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Gesellschaft

Die Leichtigkeit des Paschaseins

Text:
  • Urs Zanoni
Bild:
  • Igor Kravarik
Ausgabe:
16/04

Mutter zu werden bedeutet für eine Frau oft das berufliche Aus, während der Mann Karriere macht und sie mit Kindern und Haushalt alleine lässt. Die Folge: Die Geburtenrate ist auf dem Tiefststand.

(Bild: Igor Kravarik)

Ein Pascha? Ich? Ganz sicher nicht!»: Georg N. ist zutiefst empört. Erst gestern habe er die ganze Wohnung gesaugt und anschliessend Altglas und Metall entsorgt. Der 40-jährige Elektroingenieur und Vater von zwei Kindern arbeitet zwar Vollzeit, «trotzdem bin ich voll für die Familie da».

Seine Frau Karin, Ärztin und zu 60 Prozent an der Universität beschäftigt, sieht das differenzierter: «Er macht tatsächlich einiges – nur muss er zu allem und jedem aufgefordert werden, meist mehr als einmal.» Zudem habe seine Wahrnehmung blinde Flecken: «Letzthin bat ich ihn, einmal aufzulisten, was ich alles mache im Haushalt und für die Kinder. Kaum zu glauben, wie viel er übersieht.»

Das Muster wiederholt sich: Kein Mann und Vater, der nicht glaubt, er leiste einen «wesentlichen Beitrag» zur Haus- und Familienarbeit. Und keine Ehefrau oder Partnerin, die diesen Beitrag als «eher mässig» einstuft.











Den Frauen übel mitgespielt



Das ungleiche Karrierespiel des Lebens zeigt, wie Männer garantiert in den
Paschahimmel kommen ­ und Frauen in der Paschafalle landen.
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Zu Hause lagern Männer die Beine hoch


Ist der «neue Mann» eine Fata Morgana? Durchleuchtet man die verfügbaren Zahlen, leistet nur einer von 20 Männern in der Schweiz ebenso viel in Haushalt und Familie wie die Mutter seiner Kinder. Je länger die Beziehung dauert und je mehr Kinder in der Familie leben, desto weniger beteiligen sich Männer an der Hausarbeit. Besonders bescheiden ist das häusliche Engagement der Väter, wenn die Kinder noch klein sind. Und glaubt man den kürzlich veröffentlichten Zahlen des Bundesamts für Statistik, ist keine Besserung in Sicht.

Lieber länger arbeiten als Kinder hüten


Für Georg sind solche Befunde keine Überraschung, «schliesslich gibt es so etwas wie einen Ernährertrieb». Auch Karin ist nicht überrascht, nur ist ihre Erklärung weniger männerfreundlich: «Väter langweilen sich einfach mit kleinen Kindern, zu denen sie keinen Zugang finden.» Und da Hausarbeit weder Ansehen noch Aufstieg bringe, würden sie lieber die Hände davon lassen.

Gegen den «neuen Mann» spricht auch, was eine Studie des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann folgert: «Die Männer haben den Umfang ihrer Haus- und Familienarbeit in den letzten 20 Jahren nicht oder nur unwesentlich gesteigert.»

Umgekehrt leisten die Frauen immer mehr Lohnarbeit: War 1980 erst eine von drei Frauen mindestens sechs Stunden pro Woche erwerbstätig, ist es heute jede zweite (inklusive Rentnerinnen). Und von allen Frauen zwischen 20 und 50 sind vier Fünftel berufstätig.

Frauen wollen nicht mehr Mütter sein


Der weibliche Teil der Gesellschaft scheint den Gleichstellungsauftrag begriffen zu haben. Die Männer dagegen verharren offenkundig in ihrer Paschastellung. Zwar gibt jeder Sechste an, weniger als 100 Prozent arbeiten zu wollen, doch nur jeder Zehnte tuts wirklich. Und am intensivsten gehen ausgerechnet die Väter von kleinen Kindern zu Werke – im Schnitt 43 karrierefördernde Wochenstunden. Die Weigerung der Männer, vermehrt zu Hause anzupacken, hat weit reichende Folgen: Die Frauen wollen nicht mehr gebären – die Geburtenziffer in der Schweiz war letztes Jahr so tief wie noch nie. Aufgrund der neusten Bevölkerungsdaten ist davon auszugehen, dass jede vierte Frau kinderlos bleibt. Zu Beginn der neunziger Jahre war es erst jede sechste gewesen.

Doch der Kinderwunsch, so zeigen internationale Erhebungen, hängt stark von der Bereitschaft des Mannes ab, sich verstärkt an der Familienarbeit zu beteiligen. Anders ausgedrückt: Frauen wollen vor allem dann Kinder, wenn sich der berufliche Schaden begrenzen lässt. Schliesslich sind sie besser gebildet denn je. Doch je besser sie gebildet sind, desto weniger Lust auf Kinder haben sie – auch in der Schweiz: Während die gut ausgebildeten Frauen im Durchschnitt ein Kind haben, sind es bei den weniger gut ausgebildeten deren zwei.

Deshalb warnt der Ökonom Beat Kappeler in seinem Buch «Die Neue Schweizer Familie»: «Europa stirbt hoch gebildet aus, falls die jungen Männer nicht bereit sind, mehr Betreuung zu übernehmen. Und nur wenn junge Väter Windeln wechseln, gibt es künftig genügend Rente.» Lieber aber frönen die Männer zu Hause einem Dasein als Pascha und malochen umso mehr am Arbeitsplatz. In Verkennung jeglicher Realität: Muskelkraft zum Lohnerwerb ist nicht mehr gefragt. Die moderne Informations- und Dienstleistungsgesellschaft erfordert Qualitäten, die Frauen aufgrund ihrer Lebensgeschichte eher mitbringen: Talent für Kommunikation und Teamwork, Dienstleistungsbereitschaft, hohe soziale Kompetenz.

«Die Männer laufen in eine Falle», ist die Psychologin und Buchautorin Ursula Nuber überzeugt. «Sie eichen sich auf Erfolg, Leistung, Macht, Karriere – mit allen negativen Konsequenzen für die Lebensqualität: Entfernung von der Familie, soziale Vereinsamung, schlechte Gesundheit, Sinnkrisen.» – Nicht alle Männer gehen freiwillig in der Arbeit auf. Stellt sich der Arbeitgeber stur, wenn ein Mann mehr Zeit für die Familie aufwenden will, wird ihm die Lust auf neue Modelle schnell genommen. Als Georg N. zur Geburt des ersten Kindes auf 80 Prozent reduzieren wollte, fand er kein Verständnis: «Mir wurde mehr oder minder deut-lich signalisiert, dass ich in eine andere Entwicklungsgruppe umgeteilt würde – und die arbeitete nicht auf meinem Spezialgebiet.»

Die familienfeindliche Haltung erstaunt nicht. Der weitaus grösste Teil der heutigen Topmanager hat sich für Beruf und Karriere aufgeopfert. Für die Kinder war (oder ist) die Gattin da, die Hausarbeit wird in der Regel von einer Putzfrau erledigt. Wer eine solche Rollenteilung als Erfolgsmodell erlebt, sieht wenig Grund, in seinem Betrieb etwas anderes zu fördern.

Gesetzte Männer sagen, wo Gott hockt


Einen Vaterschaftsurlaub zum Beispiel lehnten in einer Umfrage von Pro Familia vier von fünf Firmen ab. Und in einer Erhebung des Bundesamts für Statistik gab nur einer von zehn Betrieben an, den männlichen Mitarbeitern einen solchen Urlaub anzubieten. Jeder zweite dagegen beteiligt sich am Privatgebrauch von Auto und Handy.

Auch in der Politik haben jene am meisten Gewicht, die sich gewohnt sind, dass ihnen eine Frau den Rücken freihält und die Familie pflegt: In der jüngst von der «Sonntags-Zeitung» publizierten Bewertung der Schweizer Parlamentarier halten Männer die ersten neun Plätze besetzt, nur einer von ihnen ist unter 50. Ausserdem beträgt der Frauenanteil in den drei bürgerlichen Fraktionen lediglich 5 (SVP), 20 (FDP) und 25 Prozent (CVP). Und es fehlt an frischem Blut: Im Nationalrat liegt der Altersdurchschnitt mit 52 Jahren genauso hoch wie 1971, als das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Im Ständerat liegt er mit 56 sogar noch ein Jahr höher als 1971.

Wo das Paschasyndrom derart verankert ist, besteht nur wenig Verständnis dafür, weshalb Frauen bei der Scheidung oder der Altersvorsorge besser gestellt werden sollten. Oder weshalb junge, gut ausgebildete Frauen lieber Krippenplätze beanspruchen und arbeiten gehen, als zu Hause ihr Leistungspotenzial brachliegen zu lassen. Würde das Potenzial konsequent ausgeschöpft, könnte die Schweizer Volkswirtschaft jedes Jahr um drei Milliarden Franken zulegen, hat der Sozialwissenschaftler Tobias Bauer errechnet. Das entspricht fast einem Prozent Wirtschaftswachstum – und müsste selbst eingefleischte Paschas hellhörig machen.

© Beobachter Ausgabe 16 vom 05. Aug 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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