• Anzeige:

  • Anzeige:

Karriere

Wenn der Kumpel zum Boss wird

Bild:
  • Archiv
Ausgabe:
12/06

Gute Mitarbeiter werden befördert - und sind dann plötzlich Chef ihrer früheren Kollegen. Das kann zu Problemen führen. Am besten meistert der neue Vorgesetzte die Lage, wenn er sich selbst bleibt.

Der erste Job als Führungskraft ist wie die erste Trekkingtour nach fünf Pauschalurlauben», schreibt Markus Vorbeck im Ratgeberbuch «Ab heute bin ich Chef» (siehe «Buchtipps» am Ende des Artikels). Wen wunderts: Wer am Montag als Vorgesetzter das Büro betritt, das er am Freitag als gewöhnlicher Mitarbeiter verlassen hat, gerät von verschiedenen Seiten unter Druck. Die Geschäftsleitung prüft bei internen Beförderungen besonders kritisch, ob sich die neue Führungskraft durchsetzen kann. Genau beobachtet wird der oder die Neue aber vor allem von den ehemals gleichgestellten Kollegen.

Deren Erwartungen sind hoch, und manch einer platziert seine Anträge schon im Voraus: «Wenn du dann am Ruder bist, sorg doch dafür, dass wir endlich moderne PCs bekommen.» Solche Wünsche können den Eben-erst-Chef in die Zwickmühle bringen. Dagmar Kohlmann, Autorin von «Gestern Kollege - heute Vorgesetzter», sagt sogar: «Versprechungen zu machen, bei denen man noch nicht abschätzen kann, ob man sie einhalten kann, ist einer der grössten Fehler.»

Der neue Chef muss unparteiisch sein


Markus Vorbeck, der als heutiger Teamleiter bei einer grossen Bank den internen Transfer vom Mitarbeiter zum Vorgesetzten selber erlebt hat, kennt noch weitere Fallstricke eines abrupten Rollentauschs: «Gerade Jüngere glauben, dass sie sich komplett ändern müssen, wenn sie in eine Führungsposition aufsteigen. Sie wollen distanzierter und unnahbarer sein. Doch das funktioniert nicht. Wer nicht mehr sich selbst ist, riskiert, dass er zur Karikatur wird.» Zentral sei dabei Ausgewogenheit, sagt Peter Keller, Leiter Personal und Ausbildung bei Coop, aus 35-jähriger Berufserfahrung: «Wichtig ist, dass der neue Chef alle gleich behandelt und niemanden bevorzugt - also nicht immer mit denselben Leuten Kaffee trinken geht.»

Auf dem Prüfstand stehen Beförderte, wenn es darum geht, Ex-Kollegen zu kritisieren. «Probleme werden oft viel zu lange totgeschwiegen», sagt Keller. Und für intern beförderte Chefs sei es schwieriger, Kritik auszusprechen, als für jemanden, der von aussen komme. So oder so spielt der Ton eine entscheidende Rolle. Ob der Vorgesetzte den Mitarbeiter wegen Unpünktlichkeit anbrüllt oder ob er sagt: «Ich fühle mich von dir nicht respektiert, wenn du dreimal hintereinander zu spät zur Sitzung erscheinst», ist ein gewaltiger Unterschied. Konstruktives Kritisieren kann erlernt werden; Experten sind sich einig, dass das Verinnerlichen der Feedback-Regeln etwas vom Wichtigsten ist, was sich neue Führungskräfte aneignen sollten.

Die Vertrautheit hat auch Vorteile


Ist es für jemanden, der intern befördert wurde, nicht schwieriger, den Respekt der Mitarbeitenden zu gewinnen und ein Wir-Gefühl zu schaffen? «Das kann man so nicht sagen», sagt Buchautorin Kohlmann. «Es gibt vielen Angestellten ein gutes Gefühl, wenn sie den künftigen Chef einschätzen können und wissen, was sie erwartet.» Dass die neue Rollenverteilung die Beziehung zueinander verändert, ist unvermeidlich. «Frauen hängen oft mehr an alten Freundschaften», sagt Dagmar Kohlmann. «Sie müssen sich erst bewusst machen, dass sie als Vorgesetzte zwar noch gemocht werden, aber nicht mehr Teil des Teams sind. Man weiht sie nicht mehr in Geheimnisse ein.»

Schwierig kann es werden, wenn ein ehemaliger Kollege nicht mitzieht und sich partout nicht damit abfinden kann, dass nicht er befördert wurde. Handelt es sich beim Übergangenen um einen Leistungsträger, den die Firma um jeden Preis behalten will, handelt der Neo-Chef taktisch klug, wenn er ihm verantwortungsvollere Aufgaben zuteilt. Ansonsten muss man den Betroffenen vor die Wahl stellen, sein Verhalten zu ändern oder Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Dies mag hart tönen, doch ein ständig unzufriedener Mitarbeiter steckt mit seiner Unmotiviertheit das gesamte Team an.

Wer erstmals einen Führungsjob annimmt, muss also zahlreiche Klippen umschiffen - und wird dann und wann auch nass. Ein kleiner Trost ist Peter Kellers Fazit: «Schlimm sind nur die Vorgesetzten, die aus ihren Fehlern nichts lernen.»


Buchtipps


Markus Vorbeck: «Ab heute bin ich Chef»; Econ-Verlag, 2004, 208 Seiten, 35.- CHF

Dagmar Kohlmann-Scheerer: «Gestern Kollege - heute Vorgesetzter»; Gabal-Verlag, 2004, 172 Seiten, 30.80 CHF

© Beobachter Ausgabe 12 vom 07. Jun 2006 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh