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Universitäten

Eine Frage der Lehre

Text:
  • Thomas Buomberger
Bild:
  • Igor Kravarik
Ausgabe:
13/04

An den Schweizer Hochschulen liegt einiges im Argen. Obwohl die Unis künftig vom Bund mehr Geld erhalten, dürfte die Qualität der akademischen Ausbildung kaum steigen.

Auch die Bildungspolitiker im Nationalrat haben nun das Vokabular der Wirtschaft entdeckt. Es gelte, die Schweizer Universitäten fit zu machen für den globalen Konkurrenzkampf. Es gehe um zukunftsträchtige Investitionen, ums Exportgut Nummer eins und um ein wertschöpfungsintensives Produkt. Das Resultat der Debatte: Der Bund will in den nächsten vier Jahren gut 17 Milliarden Franken für Bildung und Forschung ausgeben. Während fast überall der Rotstift angesetzt wurde, dürfen diese Ausgaben in den nächsten vier Jahren jährlich um vier Prozent ansteigen.

Ein Professor auf 100 Studierende


Doch trotz warmem Geldregen für die Universitäten bleibt dort vieles im Argen. Während die Mittel für die Forschung - vor allem an der ETH - reichlich fliessen, fehlt es an Geld, um die unzumutbaren Lernbedingungen und Betreuungsverhältnisse der Studierenden zu verbessern. Ein Professor auf über 100 Studierende ist keine Seltenheit.

Auch wenn der Missstand überall erkannt ist, baldige Abhilfe wird nicht erfolgen. Ein 2002 verfasster Bericht von Gerhard M. Schuwey, Direktor des Bundesamts für Bildung und Wissenschaft, kam zum Schluss, dass es fast 500 neue Professorenstellen bräuchte, um in den Geistes- und Sozialwissenschaften ein vernünftiges Betreuungsverhältnis von einem Professor auf 40 Studierende zu erreichen. Doch das wird Wunschdenken bleiben. Für eine fundamentale Verbesserung reichen die Mittel dann doch nicht aus.

Geldsegen vor allem für Forschung


Denn wenn von Wissenschaftsförderung die Rede ist, wird meist die Forschung bedacht. Die lässt sich in Resultaten wie angemeldeten Patenten oder wissenschaftlichen Veröffentlichungen scheinbar exakt messen. Vernachlässigt wird die Frage, ob das Wissen auch weitergegeben wird und wie es um die Qualität der Lehre beschaffen ist. Und da steht es nicht zum Besten.

«Alles läuft heute Richtung Forschung», bedauert auch Rolf Dubs, der Doyen der Schweizer Hochschulpädagogen und jahrzehntelang Professor an der St. Galler Wirtschafts-Eliteuniversität HSG. Das führe manchmal zur grotesken Situation, dass bei Berufungen ein Dozierender beim Probevortrag extrem schlecht abschneide, aber dank seiner Forschung, in der Hoffnung, er werde das Pädagogische dann doch noch irgendwann meistern, dennoch gewählt werde.

Auch für Klaus Wegenast, den früheren Rektor der Uni Bern und heutigen Generalsekretär der Vereinigung schweizerischer Hochschuldozenten, müssen die Prioritäten neu gesetzt werden: «Statt sich vornehmlich auf die Spitzenforschung in wenigen Einzeldisziplinen zu konzentrieren, scheint es zunehmend wichtig, sich auch um moderne Formen der Lehre zu kümmern.»

Dass dem noch nicht so ist, hat auch mit dem geringeren Prestige von Lehrenden gegenüber Forschenden zu tun. Walter Leimgruber, Ordinarius für Volkskunde und europäische Ethnologie an der Universität Basel, der viel Aufwand für die gute Vorbereitung seiner Lehrveranstaltungen betreibt, beklagt sich: «Die Lehre wird teilweise als ‹quantité négligeable› betrachtet. Man kann sich halt damit keine Lorbeeren holen.»

Wie soll man aber bei knappen Mitteln mit dem Rohstoff Wissen optimal umgehen? Die Universitätslandschaft ist eine Baustelle wie nie seit der Einführung des Humboldtschen Bildungssystems im 19. Jahrhundert.

Mit der so genannten Bologna-Reform soll das Studium nach einem modulartigen System zweistufig gegliedert werden: in eine Bachelor- und eine Masterstufe wie in Rest-Europa. Arbeiten und Prüfungen sollen europaweit anerkannt werden. Auf der organisatorischen Ebene heisst das Zauberwort: Portfoliobereinigung. Universitäten sollen Institute und Fächer zusammenlegen, Kompetenzzentren und Schwerpunktinstitute bilden. Nicht jede Uni soll weiterhin alles anbieten. In der Human- und Veterinärmedizin gibt es bereits Kooperationen. Die Uni Basel will aus Spargründen Fächer wie Astronomie oder Slawistik streichen.

«Jede Uni bastelt an eigenem System»


Das geht einigen aber nicht weit genug. «Sinnvoll wäre es, wenn die Universitäten Zürich, Basel und Bern gewisse Fächer zusammenlegen würden», findet Walter Leimgruber, der bedauert, dass sich das «altmodische System Universität» in der Vergangenheit viel zu wenig bewegt habe. Der Experte der Bologna-Reform sieht die akademische Erneuerung der Schweiz noch keineswegs auf bestem Wege: «Jede Uni bastelt an ihrem eigenen System, bewertet die gleichen Leistungen mit einer anderen Punktzahl. Das Ganze ist weder schweiz- noch europakompatibel.»

Als weiteres Handicap bezeichnet Leimgruber die Tatsache, dass es kaum möglich sei, das Studium in der vorgesehenen Zeit zu absolvieren, weil viele Studierende nebenher noch arbeiten müssen - eine Befürchtung, die Studierendenorganisationen teilen. Das wiederum hätte zur Folge, dass es trotz «Bologna» zu keiner Entlastung an den Unis käme.

Grundsätzlich sind sich die Bildungsexperten einig, dass es in Zukunft in grösserem Mass als bisher Kooperationen zwischen den Universitäten geben muss. «Sonst droht der Abstieg mancher Universität in die Provinzialisierung, was es immer schwieriger macht, hervorragende Fachvertreter aus dem In- und Ausland zu gewinnen», sagt Klaus Wegenast.

Doch einer Bereinigung der Universitätslandschaft stehen der Kantönligeist und die Verteidigung der akademischen Pfründen durch Professoren im Weg. Ausser der ETH in Zürich und Lausanne sind nämlich die übrigen zehn Unis kantonal verfasst, obwohl sie zu einem guten Stück auch von Bundesgeld genährt werden. Alle Universitäten dem Bund zu unterstellen ist allerdings eine Vision, die kaum jemand auszusprechen wagt.

Die Situation bleibt vorläufig prekär


Nur wenige sind bereit, am Prinzip des Föderalismus zu kratzen. Einer von ihnen ist der Ständerat und Bildungspolitiker Hansruedi Stadler: «Ich kann mir vorstellen, dass die Kompetenzen der einzelnen Kantone im Universitätsbereich eines Tages erheblich eingeschränkt werden.» Doch vorderhand sind die Kantone nicht bereit, Macht an den Bund abzugeben. So wird es also bis mindestens 2008, bis die Hochschullandschaft definitiv geordnet werden soll, weiterhin bei einer punktuellen Zusammenarbeit bleiben.

Wenngleich die Universitäten in den nächsten Jahren etwas mehr Geld erhalten, bleibt die Situation prekär. Also gilt es, aus dem Vorhandenen das Beste zu machen. Doch das ist bei weitem nicht der Fall. So kritisiert Pädagogikprofessor Rolf Dubs, dass die meisten Mittel völlig undifferenziert nach dem Giesskannensystem verteilt würden. «Um die Gelder möglichst effizient einzusetzen, braucht es eine ständige Überprüfung der Resultate sowohl in der Forschung als auch in der Lehre», meint Dubs. Wie wenig kontrolliert wird, belegt er mit dem Beispiel des Internetstudiums, des so genannten E-Learning: Dort werden enorme Summen investiert, ohne dass jemand wisse, was es letztlich bringe.

© Beobachter Ausgabe 13 vom 24. Jun 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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