• Anzeige:

  • Anzeige:

Berufseinstieg: Lehrreiches Abwarten

Text:
  • Fred Frohofer
Ausgabe:
7/03

Viele Jugendliche finden nicht direkt nach ihrem Schulabschluss eine Lehrstelle. Doch auch ein Zwischenjahr ist nützlich – zumindest bei zielgerichtetem Vorgehen.

Für die 17-jährige Désirée Schläpfer aus Zürich ist 2002 ein verlorenes Jahr. Nach Abschluss der Sekundarschule legte sie ein gestalterisches 10. Schuljahr ein – mehr aus Not denn aus Überzeugung. Denn trotz intensiver Suche hatte sie keine Lehrstelle gefunden. «Ich merkte allerdings schon bald, dass Gestalten nicht so mein Ding ist. Ich kann nicht auf Befehl kreativ sein», sagt die 17-Jährige. Letzten Herbst stand die junge Frau erneut mit leeren Händen da: Ein kreativer Beruf kam für sie nicht in Frage. Doch in einem anderen Bereich liess sich keine Lehrstelle mehr finden; sie hatte zu lange getrödelt, das Rennen um freie Plätze war gelaufen.


«Ein Zwischenjahr ist oft eine Enttäuschung», sagt Claire Barmettler, Mitinhaberin des S&B Instituts für Berufs- und Lebensgestaltung in Bülach. Das Jahr müsse «konkreten Zielen dienen», so Barmettler. «Es soll einem nützen, und man muss etwas wählen, was man gern macht.»


Angesichts der grossen Auswahl an so genannten Brückenangeboten (siehe Nebenartikel «Überbrückung: Orientieren und weiterbilden») ist guter Rat gefragt. Berufsberatungsstellen können den Jugendlichen Hinweise geben, welche Variante für sie in Frage kommt. Auch mit Schulbesuchen oder Kontakten zu Absolventen lässt sich klären, ob die anvisierte Überbrückungslösung passt.


Angebote wie Berufsvorbereitungsjahre sind auf bestimmte Fachgebiete ausgerichtet. Sie eignen sich, wenn das Berufsziel klar ist. Ist man sich hingegen über die künftige Tätigkeit im Unklaren, gibt es bessere Möglichkeiten. So lassen sich etwa während eines theoretischen 10. Schuljahrs die Noten verbessern. Ist die Motivation dafür nicht vorhanden, ist eine Berufswahlschule eine mögliche Alternative.


Schulmüde finden vielleicht fernab von zu Hause ihr Ziel – im Rahmen eines Austauschprojekts. «Jugendaustausch ist eine nützliche Orientierungsmöglichkeit, die auch bei der Ablösung vom Elternhaus hilft», sagt Silvia Mitteregger, Koordinatorin bei der Organisation ch Jugendaustausch. Allerdings seien Aufenthalte in anderen Sprachgebieten und Au-pair-Stellen heute nicht mehr sonderlich beliebt. «Dass die Jugendlichen eine Fremdsprache vertiefen, wird vor allem von den Eltern gewünscht. Die Jungen selber finden den Aufenthalt erst nach einiger Zeit gut.»


Eine Zeit lang in einem fremdsprachigen Gebiet zu leben kann aber auch jenen Schulabgängern nützlich sein, die ihr Berufsziel bereits kennen, jedoch mangels Lehrstellen den Einstieg in die Berufswelt nicht schaffen. «Ein Time-out tut den Jugendlichen gut, es macht sie reifer», ist Silvia Mitteregger überzeugt.


«Welche Zwischenlösung auch immer gewählt wird: In keinem Fall darf sie als Auszeit bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz verstanden werden», warnt die Berufsberaterin und Psychologin Claire Barmettler. «Höchstens zwei Monate Pause kann man sich gönnen, aber spätestens im Oktober muss die Lehrstellensuche wieder aufgenommen werden.» Dann seien die Chancen auf Erfolg am grössten.


Eine Doppelstrategie wählen


Barmettler empfiehlt Schulabgängern eine Doppelstrategie: sich einerseits nach einem Überbrückungsangebot umzusehen und einen Platz zu reservieren – und parallel dazu den Stellenmarkt zu bearbeiten. Denn trotz der momentanen Krise sind durchaus noch Lehrstellen zu haben oder werden kurzfristig geschaffen.


Nach ihrem missglückten 10. Schuljahr hat sich Désirée Schläpfer einen Ruck gegeben. «Ich surfte im Internet und las viel. Jetzt weiss ich, was ich will und was nicht.» Die 17-Jährige sucht gezielt nach einer Ausbildung im Laborbereich. «Biologielaborantin wäre mir am liebsten.»


Darauf fixieren will sie sich jedoch nicht. So schnupperte sie vor kurzem als Buchhändlerin – eine weitere Option, die sich durch das viele Lesen ergab. Klar: Eine Doppelstrategie kann nie schaden.

© Beobachter Ausgabe 7 vom 04. Apr 2003 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh