Zirkus
Manege frei für ein Halleluja
Ernst Heller ist der einzige katholische Zirkuspfarrer der Schweiz. Seine Rolle als «Clown Gottes» spielt er mit heiligem Ernst - und mit feinem Gespür für die Nöte seiner Schäfchen.

(Bild: Vera Rüttimann)
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Sägemehlgeruch und Popcornschwaden schwängern die Luft über den rund 1200 Gottesdienstbesuchern auf dem Spelteriniplatz in St. Gallen. Reihum rutschen die Kinder ungeduldig auf den roten Schalensitzen hin und her. Ein Gospelchor und Appenzeller Jodelbuben in der Tracht fiebern ihrem Auftritt im Rahmen der ökumenischen Feier entgegen. Beim Eingang prüft der katholische Pfarrer Ernst Heller im dunklen Anzug die Requisiten. Kurz darauf steht der 61-Jährige im weissen Messgewand, bestickt mit bunten Clowns und Elefanten, in der Manege: Halleluja!
Bei Zirkusleuten, Markthändlern und Schaustellern gilt sein fulminantes Finale mit seiner Freundin Frieda als Highlight des Gottesdienstes im Zelt des Circus Knie. Zum Ausklang des einstündigen Happenings umklammert er jeweils innig seine Frieda, die schmucke Klarinette, und stösst auf ihr Jauchzer und Seufzer aus, bis das Zirkuszelt zu vibrieren und das Publikum zu tosen beginnt. Halleluja und kein Ende! Draussen in der Freiluftbar scharen sich dann die fahrenden Freunde um ihren wunderlichen Gottesmann.
Artisten vertrauen auf Überirdisches
Der Krienser Pfarrer Ernst Heller ist Paradiesvogel und Randseelsorger in einem, beides mit Herz und Seele. Seine Lebensfreude und die Liebe zu den Mitmenschen wusste auch die Obrigkeit zu schätzen: 1999 wurde der umtriebige Diener Gottes von Weihbischof Martin Gächter zum ersten katholischen Zirkuspfarrer der Schweiz und des Europaparks im grenznahen Rust ernannt. Seit drei Jahren widmet sich der Himmelsstürmer vollamtlich dem fahrenden Volk. Mit Respekt, Würde und Hingabe stellt er sich in den Dienst der rund 25 Schweizer Zirkusunternehmen mit all ihren Truppen. Daneben hat er auch für die gut 2000 Markthändler und Schausteller hierzulande stets ein offenes Ohr und stösst selber auch auf Gehör.
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«Besonderen Schutz erhoffen sich die Künstler vom exklusiven Anhänger in Form eines Messingkreuzes, das ich jeweils im Vatikan vom Papst segnen lasse», verrät der «Clown Gottes». Als Ansprechpartner für Anwärter der Schweizergarde in Rom organisiert er jeweils im September für eine ausgewählte Gruppe eine Schnupperwoche und zeigt ihnen das Hauptquartier im Vatikan. Natürlich ist auch Freundin Frieda jedes Mal mit von der Partie. «Papst Johannes Paul II. liess mich auf meiner Klarinette vorspielen», strahlt er.
In der multikulturellen und auch multireligiösen Zirkus- und Schaustellerwelt sei er immer wieder berührt vom Geist der Toleranz und des gegenseitigen Respekts: «Ein Muslim hilft mir freiwillig und ganz selbstverständlich beim Aufbau eines Altars.» Im Rampenlicht zu stehen hat auch seine Schattenseiten, wie Heller immer wieder miterlebt und zu spüren bekommt. Wenn der Vorhang fällt, blättert die Schminke, die Stars brauchen wieder Bodenhaftung, der Alltag hat sie wieder mit all seinen Nöten, Ängsten und Sorgen. Das Bedürfnis nach Gespräch, Trost und Zuspruch sei hinter den Kulissen gross, sagt Heller: etwa bei alternden Artisten auf dem Abstellgleis, die in eine Depression fallen, oder bei verletzten Künstlern, die keine Perspektive mehr sehen.
Wann immer und wo auch immer Not am Mann ist: Heller ist mit seinem Occasionswohnmobil schnell zur Stelle. Mit seinem Dach auf Rädern gehört er als Randseelsorger zur Familie der Fahrenden, seien es marokkanische Zeltarbeiter, polnische Tierpfleger oder chinesische Trapezkünstler. Um bei Härtefällen Soforthilfe leisten zu können, hat Heller die Philipp-Neri-Stiftung ins Leben gerufen. Als Vorbild diente ihm das Lebenswerk des italienischen Priesters Neri, der Mitte des 16. Jahrhunderts als Patron der Gaukler verehrt und nach seinem Tod heiliggesprochen wurde. Bei jeder Sammelaktion unterstreicht der engagierte Zirkuspfarrer die Notwendigkeit seines Hilfswerks.
Zum «Clown Gottes» wird man natürlich nicht geboren. Aber das Talent dazu bekam Ernst Heller, der in einer fröhlichen, «sonnigen» Grossfamilie mit vier Stiefgeschwistern und vier leiblichen Schwestern aufwuchs, in die Wiege gelegt. «Das war mein erster Berufswunsch», sagt er. Sein Vater allerdings zeigte dafür wenig Begeisterung und legte ihm den Besuch des Gymnasiums nahe. Als seine Mutter an den Folgen eines Autounfalls nach neun Monaten im Koma starb, fühlte sich der 20-Jährige aus der Bahn geworfen. Er erkrankte an einer lebensbedrohlichen Gelbsucht und verbrachte 17 Wochen im Sanatorium von Clavadel GR - mit Konsequenzen fürs ganze Leben: «Hier entdeckte ich die Bibel.»
Ernst Heller machte sich auf seinen Weg. Er liess sich zum Katecheten und Religionslehrer ausbilden und entschloss sich, auf dem dritten Bildungsweg noch ein Theologiestudium zu absolvieren. Nach der Priesterweihe machte er aus seinem Herzen keine Mördergrube: Hörbar liess er es weiter für die Welt des Zirkus schlagen.
«Wer sich einsetzt, setzt sich aus»
Im himmlischen Humor sieht er bis heute eine Bereicherung, ein Lebenselixier. Er will keine Drohbotschaft vermitteln, sondern spricht sich für die Frohbotschaft aus: «Wer jung nicht spinnt, wird alt nicht normal.» Beim Aufruf zur Kollekte am Ende des Gottesdienstes im Zirkuszelt witzelt er, bei der Opfergabe handle es sich nicht um eine Altmetall-, sondern um eine Papiersammlung. Dann jauchzt er sich sein herzerwärmendes «Halleluja» aus der Seele.
Der Jubelruf aus himmlischen Höhen ziert selbst die Hinterseite seiner Visitenkarte. Vorne erscheint Heller im vollen Ornat und mit Frieda in der Hand im besten Licht. Dass ihn gewisse Kritiker als Selbstdarsteller oder gar als Exhibitionisten belächeln, bringt ihn nicht aus seinem Konzept. «Wer sich einsetzt, setzt sich aus», meint er. Oder ganz profan: «Ohne Gackern gibt es keine Eier.»
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© Beobachter Ausgabe 12 vom 11. Jun 2008 - Alle Rechte vorbehalten

