Arbeitsmarkt Die Langstrecken-Pendler

Daheim gibt es keine Jobs. Deshalb nehmen deutsche Gastarbeiter weite Wege in Kauf. Um Frau und Kinder zu sehen, fahren sie tausend Kilometer durch die Nacht. Eine Reise vom zürcherischen Embrach an die Ostsee.

Noch 160 Kilometer und freie Fahrt. Keine verwirrlichen Abzweigungen mehr, keine Schwertransporter. Keine Baustellen, das Tempolimit aufgehoben. Ein paar Lkws auf der Strecke, alle auf der rechten Spur, keiner überholt. Es ist vier Uhr morgens in Brandenburg, irgendwo hinter Berlin. Am Autoradio läuft «Antenne MV», zwischen den Musikstücken gibts Informationen über die aktuellen Standorte der Radarfallen. Andreas Lang döst im Beifahrersitz, Jörg Trampenau fährt in den frühen Freitagmorgen hinein. Nach Hause, für drei Tage und drei Nächte.

Donnerstagabend, halb sechs Uhr, Holzbau Schindler & Scheibling in Uster. Über dem verschwitzten T-Shirt trägt Andreas Lang ein Gilet mit acht grossen, silbernen Knöpfen, dazu eine schwarze, verstaubte Cordhose, die Arbeitstracht der deutschen Zimmerleute. Er füllt seinen Tagesrapport aus. Neun Stunden ablängen, einpassen, anschlagen auf einem Neubau in Wetzikon. Jörg Trampenau kommt hinein und greift ebenfalls zum Rapport. Neun Stunden Arbeit an der Fassade einer Scheune in Erlosen bei Hinwil. Total 37 Stunden in vier Tagen. Es ist Donnerstag und Wochenende für die zwei. Die Zeit ist kostbar, sie wollen heim. Ein «Tschüss» hier, ein «Ciao» da. Eine gute Reise wünscht keiner. Manchmal - «nicht in dieser Firma», sagt Jörg - heisse es: «Die Ossis kommen», wenn man auf der Baustelle erfährt, dass sie aus Ostdeutschland stammen.

Imppression aus dem Pendlerleben
Aathal, Brüttisellen, Embrach. Gas, Bremse, Gas. Andreas kurvt durch die Dörfer, hart am Limit oder darüber. Andreas Lang, 48-jährig, früher gelernter Landwirt in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Tierproduktion in Lüssow, Mecklenburg-Vorpommern, DDR. Nach der Wende umgeschult zum Zimmermann, geschieden, eine Tochter, ein Sohn. Neben ihm Jörg Trampenau, 46-jährig. Zu Ostzeiten Matrose auf dem Frachter «Junge Garde» im Fischkombinat Rostock, heute ebenfalls Zimmermann, verheiratet, eine Tochter, ein Sohn.

Als Jörg Trampenau arbeitslos geworden war, liess er sich beim Arbeitsamt auf eine Liste setzen: «Arbeitswillige europaweit». «Als Anfang 2005 das Angebot aus der Schweiz kam, da sagte ich zu Andreas: ‹Komm doch einfach mit.›» Und dieser, ausgesteuert, «auf Hartz IV», kam mit. Man packte das Nötigste in den klapprigen Ford Fiesta und fuhr südwärts, zur Arbeit.

Anzeige:

Seither pendeln sie. Zwischen den verschiedenen Jobs, die ihnen die Temporärfirma vermittelt. Mal hier ein paar Wochen, mal dort zwei oder drei Monate. Und sie pendeln zwischen der Schweiz und Deutschland, zwischen Arbeitsort und Daheim. Alle drei Wochen geht es für drei Tage und drei Nächte nach Hause.

Eine unruhige Nacht für die Frau daheim
Embrach, Irchelstrasse 21. Die Wohnung ist nur eine Bleibe auf Zeit, ein Ort zum Ausruhen zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn: In der Küche ein Plastiktisch mit einer Plastikblume, einige dreckige Tassen im Spülbecken. An der Magnetwand Werbezettel von «City Pizza Bülach» und vom Videoverleih «Movie Time». Die Zimmer gleichen sich: ein Bett, ein Schrank für die Kleider, ein grosser Fernseher. Auf Jörgs Fensterbrett steht ein Familienfoto.

Andreas packt in der Küche altes Brot in eine Tasche: «Für die Gänse zu Hause.» Viel reden mag er nicht, die bevorstehende Fahrt durch die Nacht - ist es die dreissigste, die vierzigste? - macht ihn nervös, auch nach zwei Jahren noch.

Imppression aus dem Pendlerleben

Alle drei Wochen beginnt das Wochenende für Andreas Lang und Jörg Trampenau schon am Donnerstagabend. Vor ihnen liegen 1060 Autobahnkilometer.


Jörg stopft Kleider in seinen orangefarbenen Rucksack, setzt sich an den Küchentisch, trinkt noch einen Kaffee, Koffein für die lange Reise. Er greift zum Telefon, wählt die Nummer von daheim: «Hallo, ich bins. Wir fahren gleich los.»

1'060 Kilometer entfernt beginnt für seine Frau Babett eine unruhige Nacht. Sie weiss, dass Jörg und Andreas schon seit sechs Uhr morgens auf sind, dass sie neun Stunden Baustelle hinter sich und zehn Stunden Autobahn vor sich haben. Bis irgendwann im Morgengrauen die Tür aufgeht, sie vertraute Schritte hört, wird sie wenig schlafen.

19.30 Uhr, Zeit zum Aufbruch. Am Radio läuft «Plüsch»: «I wett, dass du weisch, dass du mir fählsch, dass mini Wäut nid farbig isch, solang i nid i dire Nechi bi, oder du i mire bisch.» Andreas startet den Motor, es kann losgehen.

Embrach, Henggart, Schaffhausen. An der Grenze wechselt Jörg die Sim-Karte bei seinem Handy, von Swisscom zu T-Mobile. Die deutschen Zöllner wünschen gute Fahrt. «Andreas», sagt Jörg und lehnt sich im Beifahrersitz zurück, «Deutschland hat uns wieder.»

Auf dem Bau wird Deutsch gesprochen
Sindelfingen, Heilbronn, Würzburg, Schweinfurt. A81, A3, A7, A70. Es dämmert und wird Nacht in Deutschland. Kilometer um Kilometer zieht sich die Autobahn dahin. Die Aussenwelt besteht nur noch aus dem Kegel der eigenen Scheinwerfer, roten Bremslichtern, orangefarbenen Warnleuchten und blauen Tafeln.

Ausfahrten und Städte ziehen vorbei: Ebelsbach, Viereth-Trunstadt, Bamberg, unwirkliche Orte, die auftauchen und wieder im Rückspiegel verschwinden.

Und irgendwo auf den Autobahnen Deutschlands, da müssen Schicksalsgenossen von Jörg und Andreas unterwegs sein. Pendler, die die Arbeitssuche in die Schweiz geführt hat. Knapp 17'000 Deutsche mit einer L-Bewilligung waren Mitte 2006 in der Schweiz registriert, laut Statistik die grösste Gruppe unter der «erwerbstätigen, nicht ständigen ausländischen Wohnbevölkerung 4-12 Monate». Das sind mehr als alle portugiesischen und italienischen Kurzaufenthalter zusammen. «Auf den Baustellen wird heute Deutsch gesprochen», sagt Adrian Holzmann von der Temporärvermittlung Wasmu Personal AG. 70 Prozent der von ihm Vermittelten seien Deutsche, und der Bedarf sei gross: «Es wird immer schwieriger, gute Leute zu finden.»

Imppression aus dem Pendlerleben

Dicke Luft um ein Uhr nachts in Droyssig: Andreas Lang (links) nervt sich nach stundenlanger Fahrt über den kleinen Tank des Ford Fiesta.


Die Uhr zeigt kurz nach eins, als Jörg den «Autohof 21b» bei Droyssig ansteuert. Zeit für eine Tankfüllung und eine Pause, 630 Kilometer seit Embrach. Andreas ist genervt, flucht, als weniger Benzin in den Tank passt, als er gerne möchte, regt sich über eine Fliege in der Raststätte auf: «Die nervt penetrant.» Die beiden essen eine Bockwurst, trinken sich mit Kaffee wach für die zweite Hälfte der Reise.

Leipzig, Dessau, Potsdam, Berlin-Spandau. Die Millionenstadt ist nur ein flackerndes Lichtermeer mitten in einem heftigen Gewitter. Beim Dreieck Havelland übernimmt noch einmal Andreas das Steuer. Noch 160 Kilometer und freie Fahrt. «Zu uns rauf will keiner», sagt Jörg und starrt auf die leere Autobahn.

Der Nachbar arbeitet in Norwegen
Eine Stunde später, um halb sechs Uhr, öffnet sich an der Laager Strasse 25 in Schwaan, 1060 Kilometer von Embrach entfernt, die Tür, und Babett Trampenau weiss, dass ein weiteres Mal alles gutgegangen ist. Kurz darauf parkiert Andreas den Fiesta in Mistorf vor seinem Haus an der Dorfstrasse 52. Die Gänse schnattern.

Andreas ist nicht der einzige Pendler im Dorf. Der Nachbar arbeitet in Norwegen und will demnächst dorthin umziehen, andere haben Arbeit in Westdeutschland oder sind Fernfahrer. «Konsum-Fritze» ist einer der wenigen, die geblieben sind und noch Arbeit haben. Andreas' bester Freund führt den Dorfladen mit Imbiss als Einmannbetrieb, Montag bis Freitag, von 9 bis 17 Uhr. Nach Feierabend füttert er Andreas’ Gänse. Am Sonntag wollen sie die letzte aus dem Vorjahr gemeinsam verspeisen. «Es wär schon schön, wenn er öfter da wäre», sagt Konsum-Fritze und schaut in den Garten mit den Obstbäumen hinaus.

Andreas sitzt neben ihm, eine Bierflasche in der Hand, und schweigt erst mal. Der Job in der Schweiz sei okay, sagt er dann. 30 Franken brutto in der Stunde, um die 5'000 Franken im Monat, für deutsche Verhältnisse ein guter Lohn. «Dafür muss ich zwei Wohnungen bezahlen. Und ich kann nicht hier sein, wenn schönes Wetter ist. Ich bin nicht gerne in der Stadt.» Und Embrach, das ist klar, zählt als Stadt.

Imppression aus dem Pendlerleben

«Ich bin nicht gerne in der Stadt»: Nach der anstrengenden Reise geniessen die deutschen Pendler die vertraute Umgebung.


Sohn Christopher schaut bei diesen Worten kurz zum Vater auf. Andreas hat ihn am Mittag nach ein paar Stunden Schlaf in Rostock abgeholt. Vor einigen Tagen hat Christopher die Lehrabschlussprüfung als Koch bestanden. Nun hat er sich für fast zwei Jahre zum Militär verpflichtet. Er hofft auf einen Einsatz in Afghanistan. Arbeit ist schwierig zu finden in der Gegend.

Auch Jörg hat am Freitag nur kurz geschlafen. «Wenn ich zu Hause bin, habe ich ständig Angst, etwas zu verpassen.» Er steht im Flur, Maurerkelle und Spachtel noch in der Hand, und verputzt Türrahmen und Fussleisten. Monatelang hat er an diesem Flur gearbeitet, alle drei Wochen einen Tag. Jetzt ist Samstagabend und das Werk vollendet.

Stunden, die zu schnell vergehen
Man setzt sich in die Küche, es gibt Pflaumenkuchen mit Streusel und Cappuccino aus der Dose. Sohn Julien sitzt dabei, Tochter Dominique muss arbeiten. Sie wird ihren Vater erst am Sonntag sehen, wenn sich die Familie «beim Italiener» zur Pizza trifft. «Die Männer meiner Arbeitskolleginnen, die sind entweder abgehauen, oder sie arbeiten im Ausland», sagt Babett Trampenau. Als Jörg noch zur See fuhr, da habe man sich manchmal drei Monate lang nicht gesehen: «Das stimmte für uns auch so, damals.» Aber jetzt vermisst sie ihren Mann, und sie merkt, wie er jeden Monat unzufriedener wird. Und wie Julien seinen Vater vermisst. In den Sommerferien in der Türkei, da wich der Dreizehnjährige nicht von Vaters Seite. «Am 31.12. ist Schluss in der Schweiz, endgültig», sagt Jörg: «Das ist kein Leben so.» Er hat von einer norwegischen Holzbaufirma gehört, die in Rostock eine Niederlassung eröffnen will. Und sonst gibts vielleicht Arbeit in Dänemark, «da könnte ich jedes Wochenende nach Hause kommen».

In der «Schweriner Volkszeitung» steht tags darauf, dass in Mecklenburg-Vorpommern 12'000 Firmen fehlen. Würde diese Lücke gefüllt, könnten 70'000 Stellen geschaffen und die Arbeitslosenquote unter zwölf Prozent gedrückt werden. Investoren von ausserhalb, so erklärt der Präsident der Schweriner Industrie- und Handelskammer, müsste «der rote Teppich ausgerollt werden».

Später am Tag packen Vater Jörg und Sohn Julien ihre Angelruten, nehmen Boxer Macho an die Leine und machen sich auf an die Warnow. Wie jedes Mal, wenn Jörg zu Hause ist. «Schön wäre es schon, wenn er öfter da wäre», sagt Julien. «Letztlich sind es immer nur ein paar Stunden, die wir zusammen haben», sagt Jörg und blickt auf den Fluss.

Stunden, die viel zu schnell vorbeigehen. Am Montag kurz vor Mittag packt Jörg seinen orangefarbenen Rucksack wieder. Andreas wartet schon im Auto. 1'060 Kilometer Autobahn bis Embrach liegen vor ihnen. «In drei Wochen bin ich wieder da», sagt Jörg. «Und dann zwei Wochen später wieder», ergänzt Dominique. «Deine Tochter hat dann nämlich Geburtstag.» Das, sagt Jörg leise, könne er nicht versprechen. Dann startet Andreas den Motor.

Imppression aus dem Pendlerleben

«Das ist kein Leben so»: Künftig will Jörg Trampenau öfter zu Hause sein.

Text:
  • Thomas Angeli
Bild:
  • Tomas Wüthrich
12. September 2007, Beobachter 19/2007