Arbeitslose
«Sonst heisst es, Bern sei langsam»
Im Eiltempo wollte die Bundesverwaltung Leistungen für arbeitslose Schulabgänger kürzen - und blitzte ab. Jean-Luc Nordmann, stellvertretender Seco-Direktor, verteidigt sich.

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Schnell und heimlich plante das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), die staatlichen Beiträge für die so genannten Motivationssemester zu halbieren. Diese Programme sind für Jugendliche gedacht, die weder eine Lehrstelle noch einen Platz in einem zehnten Schuljahr gefunden haben. Nach heftigen öffentlichen Protesten verzichtet das Seco auf die Kürzungen. Vorerst.
Beobachter: Alt Bundesrat Joseph Deiss wollte die Motivationssemester ausbauen, Sie planen einen Abbau. Geht im Seco ein neuer Geist um? Der Geist der Kürzungen?
Jean-Luc Nordmann: Die Motivationssemester sind erfolgreich. Wir wollen sie weiterführen, aber zugleich optimieren. Zurzeit erhalten die Teilnehmer ein Taggeld von 450 Franken im Monat. Von der Front wurde gemeldet, dass wir mit diesem Geld falsche Anreize setzen.
Beobachter: Wer ist die Front?
Nordmann: Front, das klingt so kriegerisch. Sagen wir lieber: die Leute aus der Praxis. Solche von der Berufsbildung und solche, die Platzierungen vornehmen. Nach diesen Reaktionen beschlossen wir, mögliche Änderungen rasch in die Vernehmlassung zu geben.
Beobachter: Sie vernebeln: Sie planten diese Änderungen auf Anfang Oktober.
Nordmann: Wenn sie noch für die Schulabgänger dieses Sommers wirken sollten, war ein rasches Vorgehen angezeigt. Sonst heisst es immer, Bern sei zu langsam.
Beobachter: Die Sozialvorsteherinnen der Städte Zürich und Winterthur kritisierten, die geplanten Änderungen seien kontraproduktiv.
Nordmann: Das ist eine Falschinterpretation. In den nächsten Monaten werden wir nochmals diskutieren. Dann müssen wir allfällige Änderungen dem Bundesrat zum Entscheid vorlegen.
Beobachter: Sie sprechen von falschen Anreizen. Damit unterstellen Sie den jungen Arbeitslosen, sie seien faul und wollten nur die 450 Franken abholen.
Nordmann: Nein! Es wäre falsch, wenn das so rübergekommen ist. Wir wollen vermeiden, dass jemand ein Überbrückungsangebot der Berufsbildung wegen dieser 450 Franken nicht annimmt.
Beobachter: Ist der neue Arbeitgeberdirektor Thomas Daum auch einer von der Front? Der hat erst kürzlich gefordert, die Bezugsdauer von Taggeldern für junge Arbeitslose zu kürzen. Was für ein Zufall.
Nordmann: Das hat nichts miteinander zu tun. Im Seco herrscht der alte Geist, der zum Ziel hat, Jugendliche in die Ausbildung zu bringen: Sie sollen zuerst versuchen, eine Lehrstelle zu bekommen. Darauf basierte auch der Vorschlag, dass der Eintritt in ein Motivationssemester nicht mehr sofort, sondern erst zwei Monate nach Beendigung der Schule erfolgen kann.
Beobachter: Dieser Vorschlag, so die Kritik, sei praxisfern. Die Jungen würden dann eben zwei Monate lang rumhängen.
Nordmann: Das ist denkbar. Doch wir klären das jetzt zusammen mit unseren Partnern vertieft ab.
Beobachter: Das Seco verzichtet nun «kurzfristig» auf die Änderungen. Langfristig kommen sie also doch? Oder können Sie das ausschliessen?
Nordmann: Wir können überhaupt nichts ausschliessen. Welches die Schlussfolgerungen sind, kann ich Ihnen erst Ende Jahr sagen. Wir wollen zusammen mit den kantonalen Behörden die optimale Lösung für jugendliche Schulabgänger finden - für einen möglichst nachhaltigen Einstieg in eine Berufsausbildung.
Beobachter: Das war jetzt ein schöner Werbespot.
Nordmann: Aber veröffentlichen Sie ihn auch. Denn die Aussage entspricht der Wahrheit.
Beobachter: Überrascht es Sie, wenn ich Ihnen sage, dass mich Ihre Antworten nicht wirklich beruhigen?
Nordmann: Nein, das überrascht mich aufgrund der Thesen nicht, die Ihren Fragen in den letzten 17 Minuten zugrunde gelegen sind.
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© Beobachter Ausgabe 20 vom 27. Sep 2006 - Alle Rechte vorbehalten















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