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Small Talk

Reden ist Gold

Text:
  • Walter Noser
Bild:
  • Archiv
Ausgabe:
25/07

Wenn man bei einer Einladung Unbekannten gegenübersitzt, gibts nur eins: Small Talk. Das ist mehr als belangloses Gefasel. Es ist die Kunst, sich und andere gut zu unterhalten.

Der neue Beobachter-Mitarbeiter hat schnell gemerkt, dass in der Firma nicht nur gearbeitet, sondern auch gern gefeiert wird: Bereits in seiner zweiten Arbeitswoche hat er das ganze Team des Beratungszentrums zu seinem Hochzeitsapéro eingeladen. Doch weil das etwas kurzfristig war, mussten viele absagen. Sehr zum Leidwesen jener Kollegin, die bereits zugesagt hatte - die Aussicht, ausser dem Bräutigam niemanden zu kennen, trübte ihre Vorfreude. «Wenn du gehst, dann komm ich auch», tröstete ein anderer Mitarbeiter. Allein unter lauter Fremden würde er sich nämlich wie seine Kollegin etwas verloren fühlen.

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In der Tat ist es eine unangenehme Situation, wenn man auf einer Party niemanden kennt und stumm herumsteht. Wie kommt man ins Gespräch? Worüber redet man mit Fremden? Übers Wetter? Über die Arbeit? Über gemeinsame Bekannte? Die Website knigge.de hält Anstandsregeln für alle Lebenslagen parat und erklärt auch, wie man sich beim Small Talk korrekt benimmt: «Die Kontakttiefe bestimmt das Gesprächsthema» - mit jemandem, den man erst gerade beim Businesslunch kennengelernt hat, wird man über andere Themen sprechen, als wenn man schon zusammen im Sandkasten gespielt hat. Knigge.de warnt zudem vor möglichen Fettnäpfchen: «Politik und Religion haben beim Small Talk nichts verloren», heisst es kategorisch.

Wirklich nicht? Der langjährige TV-Moderator und heutige Kommunikationsberater Patrick Rohr widerspricht: «Natürlich kann man mit seinen politischen Ansichten oder religiösen Überzeugungen auf Widerstand stossen, aber das macht ja ein Gespräch erst spannend.» Solange das nötige Taktgefühl gewahrt bleibt, dürfen laut Rohr Tabus alleweil gebrochen werden. «Small Talk ist eine Kunst - die Kunst, mit einem fremden Menschen in kurzer Zeit in Kontakt zu kommen und mit den richtigen Fragen und echtem Interesse Neues und Spannendes zu erfahren», sagt Rohr.

Dani Fohrler, der die Talksendung «Treffpunkt» auf Radio DRS1 moderiert und dort mit den unterschiedlichsten Menschen über die verschiedensten Dinge plaudert, macht keinen Unterschied zwischen Small Talk und anderen Gesprächen: «Sobald sich zwei Personen wahrnehmen, beginnen sie zu kommunizieren - mit oder ohne Worte.» Manchmal ergibt sich eine Unterhaltung nach dem ersten Anlauf ganz von selbst, manchmal jedoch läufts harzig. Wenn ein Gespräch gar nicht in Gang kommen will, hilft Fohrler mit Tricks ein bisschen nach (siehe Box «Gekonntes Blabla: So bleiben Sie im Gespräch»). Der erste Satz kann eine unverbindliche Bemerkung über das Essen, die Lokalität oder eben Gehörtes sein und dient ohnehin nur einem Zweck: anzudocken und eine gemeinsame Wellenlänge zu finden.

Laut denken - aber mit Anstand

Man erkennt relativ schnell, ob das Gegenüber bereit ist für ein Gespräch. «Wenn ich spüre, dass die Lust zu reden klein ist, suche ich nicht krampfhaft das Gespräch. Es gibt noch andere Gäste, die interessierter und möglicherweise auch interessanter sind», sagt Patrick Rohr. «Zeigt das Gegenüber hingegen Gesprächsbereitschaft, stelle ich mich vor und erkundige mich nach dem Namen, der Herkunft und dem Beruf des Gegenübers», so Rohr.

Der erfahrene Moderator weiss, dass es nicht nur darum geht, das Gegenüber auszufragen. Ein Gespräch kommt nur ins Rollen, wenn man erzählt, was man mit den Äusserungen des Gesprächspartners verbindet, und nachfragt, ob die Vorstellung zutrifft oder auf einem Vorurteil beruht. «Damit gebe ich dem Gegenüber eine Plattform und signalisiere Interesse, was spannende Gespräche ermöglicht.»

Spannend wirds immer dann, wenn man mit dem nötigen Anstand laut denkt. Und laut denken ist nichts anderes als assoziieren: Vom Wetter schwenkt man zur Frage, ob Wintersport angesichts der Klimaerwärmung in 50 Jahren noch möglich sei; vom Markenchampagner gelangt man zur Überlegung, womit Paris Hilton und Britney Spears jeweils ihren Durst löschen. Und wenn über Literatur gesprochen wird, kann man Oscar Wilde zitieren: «Die Kunst des Gesprächs ist, alles zu berühren und sich in nichts zu vertiefen.»

PS: Sie möchten sicher noch wissen, wie der Apéro beim neuen Kollegen verlief. Es sei Ihnen verraten, wenn Sie es nicht weitererzählen: Die Mitarbeiterin kam mit einem Freund des Bräutigams ins Gespräch und soll ein Auge auf ihn geworfen haben. Aber das ist Klatsch und Tratsch - und der hat beim Small Talk nichts zu suchen.

Gekonntes Blabla: So bleiben Sie im Gespräch
  • Meiden Sie Sackgassen: Die Frage «Haben Sie schon Winterferien gebucht?» kann im Nichts münden, wenn der andere bloss ja oder nein sagt. Formulieren Sie Fragen offen und geben Sie zugleich etwas von sich preis: «Im Winter bin ich bei schönem Wetter immer auf der Piste. Und Sie?»

  • Seien Sie aufmerksam: Konzentrieren Sie sich nicht nur auf das Gesagte. Wie jemand etwas sagt, ist manchmal spannender als was er sagt. Quittieren Sie das mit Komplimenten.

  • Geben Sie den Ton an: Komplimente bringen Sie in die Pole-Position. Sie bestimmen, worüber als Nächstes gesprochen wird - je nachdem, wen oder was Sie loben.

  • Seien Sie phantasievoll: Wenn Ihnen der Gesprächsstoff ausgeht, lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf, zum Beispiel mit Was-wäre-wenn-Fragen: Wo wären wir, wenn wir nicht zu dieser Party eingeladen wären?

  • Seien Sie ganz Ohr: Ein guter Zuhörer ist nicht der, der nur nickt und ausser «tatsächlich?» und «wie interessant!» nichts zu sagen weiss. Gute Zuhörer spüren den Gefühlen hinter den Worten nach und gehen auf den Gesprächspartner ein.

  • Fragen Sie nach: Es wird nur über Art déco, die Hitparade oder DNA-Rekombination bei Säugetieren gesprochen? Fordern Sie zum Weiterreden auf: «Ich kenne mich bei diesen Themen nicht aus. Was beeindruckt Sie daran?»

  • Bemühen Sie sich, interessiert statt interessant zu sein: Warten Sie nicht auf Stichworte, die Sie von Ihren eigenen tollen Erfahrungen berichten lassen.

  • Ein bisschen Spass muss sein: Was lustig ist und was nicht, hat stets derjenige zu entscheiden, auf den der Spass gemünzt ist. Beobachten Sie sich aus der Perspektive eines Dritten - über sich selbst gibt es auch viel zu lachen!

  • Erlaubt ist, was nicht stört: Wer von seinen Krankheiten und Seuchen erzählt, alles übertreibt und andere zu dominieren versucht, wird wohl nicht so schnell wieder eingeladen.



Buchtipps
  • Doris Märtin: «Smart Talk»; Campus, 2006, 224 Seiten, Fr. 34.90
  • Karin Boeck, Doris Märtin: «Small Talk»; Heyne, 1999, 188 Seiten, Fr. 16.90

© Beobachter Ausgabe 25 vom 05. Dez 2007 - Alle Rechte vorbehalten

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