Stichworte
Löhne
So viel wird verdient
Polier oder Pilot: Verschiedene Berufe im Vergleich.
Zur besseren Vergleichbarkeit wurden die Löhne aller Porträtierten einheitlich dargestellt:
- Angegeben ist der monatliche Bruttolohn, der 13-mal ausbezahlt wird.
- Bei Teilzeitpensen wurde der Lohn auf ein 100-Prozent-Pensum hochgerechnet.
- Bei Selbständigerwerbenden wurde aus dem Jahresgewinn ein monatlicher Bruttolohn errechnet.
- Boni und sonstige Lohn-Nebenleistungen sind nicht berücksichtigt.
Ezio Budel, Vorarbeiterpolier: 6276 Franken
40, drei Kinder
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Nein, ich sollte rund 1000 Franken mehr verdienen für die Verantwortung, die ich als Kadermitglied trage, und für die Berufserfahrung, die ich habe. Ich leite ein kleines Team von Bauarbeitern, organisiere, instruiere und lege selbst Hand an beim Mauern, Eisenlegen, Schalen oder Plätteln.
Sind Sie manchmal neidisch auf den Lohn anderer?
Nein. Es gibt halt von Firma zu Firma und von Beruf zu Beruf unterschiedliche Löhne. Ich liebe meinen Beruf und möchte nichts anderes arbeiten.
Profitieren Sie vom wirtschaftlichen Aufschwung?
Nein. Der Lohn blieb über Jahre gleich. Es gab weder Teuerungsausgleich noch Weihnachtsessen. Das hat wohl auch mit dem Lohndruck durch billige ausländische Arbeitskräfte zu tun.
Peter Schmid, Airbus-Pilot: 13'692 Franken
49, zwei Kinder
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Ja. Das ist das, was der Markt für diese Tätigkeit bezahlt. Ins Gewicht fällt dabei sicher die Verantwortung, die man als Linienpilot für seine Passagiere trägt. Auch haben wir unregelmässige Arbeitszeiten, inklusive Nacht- und Wochenendarbeit, dies teilweise mit Zwölf-Stunden-Tagen. Zu sagen ist aber auch, dass wir Swiss-Piloten, speziell auf den Langstrecken, im internationalen Vergleich punkto Salär am unteren Ende der Skala stehen.
Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie hören, wie wenig andere Berufsleute verdienen?
Ein schlechtes Gewissen nicht. Aber einige Tätigkeiten sind tatsächlich zu schlecht entlöhnt. Solchen Berufsleuten gegenüber, die gleichfalls Spezialistenarbeit leisten und Verantwortung tragen, empfinde ich ein gewisses Mitgefühl. Ich denke dabei etwa an Fachleute aus dem Pflegebereich.
Sarah Hasler, Kleinkind-Erzieherin: 4390 Franken
31
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Nein. Ich betreue acht Stunden pro Tag Kleinkinder. Als Gruppenleiterin organisiere ich zudem den Alltag in der Krippe, erledige die Administration, leite Praktikantinnen an und bilde Lehrlinge aus. Wir leisten wichtige pädagogische Arbeit und tragen Verantwortung für die Entwicklung der Kinder in den ersten Lebensjahren - ähnlich wie Kindergarten- und Primarlehrer. Sie verdienen aber einiges mehr und haben zwölf Wochen Ferien. Wir bloss vier.
Sind Sie neidisch auf den Lohn anderer?
Ja, manchmal. Vor allem auf Manager, weil ich ebenso viel Verantwortung trage wie sie.
Yolanda Lechleitner, selbständige Coiffeuse: 4600 Franken
45
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Ja. Der Lohn ist in Ordnung. Mein Luxus ist es, selber bestimmen zu können, wie ich mit Kunden und Mitarbeiterinnen umgehe. Mir schreibt niemand vor, wie vielen Kunden ich pro Stunde die Haare schneiden oder wie viel Umsatz ich mit dem Verkauf von Kosmetikprodukten erzielen muss.
Sind Sie manchmal neidisch auf den Lohn anderer?
Nein. Nicht Geld ist das wertvolle im Leben, sondern die Möglichkeit, mir Zeit nehmen zu können. Und das mache ich auch.
Profitieren Sie vom wirtschaftlichen Aufschwung?
Nein. Ich habe heute unter dem Strich weniger Geld als noch vor fünf Jahren. Lebensmittel, Miete, Kosmetikprodukte - alles wurde teurer, ohne dass ich für einen Haarschnitt wesentlich mehr verlangen kann.
Thomas Rogowski, Sekundarlehrer: 8000 Franken
41, ein Kind
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Das schwankt. Manchmal habe ich das Gefühl, ich erhalte zu wenig für meine stressige Arbeit mit den Jugendlichen. Ich arbeite 45 Stunden pro Woche, obwohl ich nur zu 90 Prozent angestellt bin. Überstunden kann ich bloss teilweise kompensieren. Ich komme auf zwölf Wochen unterrichtsfreie Zeit. In dieser Zeit muss ich aber auch Weiterbildungen und Sitzungen besuchen sowie Lektionen vorbereiten. Vergleiche ich hingegen meinen Lohn und meine Gestaltungsmöglichkeiten mit jenen des unteren bis mittleren Kaders von Betrieben, bin ich wieder zufrieden.
Sind Sie manchmal neidisch auf den Lohn anderer?
Ja. Vor allem im Finanzbereich verdienen Leute einiges mehr, ohne entsprechend mehr zu leisten. Und die überrissenen Boni der Manager kann ich schon gar nicht mehr nachvollziehen.
Jana Nitzsche, Pflegefachfrau mit höherer Fachausbildung: 5640 Franken
26
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Ja, für meinen Aufgabenbereich schon. Ich arbeite in der Rehabilitation, verglichen mit einem Akutspital läuft der Betrieb hier geregelter ab - das empfinde ich als Qualität. Wäre ich in der Hektik eines Akutspitals tätig, fände ich den Lohn zu tief.
Sind Sie neidisch auf den Lohn in anderen Branchen?
Nein, dafür kann ich zu wenig beurteilen, was dort verlangt wird. Störend finde ich eher das interne Gefälle in der Pflege: Wer sich in bestimmte Richtungen spezialisiert, verdient rasch um einiges mehr - über Gebühr, finde ich, dann stimmt das Verhältnis zur Arbeit an der Basis nicht mehr.
Wie entwickelt sich Ihr Lohn?
Er hat sich im Grunde nur einmal entwickelt: als ich vom Bündnerland in den Kanton Zürich gezogen bin. In Davos, wo ich vor sechs Jahren angefangen habe, bin ich gerade mal auf 4000 Franken pro Monat gekommen.
Andreas Stalder, reformierter Pfarrer und Supervisor: 9688 Franken
46
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Ja, im Vergleich zu anderen Staatsangestellten ist mein Verdienst gerechtfertigt. Ich habe eine lange Ausbildung absolviert, begleite Menschen an den Schnittpunkten des Lebens wie Tod, Geburt und Heirat oder bei persönlichen Problemen.
Sind Sie neidisch auf die Löhne anderer?
Nein. Mit 22 habe ich vertretungsweise eine Bankfiliale geführt, mich dann aber zum Theologen ausgebildet. Hätte ich die Bankkarriere weiterverfolgt, würde ich heute sicher mehr verdienen. Ich glaube aber nicht, dass ich glücklicher wäre.
Tina Gernet, angestellte Architektin ETH: 6000 Franken
32
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Eigentlich schon - aber nur wenn ich innerhalb unserer Branche vergleiche. Es ist ein Fakt, dass die Saläre der Architekten generell tief sind, wie die der meisten Berufe, die mit dem Bauen zu tun haben. Wenn ich mir aber anschaue, wie viel in anderen Sparten drinliegt, finde ich: Angesichts meiner Ausbildung und der Verantwortung, die ich in den Projekten trage, verdiene ich zu wenig.
Haben Sie es je bereut, nicht in einer profitträchtigeren Branche zu arbeiten?
Nein, nie. Es zwingt mich ja niemand, als Architektin zu arbeiten. Ich habe einen spannenden Job, der mich reizt und immer wieder neu herausfordert. Das ist es mir wert, auf mehr Geld zu verzichten.
Ralph Flösser, angestellter Treuhänder mit Notarpatent: 9000 Franken
45
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Nicht unbedingt. Natürlich: 9000 Franken sind ein guter Lohn, aber im Bereich der Finanzdienstleistungen befinde ich mich damit am unteren Ende. Die meisten Berufskollegen mit meiner Ausbildung verdienen jedenfalls mehr.
Sind Sie neidisch auf den Lohn anderer?
Nein, ich gönne jedem seinen Lohn. Wenn ich neidisch wäre, hätte ich meine Situation schon längst verändern müssen. Ich war früher auf einer Bank, da verdiente ich deutlich mehr. Aber dort habe ich mich sonst nicht wohl gefühlt. Wenn es im Job menschlich stimmt, ist mir das ein paar hundert Franken weniger im Monat wert.
Catarina Caratsch, angestellte Buchhändlerin für Sach- und Fachliteratur: 4150 Franken
36
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Nein. Wir Buchhändlerinnen werden von aussen als Verkäuferinnen wahrgenommen, dabei tun wir ja viel mehr, als bloss Bücher zu verkaufen. Für eine qualifizierte Kundenberatung braucht es ein enormes Fachwissen, das ständig à jour gehalten werden muss - und das geschieht alles aus eigener Initiative in der Freizeit. Ich lese jeden Tag nach Feierabend Bücher und sonstige Literatur, um mir mehr Wissen anzueignen. Es heisst ja immer, wie wertvoll Wissen ist. Da frage ich mich schon: Wieso wird dies dann nicht besser honoriert?
Sind Sie neidisch auf andere Löhne?
Nein, manchmal wundere ich mich etwas darüber, aber Neid gehört nicht zu meinem persönlichen Repertoire.
Niklaus Dähler, Programmierer/Techniker in einer Druckerei: 8100 Franken
39, zwei Kinder
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Ja, denn ich trage die Verantwortung für die technische Infrastruktur eines Betriebs von 25 Leuten und muss technisch anspruchsvolle Arbeit leisten. Andere Berufsleute mit gleicher Ausbildung verdienen ungefähr gleich viel.
Sind Sie neidisch auf das Einkommen anderer?
Nein, denn mein Lohn ist relativ gut, und ich kann Teilzeit arbeiten. Das ist eine komfortable Situation.
Profitieren Sie vom wirtschaftlichen Aufschwung?
Kaum. Zwar gab es letztes Jahr den Teuerungsausgleich, doch das ist zu wenig, wenn man sieht, wie viel besser es der Schweizer Wirtschaft und unserem Betrieb geht.
Barbara Schwärzler, freipraktizierende Hebamme: 4490 Franken
45
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Nein. Als freipraktizierende Hebamme bin ich sieben Tage pro Woche 24 Stunden auf Abruf. Das ist ein überdurchschnittliches Engagement, das besser honoriert werden müsste. Aber es geht ja auch um den Inhalt einer Arbeit - und ich bin leidenschaftlich gern Hebamme!
Wie entwickelt sich Ihr Lohn?
Tendenziell nach unten - ich muss mehr arbeiten, um meinen Verdienst zu halten. Erst im Mai wurde der vertragliche Taxpunktwert für Hebammenleistungen um fünf Rappen auf Fr. 1.10 gesenkt, eine Lohnsenkung von 4,3 Prozent. Konkret heisst das: Für eine Schwangerschaftskontrolle kann ich Fr. 56.10 verrechnen. Davon geht gut ein Drittel weg für die Abzüge, die ich als Selbständige habe - verbleiben 37 Franken für 35 Minuten Arbeit. Ich bin nicht einverstanden, dass unsere Arbeit so wenig wert sein soll.
Christine Steiger, Richterin und Vizepräsidentin am Bezirksgericht Frauenfeld: 14'448 Franken
51, drei Kinder
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Ja. Ich habe eine lange Ausbildung absolviert und trage viel Verantwortung. Als erst-instanzliche Richterin habe ich mit allen Rechtsgebieten zu tun und muss auch in schwierigen Situationen Entscheide fällen. Neben dem Aktenstudium gehört der direkte Kontakt mit den Parteien dazu. Dabei bin ich oft auch emotional gefordert. Wieso der Richterlohn gerade auf dieser Höhe festgesetzt wurde, weiss ich nicht. Ich vermute, dass bei gewählten Amtspersonen neben der Verantwortung wohl auch deren Autorität und Sozialprestige eine Rolle spielen.
Sind Sie neidisch auf den Lohn anderer?
Nein. Es gibt immer Leute, die mehr verdienen.
Fritz Schmid, Elektromechaniker/Servicetechniker: 5900 Franken
60, vier Kinder
Finden Sie, Ihr Lohn sei gerecht?
Ja und nein. Natürlich: Wie wohl die meisten Berufsleute hätte ich gern etwas mehr Lohn, aber ich habe mich damit arrangiert, dass bei uns offenbar nicht mehr drinliegt. Nicht gerecht finde ich hingegen, dass die jungen Kollegen schon als Anfangslohn fast ebenso viel bekommen wie ich. Ich bin der Meinung, der Faktor Erfahrung müsste mehr honoriert werden. Immerhin bin ich jetzt 33 Jahre in diesem Beruf tätig und bringe entsprechend viel spezifisches Fachwissen mit.
Sind Sie neidisch auf den Lohn anderer?
Nein, das würde mir ja nichts bringen. Mir geht es gut, so wie es ist - das ist schliesslich, was zählt.
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© Beobachter Ausgabe 21 vom 10. Okt 2007 - Alle Rechte vorbehalten




