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Berufslehre: Konflikt programmiert

Text:
  • Fabrice Müller
Ausgabe:
13/02

Unzufriedene Lehrlinge, überforderte Lehrmeister: Oft prägen Reibereien das Klima im Lehrbetrieb. Das führt in Tausenden von Fällen zum Lehrabbruch. Dabei gäbe es Auswege.

Die 17-jährige Lehrtochter hat nach nur vier Monaten ihre Lehre als Fotofachangestellte abgebrochen. «Ich hatte das Gefühl, ich müsste die ganze Arbeit allein erledigen und würde für alles verantwortlich gemacht.» Die Arbeit widerstrebte ihr immer mehr. Sie litt darunter und war oft krank. Zudem hatte sie Angst, ihren Job zu verlieren. Gespräche mit dem Chef nützten nichts; er schien ihre Probleme nicht ernst zu nehmen. Schliesslich rang sie sich zum Entschluss durch, die Lehre zu beenden.

Das ist kein Einzelfall: In der Schweiz werden zwischen zehn und vierzig Prozent aller Lehrverhältnisse vorzeitig abgebrochen. Im Kanton Zürich liegt die Quote bei ungefähr 25 Prozent. Gemäss einer Statistik des Kantons Zürich fürs Jahr 2000 sind die vier wichtigsten Gründe für eine Auflösung des Lehrvertrags falsche Berufswahl, Persönliches, Unstimmigkeiten zwischen Lehrlingen und Lehrmeistern sowie fehlender Wille der Lehrlinge.

Nicht selten leiden Lehrverhältnisse unter Konflikten zwischen Lehrlingen und Lehrmeistern. «Zwischen Lehrling und Lehrmeister sind Konflikte entwicklungspsychologisch vorprogrammiert. Die Jugendlichen wenden sich ab von ihren Eltern und stellen Autoritäten in Frage», erklärt Psychologe Ueli Kraft aus Schaffhausen, der seit Jahren in der Lehrmeister- und Berufsschullehrer-Ausbildung für mehrere Kantone tätig ist. In den letzten Jahren habe die Bedeutung der Emotionen am Arbeitsplatz zugenommen – insbesondere auch zwischen Lehrmeistern und Lehrlingen. «Der Jugendliche wird in der für ihn neuen Arbeitswelt mit Vorgaben und Normen konfrontiert. Leistungen und lange Präsenzzeiten sind gefragt. Er sieht sich umzingelt von Vorgesetzten und muss sich zuerst orientieren», sagt Kraft. Fehlende Anerkennung und Einbindung in den Lehrbetrieb können ebenfalls zu Konflikten zwischen Lehrling und Lehrmeister führen. Und schliesslich tragen unterschiedliche Arbeits- und Lebenseinstellungen zu Konflikten zwischen den Generationen bei. «Lehrmeister glauben oft, ihr Lehrling sollte sich genauso für den Betrieb einsetzen wie sie selber», stellt Psychologe Kraft fest. Der Lehrbetrieb stelle für die meisten Lehrlinge jedoch keine Lebensperspektive dar. «In ihrem Alter ist die Freundin oder der Freund halt ebenso wichtig oder wichtiger als die Arbeit.»

Überforderte Lehrmeister

Konflikte im Lehrbetrieb sind oft auch die Ursache mangelnder Erfahrungen der Lehrmeister im Umgang mit Lehrlingen. «In der Betreuung und Konfliktbewältigung sehen sich manche Lehrmeister überfordert. Sie glauben, eine gute Fachausbildung reiche, um eine pädagogisch anspruchsvolle Lehrlingsbetreuung gewährleisten zu können», kritisiert Ueli Kraft. Die kurze Lehrmeisterausbildung könne meist nur wenig zur Verbesserung dieser Kompetenz beitragen. «Es gibt Lehrmeister, die glauben, ein Tag Lernpsychologie sei für sie ausreichend. Leider ist der Lehrmeisterkurs nur ein Tropfen auf den heissen Stein.»

Vielen Jugendlichen fällt es schwer, ihre Ausbildner auf Probleme anzusprechen. Zu tief sitzt die Angst, dadurch Konflikte auszulösen oder gar die Lehrstelle zu verlieren. Auf der Homepage der Fachzeitschrift «HeizungKlimaKälte» berichtet zum Beispiel ein Heizungsmonteurlehrling: «Ich habe das Gefühl, ständig dieselben Arbeiten erledigen zu müssen. Von meinen Kollegen in der Gewerbeschule habe ich erfahren, dass diese im Betrieb bereits viel mehr gelernt haben.»

Oder Lehrmeister Alfred K.: Wenn er gewusst hätte, dass Stefan B. Drogen konsumiert, hätte er einen anderen Lehrling gesucht. Weil er jedoch nichts von der Sucht wusste, bot er Stefan im Sommer 1998 eine Ausbildung in seinem Elektroinstallationsbetrieb an. Als ihn der Berufsschullehrer über die schlechten Noten von Stefan informiert, überwindet sich der Lehrmeister und spricht den Lehrling auf das Thema Drogen an. Dieser erzählt, er konsumiere Heroin, Kokain und andere Suchtmittel. Eine verzwickte Situation.

Nicht die Faust im Sack machen

«Fühlen sich Lehrlinge im Betrieb vernachlässigt oder ausgenutzt, können auch Gerechtigkeitsgefühle verletzt werden», erklärt Ueli Kraft. Wo die Grenze zwischen Ausbildung und Ausnützung liege, sei schwer zu definieren. Das müssen die Jugendlichen selber spüren. In solchen Fällen lohnen sich Vergleiche mit Lehrlingskollegen von anderen Betrieben. Psychologe Kraft: «Es wäre wünschenswert, wenn alle Lehrlinge mit ihren Problemen zum Lehrmeister gehen würden, statt die Faust im Sack zu machen.» Leider gebe es Branchen, in denen gewisse Punkte des Lehrvertrags bewusst verletzt würden. So arbeiten Lehrlinge im Gastgewerbe beispielsweise häufig länger, als es im Lehrvertrag geregelt ist. Entsprechend hoch ist hier die Zahl der Lehrabbrüche.

An wen aber können sich Lehrlinge wenden, die mit ihrem Lehrverhältnis unzufrieden sind? In den meisten Kantonen stehen ihnen mehrere Möglichkeiten zur Auswahl, zum Beispiel Lehrlingsberatungsstellen und Berufsbildungsämter. Hans-Jürg Schilling, Leiter der Abteilung Lehraufsicht im Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich, betrachtet es als eine wichtige Aufgabe, die Lehrvertragsauflösungen durch Gespräche mit Lehrlingen, Lehrmeistern und Eltern zu begleiten. Oft gelinge es, Konflikte zu schlichten und so eine Auflösung des Lehrvertrags zu verhindern. Die Berufsinspektorate helfen mit, für die betroffenen Lehrlinge eine neue Lehrstelle zu finden.

Daneben bietet sich etwa in Zürich die Kirchliche Anlauf- und Beratungsstelle für Lehrlingsfragen (Kabel) an. Die überkonfessionelle und kostenlose Stelle richtet sich an Jugendliche, die mit Problemen im Lehrbetrieb kämpfen. Sie steht auch Lehrmeistern, Lehrern und Erziehungspersonen offen. Die Berufsschulen kommen laut Ueli Kraft hingegen weniger als Anlaufstellen bei Problemen im Lehrbetrieb in Frage. «Die Schulen haben meistens selber genug Probleme und nehmen ihre Aufgaben nur in einem eingeschränkten Segment wahr. Trotzdem gibt es auch Lehrer, die hier Grossartiges leisten.»

© Beobachter Ausgabe 13 vom 28. Jun 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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