Grossraumbüro
Wie in der Wildnis
Wenn im Grossraumbüro gebrüllt wird und die Luft nach Pizza riecht, kann das die Nerven arg strapazieren. Was zu tun und zu lassen ist, damit das Arbeiten für alle erträglich bleibt.
Es ist eine Typ-Frage: Die einen bringt die Bienenhaus-Betriebsamkeit eines Grossraumbüros erst so richtig auf Touren, andere wünschen sich nichts sehnlicher als die Ruhe eines Einzelzimmers, um ihre Leistung erbringen zu können. «Man muss ein Gesellschaftstier sein, sonst geht man im Grossraumbüro unter», sagt etwa der 65-jährige Fritz Nussbaumer aus Reinach BL. Er weiss, wovon er spricht: Während dreier Jahrzehnte hat der Berufsmann in Banken, Versicherungen, Speditionen und Produktionsbetrieben Grossraumbüroerfahrungen gesammelt, was ihn hierzulande fast schon zu einem Pionier macht. Nussbaumer weiss deshalb auch, woran sich häufig Probleme entzünden: «Das Elend ist, dass viele glauben, dass sie sich im Grossraumbüro ihr Kämmerchen einrichten können. Doch das funktioniert nicht.»
Wen es unter ein gemeinsames Dach mit den Arbeitskollegen verschlägt, kann sich zwar hinter Pflanzen und Büchern verbarrikadieren. Doch vor dem Störfaktor Nummer eins gibt es kein Entrinnen: dem Lärm. Die Stimme des Kollegen, der so laut ins Telefon brüllt, als gehe es darum, die schönste Kuh auf dem Viehmarkt zu ersteigern, kann man nicht einfach ausschalten. Ruedi Seiler aus Rüschlikon ZH ist pausenlos von telefonierenden Kollegen umgeben - er arbeitet im Callcenter des Marktforschungsinstituts Isopublic in Schwerzenbach ZH. Spricht der Kollege neben ihm laut, muss er ebenfalls lauter werden, damit man ihn noch hört. «Das schaukelt sich dann hoch», erzählt Seiler. Hin und wieder fragt jemand am anderen Ende: «Was ist das für ein Lärm bei euch?»
Der durchschnittliche Grossraumbüroangestellte ist jedoch nicht nur allerlei akustischen Signalen ausgesetzt, sondern beispielsweise auch verschiedenen Gerüchen. Fritz Nussbaumer erinnert sich: «Zwischen 11 und 15 Uhr roch jeweils das ganze Büro nach Pizza und Zwiebelbrötli.» Das ist umso mühsamer, als die Frischluftzufuhr eine Sache für sich ist - es findet sich unter den lieben Kolleginnen und Kollegen garantiert jemand, dem es schon nach einer Minute lüften zu kalt wird.
Die Umgangsformen verkümmern
Im Grossraumbüro ist es wie in der Wildnis: Je rücksichtsvoller sich jeder Einzelne verhält, umso besser aufgehoben fühlt sich die Gruppe als Ganzes. Rücksichtnahme und Respekt sind nicht zuletzt deshalb wichtig, weil Grossraumbüros dazu beitragen, dass traditionelle Umgangsformen verkümmern. Denn wie soll man freundlich anklopfen, wenn es keine Türen gibt? Der deutsche Fachbuchautor und Seminarleiter Horst Hanisch publizierte letztes Jahr einen kleinen «Büro-Knigge». Darin rät der 50-Jährige: «Klopfen Sie symbolisch an die Stellwand oder - falls keine solche vorhanden ist - auf den Schreibtisch. Fragen Sie: Störe ich gerade?» Das Problem dabei: Wer so fragt, hat bereits gestört. Und sein Gegenüber in ein Dilemma gebracht: Wie teilt man jemandem mit, dass man seine Ruhe will, ohne unhöflich zu wirken? Horst Hanisch: «Sie dürfen ruhig sagen, dass Sie gerade in einer Denkphase sind. Schlagen Sie dem Kollegen vor, dass Sie in einer halben Stunde bei ihm vorbeikommen oder ihn anrufen.»
Wer sich getraut zu sagen, dass er nicht gestört werden möchte, tut nicht nur sich selbst etwas Gutes, sondern arbeitet auch produktiver. «Unterbrechungen sind ein oft unterschätzter Konzentrationskiller», erklärt Verena Steiner, die sich mit Lehrgängen für bessere Lern-, Denk- und Zeitmanagementstrategien an der ETH Zürich einen Namen geschaffen hat. «Klingelt das Telefon oder will ein Kollege etwas besprechen, wird der Denkfluss unterbrochen, und die Inhalte werden im Kurzzeitgedächtnis gelöscht.» Nach der Störung die Konzentration wieder aufzubauen dauert eine ganze Weile - Programmierer etwa benötigen bis zu 20 Minuten, bis sie wieder voll in der Arbeit drin sind. Trotzdem mangelt es im Büroalltag an der Einsicht, wie stark Unterbrechungen bei der Arbeit stören. «Wenn jemand für eine Prüfung lernt, hat das Umfeld Verständnis dafür, dass er oder sie Ruhe braucht. Bei ebenso anspruchsvoller Kopfarbeit im Büro fehlt das Verständnis leider oft», sagt Steiner.
Manche Unternehmen entschärfen das Problem mit Symbolen, die eine Stoppsignalfunktion übernehmen sollen: Wer absolut nicht gestört werden will, holt ein rotes Fähnchen oder ein Plüschtier aus der Schublade und stellt es gut sichtbar auf seinen Schreibtisch. Verena Steiner findet es gut, wenn Vorgesetzte zusammen mit ihren Mitarbeitenden solche und ähnliche Verhaltenskodexe ausarbeiten (siehe «Grosses Büro - kleine Regeln»). Denn sonst werde über das, was stört, zu oft geschwiegen, «und das kann zu heimlichen Ressentiments führen».
Grosse Büros - kleine Regeln
- Hinterfragen Sie Ihr eigenes Verhalten und fordern Sie von den Bürokollegen ein Feedback: Was stört euch an meinem Verhalten? Eventuell ist es ja nur ein Detail - etwa die Angewohnheit, Schubladen zuzuknallen -, dessen Sie sich überhaupt nicht bewusst sind und das leicht zu beheben ist.
- Wenn Sie sich über einen Kollegen ärgern: Tun Sie das nicht im Stillen, sondern sagen Sie, was Sie stört. Vermeiden Sie aber Schuldzuweisungen. Besser sind Ich-Botschaften, zum Beispiel: «Ich kann mich schlecht konzentrieren, wenn du…»
- Wer eine Weile nicht gestört werden will, kann mit Symbolen arbeiten: Ein gut sichtbares rotes Fähnchen auf dem Pult signalisiert mitteilungsbedürftigen Kollegen, dass jetzt gerade der falsche Moment ist.
- Gewöhnen Sie sich an, mit gedämpfter Stimme zu sprechen. Wer häufig telefoniert, sollte dies mit einem Headset tun - dann spricht man automatisch leiser.
- Trauen Sie sich, Ohrenpfropfen zu tragen oder gar Lärmschutzkopfhörer aufzusetzen, wenn es Ihnen zu laut wird.
- Besprechungen, die länger als drei Minuten dauern, sollten in einem separaten Raum geführt werden. Dasselbe gilt nach Möglichkeit für lange Telefongespräche.
- Essen Sie nicht am Arbeitsplatz, sondern nutzen Sie die Pause, um sich zu entspannen und «auszuklinken».
- Verlegen Sie technische Lärmquellen wie Drucker und Faxgeräte an die Peripherie des Büros.
© Beobachter Ausgabe 17 vom 16. Aug 2006 - Alle Rechte vorbehalten











Betriebsklima
Das Ringen um den Job: Tipps gegen das Ellbögeln, diffuse Ängste und hängende Köpfe.