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Mobbing

Weit mehr als eine Randerscheinung

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  • Peter Lauth
Ausgabe:
21/04

Schule, Familie oder Job: Wer ausgegrenzt wird, hat es schwer, den Weg zurück in die Gruppe zu finden.

Die ersten Schultage nach dem Umzug nach Olten waren für die heute 42-jährige Mani Sokoll eine Katastrophe. Scheidungskind, auffallende Kleider, anderer Dialekt. Am zweiten Schultag – es ging um das Ungeheuer von Loch Ness – erklärte sie dem Lehrer: «Ich glaube daran! Nessie gibt es!» Von diesem Moment an war sie «Nessie» – und eine Aussenseiterin.

«Wer sich vom Rest unterscheidet, verunsichert die anderen», sagt Rainer Hornung, Professor für Sozialpsychologie an der Uni Zürich, und erklärt die Systematik der Ausgrenzung: «Um diese Schwäche zu überdecken, wird der Andersartige verstossen.» In einer wissenschaftlichen Studie in Deutschland gaben 15 Prozent der 11- bis 13-Jährigen an, Aussenseiter zu sein und darunter zu leiden.

Das hat auch die heute 26-jährige Kathrin Fischer erlebt, die in einem Aargauer Dorf aufgewachsen ist. Ihre Familie war zugezogen, die Mutter verdiente den Lebensunterhalt, der Vater war Hausmann. Gründe genug, nicht akzeptiert zu werden. Kathrin Fischer kämpfte gegen ihre Aussenseiterrolle – bis ein anderes Mädchen ins Dorf zog. «Da habe ich weitergegeben, was mir jahrelang widerfahren ist», erzählt Fischer, «habe mitgemacht, als die Klasse die Neue verstiess, und gehörte auf einmal dazu.» Aus lauter Angst, selber wieder ausgegrenzt zu werden, «wurde ich vom Opfer zur Täterin».

In der Schule ein Aussenseiter zu sein hat nachhaltige Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes. Dies beschreibt eine Diplomarbeit, die letztes Jahr an der Fachhochschule für soziale Arbeit in Zürich gemacht wurde. Aussenseiterkinder können wichtige soziale Erfahrungen nicht machen, etwa Freundschaften pflegen und Gruppenzusammenhalte erleben. «So entstehen Defizite, die für die Kinder nur schwer wettzumachen sind», heisst es.

«Aussenseiter haben es schwer, wieder aus ihrer Rolle herauszukommen», sagt Maria Kenessey, Leiterin des Instituts für Integrative Psychologie und Pädagogik in Zürich. Das Selbstwertgefühl des Kindes wird stark geschwächt. Bleibt der Lehrer untätig und die Eltern hilflos, sind laut Kenessey die Chancen für eine Integration gering. «In vielen Fällen müssen die Eltern geschult werden, weil das Kind in der Familie ebenfalls ein Aussenseiter ist und man bereits dort ansetzen muss.»

Im schlimmsten Fall Selbstmord


Das soziale Phänomen Ausgrenzung habe zugenommen, stellt Kenessey fest. «Die Familien sind kleiner geworden», sagt sie, «das Wir-Gefühl, das der Mensch für seine innere Sicherheit braucht, kann sich schlecht oder gar nicht entwickeln.» Die hohe Selbstmordrate von Jugendlichen in westlichen Ländern – die Schweiz ist auf Platz sechs im internationalen Vergleich – hänge mit dieser Problematik zusammen.

Auch Marco Suter, der wegen seiner schlechten Erfahrungen nicht mit richtigem Namen genannt werden will, wünschte sich, nicht mehr zu leben, als er am Arbeitsplatz vom Team schikaniert wurde. Er hatte Magenbrennen, rauchte eine Zigarette nach der anderen und konnte nicht mehr schlafen. Kurz nach der Probezeit fing es an. Zuerst waren es nur einzelne Personen, die sich gegen ihn richteten, schliesslich mobbte ihn das ganze Team. «Ich passte nicht zu denen, konnte mit ihrer vulgären Sprache und den rechtsextremen Sprüchen nichts anfangen», sagt Suter, der in Zürich als Sachbearbeiter tätig war. «Meine Arbeitskollegen beklagten sich wegen Kleinigkeiten beim Chef, etwa wegen eines Tippfehlers in einem Briefentwurf.»

Jeder zwölfte Arbeitnehmer gemobbt


Laut Psychologin Claudia Stam-Wassmer von der Mobbing-Beratungsstelle Zürich ist Mobbing meist mit Führungsproblemen verbunden. «Sucht ein Team einen Sündenbock, ist es Sache des Vorgesetzten, einzugreifen», sagt Stam. Ob und wie stark eine Person durch ihr Verhalten Mobbing provozieren kann, ist umstritten.

Suter kann sich nicht erinnern, vorher je den Anschluss an eine Gruppe nicht gefunden zu haben; umso verblüffter war er, als er bei dieser Arbeitsstelle nur Ablehnung erfuhr. Man legte ihm schliesslich die Kündigung nahe. Zwei seiner Vorgänger war es ähnlich ergangen.

Laut einer Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft aus dem Jahr 2002 wird in der Schweiz jeder zwölfte Arbeitnehmer gemobbt. Vielfach sind sich die Betroffenen ihrer Lage nicht bewusst: Nur 4,5 Prozent der Befragten fühlten sich als Mobbingopfer. «In den letzten zwei Jahren hat Mobbing wegen der verschärften Wirtschaftslage stark zugenommen», erklärt Stam-Wassmer. Oft fügen sich die Aussenseiter der Arbeitswelt ihrem Schicksal, aus Angst, keine Stelle mehr zu finden. Suter hatte Glück und fand einen neuen Job.

Auch Mani Sokoll hatte sich in der Schule nicht gegen die Ausgrenzung gewehrt. Es entspreche ihr nicht, um jeden Preis irgendwo dazugehören zu wollen. «Ich sagte mir, wenn die eine Aussenseiterin wollen, können sie sie haben.» Fortan stellte sie sich überall als «Nessie» vor, stolzierte mit den verrücktesten Hosen herum und nahm jedem Spötter den Wind aus den Segeln, indem sie auf den Betreffenden zuging und ihn auf sein Verhalten ansprach.

«Es war ein schmerzhafter, aber lehrreicher Weg», sagt Sokoll. Heute sieht sie sich als «integrierte Aussenseiterin». Denn noch immer ist sie anders als der Durchschnitt, kleidet sich extravagant, lässt ihrem Temperament freien Lauf und wagt auszusprechen, was andere verschweigen. Mit dem Unterschied, dass sie heute als erfolgreiche Frau mit hoher Sozialkompetenz bewundert wird. Doch das Wir-Gefühl ist ihr bis heute fremd. Am stärksten spüre sie es, wenn sie bei anderen, einer zerstrittenen Gruppe etwa, Einigkeit schaffen kann. Es kommt nicht von ungefähr, dass sie heute als Mediatorin arbeitet.

Buchtipps

  • Karl E. Dambach: «Mobbing in der Schulklasse»;
    Ernst-Reinhardt-Verlag, 2002, Fr. 18.10

  • Kristin Holighaus: «Zoff in der Schule»;
    Beltz, 2004, Fr. 12.80

© Beobachter Ausgabe 21 vom 14. Okt 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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