Mehrfachbeschäftigung Zwei Jobs – viele Fragen

Im Büro, aber nicht nur: Zehn Prozent der erwerbstätigen Frauen arbeiten an mehr als einer Stelle.

315'000 Erwerbstätige in der Schweiz haben mehr als eine Arbeit – Tendenz steigend. Wer an zwei Orten arbeitet, dem stellen sich rechtliche Fragen. Hier die Antworten.

Ich habe eine 60-Prozent-Stelle und würde gern mehr arbeiten. In unserem Betrieb ist das aber nicht möglich. Kann mir mein Arbeitgeber verbieten, anderswo Arbeit zu suchen?

Nicht grundsätzlich. Es ist erlaubt, mehrere Jobs zu haben. Allerdings haben Sie gegenüber dem jetzigen Arbeitgeber eine Treuepflicht. Sie dürfen also keine zusätzliche Tätigkeit ausüben, die ihn konkurrenziert oder sonstwie seine berechtigten Interessen verletzt – sich bei der direkten Konkurrenz zu bewerben, liegt also nicht drin. Ausserdem sollten Mehrfachbeschäftigun­gen die Erfüllung der vertraglichen Pflichten an den jeweiligen Arbeitsplätzen nicht beeinträchtigen. Das heisst, Sie müssen in der Lage sein, die verschiedenen Jobs klar voneinander zu trennen und sich an jedem Ort voll einzusetzen.

Ich arbeite Vollzeit in einer Immobi­lienfirma und könnte nun zusätzlich an drei Abenden in der Woche in einer Bar aushelfen. Ich brauche das Geld. Kollegen haben mir aber gesagt, es sei nicht erlaubt, mehr als 100 Prozent zu arbeiten.

Das stimmt so nicht ganz, die Stellenprozente sind nicht entscheidend. Das Arbeits­gesetz definiert jedoch Höchstarbeitszeiten (zum Beispiel 45 Stunden in der Industrie, 50 Stunden in Gewerbebetrieben), die ein­zuhalten sind – auch wenn man mehrere Arbeitgeber hat. Ausserdem ist eine tägli­che Ruhezeit von elf Stunden vorgeschrieben. In Ihrem Fall wäre also zu prüfen, ob diese Vorschriften trotz Nebenjob eingehalten werden können. Abgesehen davon darf Ihre Leistung in der Immobilienfirma nicht unter der abendlichen Zusatzbeschäftigung leiden, indem Sie etwa am Morgen erschöpft und unausgeschlafen zur Arbeit erscheinen.

Mehrfachbeschaeftigung: Zwei Jobs – viele Fragen
Abends noch in der Bar arbeiten: erlaubt, wenn man zeitmässig nicht übertreibt und am nächsten Morgen fit für den andern Job ist

Ich spare für eine grössere Anschaffung. Statt in der Sonne zu liegen, will ich meine fünf Wochen Ferien dazu nutzen, noch etwas dazuzuverdienen. Dagegen ist ja wohl nichts einzuwenden, oder?

Das sieht der Gesetzgeber anders: Gemäss Obligationenrecht kann der Arbeitgeber den Ferienlohn verweigern respektive zurückverlangen, wenn ein Angestellter während der Ferien bezahlte Arbeit für einen Dritten leistet. So ging es etwa einem Carchauffeur, der in den Ferien als Lagerist jobbte. Laut Bundesgericht verstiess er damit gegen die legitimen Interessen seines regulären Arbeitgebers. Denn Ziel der Fe­rien sei es, sich auszuruhen und die volle Arbeitskapazität wiederzuerlangen.

Bei der Firma A arbeite ich jeweils von Montag bis Mittwoch, bei der Firma B immer am Donnerstagnachmittag und Freitag. Nun verlangt Arbeitgeber A, dass ich in Zukunft auch an anderen Tagen einspringe. Was kann ich tun?

Wenn Sie bei A an anderen als den vertraglichen Einsatztagen arbeiten sollen, handelt es sich um Überstunden. Diese müssen Sie leisten, wenn es laut Gesetz «notwendig und zumutbar» ist. In Ihrem Fall wären solche Überstunden – abgesehen vom Donnerstagmorgen – jedoch nicht zumutbar, da Sie anderweitige Verpflichtungen haben. Sie können sie daher ablehnen. Will der Arbeitgeber die festen Arbeits­tage dauerhaft ändern, kann er das nur unter Einhaltung der Kündigungsfrist. Von heute auf morgen müssen Sie keine Vertragsänderungen akzeptieren.

Ich arbeite zu 70 Prozent in einem Pflegeheim. Daneben bin ich als selbständige Feng-Shui-Beraterin tätig. Nun hat mich der Arzt 100 Prozent krankgeschrieben. Die selbständige Tätigkeit könnte ich jedoch weiterhin ausüben, meint er. Ist das erlaubt?

Ja, das ist durchaus möglich. Das Bundesgericht hat erst kürzlich in einem Entscheid festgehalten, dass sich ein Arztzeugnis, das einem Beschäftigten eine 100-prozentige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt, immer auf die Tätigkeit an einer bestimmten Stelle bezieht. Es sei aber gut möglich, dass man für eine andere Arbeit ganz oder teilweise arbeitsfähig ist. Um allfällige Zweifel auszuräumen: Bitten Sie Ihren Arzt, im Zeugnis zu präzisieren, für welche Tätigkeiten Sie arbeitsunfähig sind.

Neben meinem Hauptberuf in einem Restaurant helfe ich stundenweise in einer Bäckerei aus und verdiene dabei ein paar hundert Franken im Monat. Ist dieser Nebenerwerb AHV-pflichtig?

Entscheidend ist, wie viel Sie in der Bäckerei im ganzen Jahr verdienen. Prinzipiell sind von jeder Lohnzahlung AHV/IV/EO- und ALV-Beiträge abzuziehen. Eine Ausnahme gibt es, wenn der Jahreslohn beim selben Arbeitgeber nicht über 2300 Franken liegt und es sich nicht um eine Anstellung in einem Privathaushalt oder eine künst­le­rische Tätigkeit handelt. Dann kann auf den AHV-Abzug verzichtet werden.

Mehrfachbeschäftigung in der Schweiz: Unter erwerbstätigen Frauen öfter der Fall

Klicken Sie auf die Grafik, um sie vergrössert anzuzeigen.

Ich arbeite rund 20 Stunden in einer Druckerei, zudem erledige ich seit vier Monaten Schreibarbeiten in einer Arzt­praxis – rund sieben Stunden pro Woche. Nun habe ich mir das Bein gebrochen.

In der Druckerei sind Sie obligatorisch bei Freizeitunfällen versichert, weil Sie mehr als acht Stunden wöchentlich dort arbeiten. Die Unfallversicherung der Druckerei kommt für die Heilungskosten auf und deckt 80 Prozent Ihres dortigen Lohnausfalls. In der Arztpraxis arbeiten Sie hin­gegen weniger als acht Stunden und sind daher bei Freizeitunfällen nicht versichert. Dieser Arbeitgeber muss Ihnen aber aus der eigenen Tasche den Lohn weiterbezahlen. Da Sie noch im ersten Dienstjahr sind, allerdings nur während dreier Wochen.

Mehrfachbeschäftigung in Europa: Die Schweiz ist mit 7,4% auf einem Spitzenplatz

Klicken Sie auf die Grafik, um sie vergrössert anzuzeigen.

Pensionskassenversicherung seien obligatorisch, wenn man mehr als 21'060 Franken im Jahr verdiene. Ich verdiene mehr bei zwei Arbeitgebern: Einerseits rund 17'000 Franken, andererseits etwa 14'000. Wie sieht das mit der Pensionskasse aus?

Grundsätzlich sind Sie bei keinem Arbeitgeber versichert, weil Sie an beiden Orten weniger als 21'060 Franken verdienen. Da die Summe Ihrer Einkünfte jedoch darüberliegt, können Sie sich freiwillig einer Pen­sionskasse anschliessen, sofern das PK-Reglement eines Ihrer Arbeitgeber diese Möglichkeit vorsieht. Ist das nicht der Fall, bleibt die Möglichkeit, sich der Stiftung Auffangeinrichtung BVG  (www.aeis.ch) anzuschliessen.

Ich hatte die letzten paar Jahre zwei Stellen – eine zu 60 Prozent und eine zu 40 Prozent. Nun habe ich die Stelle mit dem kleineren Pensum verloren. Kann ich für den Lohnausfall Arbeitslosenentschädigung beziehen?

Ja, das können Sie. Ihr früheres Gesamteinkommen gilt als Ihr versicherter Verdienst. Die verbleibende 60-Prozent-Stelle wird als Zwischenverdienst betrachtet. Je nachdem, ob Sie für Kinder sorgen müssen, erhalten Sie 70 oder 80 Prozent Ihres Verdienstausfalls. Selbstverständlich sind Sie verpflichtet, nach einer neuen Teilzeitstelle zu suchen. Möglicherweise wird man auch von Ihnen verlangen, dass Sie die zweite Teilzeitstelle zugunsten einer hundertprozentigen Anstellung aufgeben. Ob man Sie dazu zwingen kann, ist rechtlich allerdings umstritten.

Text:
  • Irmtraud Bräunlich
Bild:
  • Basil Stücheli

0 Kommentare

  • Kommentar Formular