einzelfirma gegründet

Ein Angestellter wollte sich selbständig ­machen. Obwohl er noch nicht gekündigt hatte, gründete er eine Einzelfirma – in der Freizeit und ohne dass seine Arbeitsleis­tungen darunter litten. Die Einzelfirma sollte nach Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist ihre Tätigkeit aufnehmen und den bisherigen Arbeitgeber nicht konkurrenzieren. Als die Vorgesetzten davon ­erfuhren, kündigten sie dem Angestellten fristlos. Durften sie das?

Ja: Es ist ein schwerer Vertrauensbruch und Verstoss gegen die Treuepflicht, wenn ein Arbeitnehmer im ungekündigten Arbeitsverhältnis bereits den Aufbau einer selbständigen Existenz in Angriff nimmt. Das wäre erst nach erfolgter Kündigung ­erlaubt – und auch nur dann, wenn der ­Arbeitgeber ausdrücklich zugestimmt hat.

Nein: Ein Arbeitnehmer hat bereits vor der Kündigung das Recht, eine neue Beschäftigung vorzubereiten, sofern er dabei die berechtigten wirtschaftlichen Interessen des Arbeitgebers nicht beeinträchtigt. Davon kann hier keine Rede sein.

Zu Unrecht fristlos gefeuert? So wehren Sie sich

Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie 
zu Unrecht fristlos entlassen wurden, sollten Sie umgehend mit einem eingeschriebenen Brief an den Arbeitgeber gegen die Entlassung protestieren, zum Beispiel mit dem Musterbrief von Guider «Protest gegen fristlose Entlassung» (exklusiv für Mitglieder). Lenkt dieser nicht ein, können Sie ­gegen ihn klagen.

Sollte sich in einem Gerichtsverfahren herausstellen, dass die Kündigung ungerechtfertigt war, haben Sie Anspruch auf den Lohn für die Kündigungsfrist, die bei einer ordentlichen Kündigung gegolten hätte. Zusätzlich kann der Richter den Arbeitgeber verpflichten, Ihnen eine Entschädigung von maximal sechs Monatslöhnen zu bezahlen. Die Höhe der Entschädigung hängt von den Umständen ab: Dauer des Arbeitsverhältnisses, Vorgeschichte der Entlassung, Auswirkungen et cetera spielen eine Rolle.

Buchtipp

Job wegWas tun bei Arbeitslosigkeit?Mehr InfosIn den WarenkorbE-Book
Autor:
  • Irmtraud Bräunlich
Bild:
  • Thinkstock Kollektion