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Stress

Sand im Getriebe

Bild:
  • Agentur Gettyimages
Ausgabe:
3/07

Dank immer besserer Technik haben wir immer mehr Zeit zur Verfügung. Trotzdem fühlen sich immer mehr Menschen gestresst. Was ein Glasgefäss, Steine und Sand mit vernünftiger Zeiteinteilung zu tun haben.

Kennen Sie das? Sie sollten dem Kunden bis Mittag antworten, Ihr Kollege unterbricht Sie schon wieder, und auch der Chef verlangt nach einer Information. Sie blättern in einem Stapel, das Telefon klingelt. Daneben kündigt eine SMS an, dass die Quartiervereinssitzung heute Abend um eine Stunde vorverschoben wird. Also müssen Sie früher aus dem Büro, damit Sie noch einkaufen können, ohne den Zug zu verpassen. Endlich haben Sie die Zahlen für den Chef zusammen und wollen sich wieder Ihrem Kunden widmen, da kündigt ein rotes Ausrufezeichen auf Ihrem Bildschirm eine dringende Mail an. Sie fühlen sich gehetzt und genervt, würden am liebsten alles hinschmeissen. Dabei ist es erst zehn Uhr vormittags.

So geht es vielen. Obwohl einem immer raffiniertere Hilfsmittel eine Menge Arbeit abnehmen oder sie vereinfachen, fühlen sich immer mehr Menschen gestresst. In einer Gesundheitsbefragung vor vier Jahren - neuere Zahlen liegen nicht vor - gaben 44 Prozent aller Personen an, unter starken nervlichen Belastungen am Arbeitsplatz zu leiden. Der Preis ist immens: Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schätzt, dass die krankheits- und unfallbedingten Kosten durch Stress jährlich mit etwa 4,2 Milliarden Franken zu Buche schlagen. Wenig verwunderlich, dass Ratgeberbücher zum Thema Stressbewältigung die Bestsellerlisten stürmen.

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«Viele Menschen fühlen sich ausgelaugt oder sind mit den Nerven am Ende, weil sie Energie am falschen Ort verschwenden», erklärt die Psychologin und Buchautorin Franziska Bischof-Jäggi. Mit einem Glasgefäss erklärt sie unseren Umgang mit der Zeit: Hinein legt sie drei grosse Steine. Sie symbolisieren unseren Zeitbedarf für Beruf, Familie und Gesundheit. Der Platz im Glas ist jetzt zu einem Drittel gefüllt. Nun schüttet Bischof-Jäggi kleinere Kieselsteine dazu. Sie stehen für Hobbys, Weiterbildung, Ferien und Freunde. Noch immer ist das Glas nicht einmal zu zwei Dritteln gefüllt.

Schliesslich wird Sand ins Glas geschüttet. Er steht für die vielen kleinen, aber zeitraubenden Aufgaben wie Hausarbeit, Mails beantworten, Combox abhören, im Stau stehen, Aufräumen. «Viele lassen sich zu stark vom Sand aufhalten», so Bischof-Jäggi. Die Familienmanagerin berät seit vielen Jahren Personen und Unternehmen zum Thema «Work-Life-Balance» und stellt dabei fest, dass oftmals ein übertriebener Perfektionismus in die Erschöpfung führt. «Wer alles selber machen und überall glänzen will, investiert zwangsläufig auch viel Energie in Unwichtiges.»

Konflikte, Stress - Zusammenbruch
Neben eigenen überzogenen Ansprüchen ist es das rasante Alltagstempo, mit dem viele Menschen nicht mehr zurecht kommen. Die Psychologin Margret Surdmann leitet in Zürich Kurse für Energiemanagement und Burn-out-Prävention. Viele ihrer Teilnehmer sind an der Grenze ihrer Belastbarkeit angelangt und wissen kaum mehr, woher sie die Energie für den nächsten Tag nehmen sollen. «Gerade Männer neigen dazu, ihre ganze Energie in den Beruf zu stecken, was zu Konflikten mit der Familie und schliesslich zu permanentem Stress bis zum Zusammenbruch führt.» Diese Menschen müssten wieder lernen, sich besser wahrzunehmen, Bedürfnisse und neue Energiequellen aufzuspüren. Erst dann gehts an die Planung. Will heissen: Wer mit sich im Gleichgewicht sein möchte, muss darauf achten, seine Ziele den Kräften anzupassen - und nicht umgekehrt.

Psychologin Bischof-Jäggi beobachtet, dass sich vor allem Frauen dort unnötig aufreiben, wo sie wenig Anerkennung erfahren - für einen perfekten Haushalt zum Beispiel. Wer zu neuer Energie finden will, so rät die Familienberaterin, sollte beim «Sand» ansetzen und vielleicht sogar vorübergehend beim Beruf etwas kürzertreten, auf keinen Fall aber bei der Familie und im Privaten.


Zeit und Energie: So gehts

Prioritäten setzen: Nicht alles, was dringend scheint, ist auch wichtig. Erledigen Sie zuerst das Wichtige. Vor allem: Checken Sie nicht jede Stunde Ihre Mailbox und stellen Sie Ihr Handy in der Freizeit ab. Sie müssen nicht immer und für jeden erreichbar sein.

Schluss mit Aufschieben: Erledigen Sie unangenehme Arbeiten zuerst. Solche Pendenzen mit sich herumzutragen kostet unnötig Energie und blockiert Ihren Geist bei anderen Aufgaben.

Weg mit Papierstapeln: Das Durchsuchen von Papierstapeln nervt und kostet unnötig Zeit. Zudem versperren Papierberge den Platz auf Ihrem Pult. Richten Sie sich themenorientierte Hängeregistraturen ein und legen Sie Neues sofort ab. So behalten Sie auch in hektischen Momenten den Überblick.

Keine übertriebene Perfektion: Quälen Sie sich nicht mit überhöhten Ansprüchen. Sie sollen Ihre Aufgaben gut machen, nicht ausgezeichnet. Und verschwenden Sie Ihre Energie nicht mit Ärger über lästige Arbeiten; investieren Sie sie lieber da, wo es Spass macht.

Weissraum lassen in der Agenda: Verplanen Sie höchstens 70 Prozent Ihrer Zeit. So bleibt Raum für Spontanes. Planen Sie konsequent und regelmässig genügend Zeit für sich selber ein. Einen Wohlfühltag zum Entspannen zum Beispiel oder einen Abend mit Freunden.

Aufgaben delegieren: Sie müssen nicht alles selber machen. Lassen Sie los. Ihre Kinder können den Znüni selber vorbereiten, und Ihr Partner ist in der Lage, das Abendessen für die Familie zu kochen. Überlegen Sie auch im Büro, welche Aufgaben jemand anders ausführen könnte, damit Sie entlastet werden.

Entscheide überdenken: Hoffen Sie nicht auf bessere Zeiten, wenn Sie der Stress um den Schlaf bringt. Von allein wird sich nichts ändern. Halten Sie nicht an Entscheiden fest, nur weil Sie glauben, Ihr Gesicht wahren zu müssen. Überlegen Sie, was Ihnen Luft im Alltag bringen könnte, und bringen Sie im Büro oder zu Hause Ihre Wünsche vor.




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© Beobachter Ausgabe 3 vom 31. Jan 2007 - Alle Rechte vorbehalten

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