Löhne
«Es sind halt nicht alle gleich gut»
Schluss mit dem Lohnbetrug: Das fordern die Gewerkschaften an der nationalen Lohndemo. Der Verhaltensökonom Michael Kosfeld zum Wechselspiel von Lohn und Emotion.

(Bild: Andreas Eggenberger)
Artikel zum Thema
Beobachter: Sind Sie mit Ihrem aktuellen Lohn zufrieden?
Michael Kosfeld: Ja, aber der Lohn ist nicht der Hauptgrund meiner Motivation. Lohn sichert zwar meine Familie ab, für die tägliche Motivation ist er aber zweitrangig.
Beobachter: Was motiviert Sie dann?
Kosfeld: Spass und Freude an der Arbeit. Ich kann machen, was mich interessiert.
Beobachter: Trotzdem: Wären Sie nicht noch motivierter, wenn Sie mehr verdienen würden?
Kosfeld: Ja, das glaube ich schon. Natürlich wäre ich mit einem Lohn von einer Million Franken noch glücklicher. Ich wäre unabhängiger und würde mich sicherer fühlen. Das bestätigen übrigens auch Studien: Ein höherer Lohn motiviert stärker.
Beobachter: Sprechen Sie mit Ihren Arbeitskollegen in Pausen über Löhne?
Kosfeld: Kaum. Und falls doch, spekulieren wir über die Löhne von Personen, die nicht anwesend sind. In der Schweiz tut man sich ja generell schwer damit, über Löhne zu sprechen.
WBeobachter: issen Sie, wie viel Ihr Chef verdient?
Kosfeld: Nein. Ich will es auch gar nicht wissen.
Beobachter: Ist das typisch?
Kosfeld: Firmen sind interessiert, Informationen über Löhne zurückzuhalten. Vielfach werden Angestellte sogar gebeten, über eine Lohnerhöhung nicht zu sprechen, um die Spannungen unter den Mitarbeitern so gering wie möglich zu halten.
Beobachter: Würde mehr Transparenz die Situation entschärfen?
Kosfeld: Transparenz würde zeigen, wie viele Topverdiener es tatsächlich gibt und welchen Wert sie für die Unternehmung schaffen. Dann würde sich auch die Diskussion über die Toplöhne verändern. Ich habe den Eindruck, viele Leute glauben, sie seien die Einzigen, die zu wenig verdienen - alle anderen hätten es besser.
Beobachter: Besser geht es diesen Herbst vor allem den Unternehmen. Eine Firma nach der anderen meldet ein Rekordergebnis. Gleichzeitig klafft die Lohnschere immer weiter auseinander. Was sind die Folgen für die Gesellschaft?
Kosfeld: Viele Menschen verstehen nicht, warum ein paar wenige Manager des Unternehmens sehr, sehr viel verdienen. Wenn einfach nur die Löhne eines Unternehmens miteinander verglichen werden, führt dies tatsächlich zu Spannungen. Allerdings ist vielen Menschen gar nicht bewusst, was Topmanager für eine Firma schaffen.
Beobachter: Die Angestellten werden frustriert, wenn die Schere weiter aufgeht.
Kosfeld: Ja, Menschen leiden darunter, wenn sie das Gefühl haben, ihr Lohn sei ungerechtfertigt niedrig.
Beobachter: Heute gibt es Chefs, die 500-mal mehr verdienen als ihre einfachsten Angestellten. Gibt es nach oben keine Grenze?
Kosfeld: Lohn soll innerhalb einer Firma Anreize schaffen und ausserhalb dafür sorgen, gute Leute anzuwerben. Wenn viele Unternehmen glauben, jemand sei sehr viel wert, bieten sie sich gegenseitig hoch und sind bereit, riesige Summen zu zahlen wie bei einem Top-Fussballspieler.
Beobachter: Verdient aber ein Spieler in einer Mannschaft viel mehr als seine Kollegen, sinkt die Motivation des Teams und damit die Leistung.
Kosfeld: Ja, das stimmt. Gleichzeitig kann ein Toplohn auch ein Lockvogel, ein Anreiz für die Belegschaft sein. Ähnlich wie bei einem Turnier, bei dem sich alle anstrengen, um besser zu sein als die anderen.
Beobachter: Die Frage ist doch, wann die Schere so weit auseinander klafft, dass die Motivation in Frust umschlägt.
Kosfeld: Es ist schwierig, dies in Zahlen auszudrücken. Klar ist nur, dass Konflikte auftreten, wenn die Schere zu weit auseinander klafft. Es gibt aber auch Firmen, die von sich aus versuchen, solche Konflikte zu vermeiden.
Beobachter: Tatsächlich?
Kosfeld: Ja. Selbst in der Rezession senken Firmen ihre tiefsten Löhne nicht einfach. Viele Manager wissen, dass sie damit zwar Kosten sparen könnten, aber Arbeitsmoral und Loyalität der Arbeitnehmer zerstören würden.
Beobachter: Kann ein Topverdiener überhaupt mit einem guten Gefühl seinem Angestellten mit Minimallohn gegenübertreten?
Kosfeld: Selten wird ein Topverdiener das Gefühl haben, er verdiene zu viel. Trotzdem: Dass die offene Diskussion über den Lohn vermieden wird, zeigt, dass viele Topverdiener fürchten, schlecht dazustehen oder sich rechtfertigen zu müssen.
Beobachter: Manager mit einem schlechten Gewissen - gibt es das?
Kosfeld: Vielleicht. Aber viele sind sich auch bewusst, wie viel sie leisten, und vergleichen sich mit Kollegen, die in derselben Position bei einer anderen Firma arbeiten. Vielleicht beschleicht sie sogar das Gefühl, dass sie, verglichen damit, noch nicht genug verdienen.
Beobachter: Braucht es Mut, bei den explodierenden Toplöhnen auszusteigen - wie die Chemiefirma Lonza, die ihre Toplöhne plafonieren will?
Kosfeld: Ja, das ist immer noch die Ausnahme. Es gibt aber auch Wirtschaftsbereiche, in denen der individuelle Erfolg zählt, der mit harten Anreizen gefördert wird. Dort ist die grosse Lohnspanne kein Problem.
Beobachter: Was wird die Volksinitiative bewirken, die diese Abzockerlöhne begrenzen will?
Kosfeld: Die Diskussion wird noch intensiver geführt werden. Die Wirtschaft war und ist aber immer geprägt vom Zielkonflikt zwischen Gerechtigkeit und der Idee, Leute für ihren Einsatz zu belohnen. Es sind nun einmal nicht alle gleich gut. Deshalb wird sich diese Spannung auch nie ganz legen. Nicht jeder, der über die Toplöhne der Manager klagt, wäre in der Lage, diesen Job zu bewältigen.
Links zum Artikel
© Beobachter Ausgabe 19 vom 13. Sep 2006 - Alle Rechte vorbehalten















Betriebsklima
Das Ringen um den Job: Tipps gegen das Ellbögeln, diffuse Ängste und hängende Köpfe.