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Betriebsklima

Gute Chefs wollen Kritik von unten

Text:
  • Ueli Zindel
Ausgabe:
3/04

Die Rezession bekommt dem guten Umgang im Betrieb schlecht. Darunter leiden Chefs wie ihre Untergebenen. Dabei ist eine akzeptable Stimmung ohne Zaubern machbar.

Wie gehe ich mit meinen Untergebenen um?» Diese Frage ist häufig auf Klarsichtfolien zu lesen: Vor den Projektionswänden sitzen Chefs und notieren Grundsätze und Schemata. Keine Schulungen gibt es jedoch für die Angestellten – also zur Frage, wie Mitarbeiter mit ihren Chefs umgehen sollen. Interessiert es Vorgesetzte überhaupt, was ihre Leute über sie denken?

Grössere Firmen gehen dieser Frage systematisch nach und lassen von externen Firmen Studien durchführen. Besonders häufig geben die Mitarbeiter dabei an, dass sie von ihrem Vorgesetzten zu wenig Feedback erhalten und dass zu wenig Zeit für direkte Gespräche zur Verfügung steht.

«Respekt und Wertschätzung sind kein Luxus im Arbeitsleben, sondern ein ungeahnter Nutzen», sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin Cornelia Nussle, Leiterin der Beratungsfirma Psycon in Mollis GL. «Vielen Vorgesetzten fehlt das Sensorium fürs Betriebsklima. Zu sehr lassen sie sich von den geschäftlichen Belangen gefangen nehmen.» Als Erklärung gibt Nussle zu bedenken, dass auch Chefs auf heissen Kohlen sitzen. «Bis vor kurzem war in Führungspositionen vor allem ökonomisches Grundwissen gefragt. Heute ist immer mehr psychologisches Gespür nötig: Die Firmen sind angewiesen auf die Förderung ihres Mitarbeiterpotenzials.»

Die Rolle des Chefs begreifen lernen


René Lichtsteiner war zehn Jahre Personalchef von ABB Schweiz; heute führt er eine eigene Beratungsfirma. Welche Strategien empfiehlt er zum Umgang mit einem schwierigen Chef? «Wenn ein Angestellter seine Lage verbessern will, muss er zwei Dinge kennen: seine eigene Rolle im Arbeitsganzen und die Rolle des Chefs im Betrieb.» In der Regel habe ein Mitarbeiter wenig Ahnung, welchen Kräften sein Vorgesetzter ausgesetzt ist. «Sobald er sich damit auseinander setzen kann, verbessert sich das Klima.»

Die Frage ist freilich: Wie erfahre ich, was den Chef umtreibt? «Manch ein Chef lässt es diesbezüglich an Offenheit vermissen», sagt Lichtsteiner. Die Gründe sieht er in der Angst vor Autoritätsverlust und in der Verkennung des Umstands, dass gerade Offenheit die Autorität und die Glaubwürdigkeit eines Chefs stärken könnte.

Dazu passt, dass viele Chefs nicht «von unten» eingeschätzt werden wollen. Dabei ist für René Lichtsteiner klar: «Es sind allein die Untergebenen, die die Leistung eines Chefs beurteilen können.» Der Experte geht noch einen Schritt weiter: «Ein guter Chef ist darum gut, weil er seine Mitarbeiter fragt, was sie über ihn denken. Und weil er damit rechnen kann, dass sie ihm die Wahrheit sagen.»

In Qualifikationsgesprächen ist die Vorgesetztenbeurteilung indes nur eine Randerscheinung, deren Wirkung sich laut Lichtsteiner in Grenzen hält: «Gute Chefs brauchen das nicht, weil ihre Rückfrage zum Alltag gehört. Bei schlechten Chefs nützt die Vorgesetztenbeurteilung nichts, weil sie das Resultat nicht akzeptieren.»

Laut der Studie «Herz + Kopf + Portemonnaie» des Luzerner Meinungsforschungsinstituts Link über die Zufriedenheit im Arbeitsalltag haben 15 Prozent der Beschäftigten innerlich gekündigt. Weitere 15 Prozent sind «Bremser»: Sie sind innerlich nur noch wenig mit ihrem Arbeitgeber verbunden. Und ein weiteres Drittel hat nur mehr wenig Freude an der Arbeit.

Oft sind die Falschen in Toppositionen


Schuld an der Situation ist nicht nur «der Chef». Tatsache ist aber, dass an vielen Orten Personen am Ruder sind, die in Zeiten der Personalknappheit als «Klassenbeste» in eine Chefposition gehievt wurden.

«Aber das ist nicht unbedingt ein Charakteristikum, das automatisch Führungsqualitäten mit sich bringt», sagt René Lichtsteiner. Solcherart Beförderte würden dazu neigen, auf ihre früheren Erfolgsrezepte zurückzugreifen – vor allem wenn sie sich überfordert fühlen. «Überexakte werden als Chefs oft zu lästigen Kontrolleuren, Spontis zu zerfahrenen Chaoten.» Andere Arbeitshaltungen anerkennen sie nicht – schlechte Voraussetzungen für ein gutes Zusammenwirken.

Kommt dazu, dass die Rezession keine Förderin des guten Umgangs ist. Die Gewerkschaften beklagen den Einzug rauer Töne. Was tun? Den Kopf einziehen und die Faust im Sack machen? Eher zu empfehlen ist: Wer neben der Offenheit den Respekt im Gespräch nicht vergisst, hat reelle Chancen auf Besserung.

© Beobachter Ausgabe 3 vom 05. Feb 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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