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Karriere ab 40
Reif für einen Neuanfang
Meistens passiert es in der zweiten Lebenshälfte: Im Beruf stellt sich Überdruss ein. Die Krise um die 40 trifft alle. Wer sich ihr früh genug stellt, kann durchaus noch einmal Vollgas geben.

(Bild: Christian Flierl)
Vielen Menschen wird in der Mitte ihres Lebens und ihrer Erwerbstätigkeit klar, dass sie nicht mehr weitermachen können oder wollen wie bisher. Die Gründe sind vielfältig: schwindende Leistungsfähigkeit, Überforderung in Job und Familie, Karriereknick oder körperliche Ermüdung. Überdruss und der Drang nach Veränderung sind bei den über 40-Jährigen verbreitet. Eine aktuelle Studie des Fachblatts «Social Science and Medicine» hat die Daten von über zwei Millionen Menschen aus 80 Nationen ausgewertet: Die Krise in der Lebensmitte trifft jeden, egal, ob Mann oder Frau, ob wohlhabend oder arm. Doch das ist kein Grund zur Verzweiflung, denn man kann der sogenannten Midlife-Crisis aktiv begegnen und aus ihr eine Midlife-Chance machen. Das gelingt umso eher, je früher man damit beginnt.
So wie bei der 39-jährigen alleinerziehenden Mutter Smadah Lévy. Als ihre Tochter etwas autonomer wurde, begann die kaufmännische Angestellte eine zweite Ausbildung zur Bewegungspädagogin. Damit wollte sie sich ihren Jugendtraum erfüllen. «Doch schliesslich wurde mir klar, dass es für diesen Beruf keinen Markt gibt. Ich muss noch ein paar Jahre meine Tochter unterstützen, und dann will ich nicht meinen Lebensabend mausarm verbringen.» Doch so weiterzumachen wie bisher, das kam für Smadah Lévy nicht in Frage: «Man verbringt acht bis zehn Stunden am Tag bei der Arbeit. Das hält man nur aus, wenn man im Job Spass hat und sich weiterentwickeln kann.» So opferte sie ihren Traumberuf der langfristigen Lebensplanung. Im Einvernehmen mit ihrem Arbeitgeber macht sie nun eine Weiterbildung in Sozialversicherungsrecht und entwickelt sich in Richtung Personalführung. Die Trauer um den verlorenen Wunschjob hält sich in Grenzen. «Die Arbeit macht mir Spass, und durch die Zusatzqualifikation nehme ich mir die Zukunftsängste. Schliesslich erhalte und steigere ich so meinen beruflichen Marktwert», sagt Lévy.
Auch Anton Marty ist in der zweiten Hälfte seines Berufslebens noch einmal voll durchgestartet. In seinem erlernten Beruf als Landschaftsarchitekt hat der heute 48-Jährige nie gearbeitet. In Rapperswil gründete er ein Büro für Grafikdesign, Stadtentwicklung und Kunstvermittlung. In Zürich und La Chaux-de-Fonds beschäftigte er sich mit kultureller und gewerblicher Umnutzung von leerstehenden Gebäuden. In Basel schliesslich stieg er beim Unternehmen Mitte - einem Kulturprojekt in einer ehemaligen Bankfiliale - als Troubleshooter ein und übernahm später die Geschäftsleitung. Doch schliesslich fand der Vater dreier bereits älterer Kinder, dass es an der Zeit sei, zu neuen Ufern aufzubrechen: Er besuchte eine Laufbahnberatung. «Heute mache ich eigentlich das Gleiche wie früher. Nur sind die Projekte jetzt viel grösser und langfristiger, und der Rahmen ist offizieller.» So betreut er die riesige Veranstaltungslocation Voltahalle im Basler St.-Johanns-Quartier. Im Kleinbasler Rheinhafen verwaltet Marty mehrere Gebäude mit Büros, Ateliers, Gastronomie und einem Veranstaltungslokal. Und schliesslich hat er die IG Rheinbogen gegründet, die die Boote auf dem Rhein als Wassertram in den Verkehrsverbund Nordwestschweiz integrieren will.
Den Bruch bewusst gesucht
Der Schritt zum Manager im grösseren Stil ging nicht ohne Opfer vor sich. «Heute bin ich doch ziemlich gefordert», sagt Anton Marty. Eigentlich hätte er so weitermachen können wie bisher, doch er habe bewusst einen Bruch gesucht. «Und zwar etwas, wo ich die Fähigkeiten, die ich mir in den letzten 20 Jahren angeeignet habe, im grossen Stil umsetzen kann.»
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Vernetztes Wissen wird geschätzt
Dass jedoch auch ein radikaler Wechsel funktionieren kann, zeigt das Beispiel des Zürcher Laufbahnberaters Ruedi Winkler. Winkler hat sein Erwerbsleben als Landwirt begonnen, dann mit 30 berufsbegleitend die Matur und ein Ökonomiestudium nachgeholt. Später arbeitete er bei einer Bank in der Volkswirtschaft und leitete schliesslich 17 Jahre lang das Zürcher Arbeitsamt. Und kurz vor dem Pensionsalter gründete er eine Laufbahnberatungsfirma. Winkler stört es, dass die meisten älteren Arbeitnehmenden ihr Alter als Defizit wahrnehmen. «Dabei könnten diese Leute viel besser Neues lernen, als sie glauben. Sie trauen es sich einfach nicht zu.»
Auch Expertin Regula Zellweger betont, dass zwar gewisse Kräfte mit dem Altern nachlassen, «aber andere steigen dafür an». Erfahrung und vernetztes Wissen würden heute wieder mehr geschätzt (siehe nachfolgende Box «Pluspunkte: Das wird mit zunehmendem Alter besser»). «Ich selber habe mein Studium erst nach 40 angepackt.»
Trotzdem ist es für ältere Arbeitnehmer tatsächlich schwieriger, eine neue Stelle zu finden als für einen 30-Jährigen. Doch das könnte sich bald ändern: Die geburtenstarken Jahrgänge, die zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Pillenknick ab Mitte der sechziger Jahre zur Welt kamen, sind mittlerweile über 40; es dauert keine zehn Jahre mehr, bis die Bevölkerungsmehrheit in Europa in diesem Alter ist.
Laut einer Firmenumfrage des Adecco-Instituts beginnen zahlreiche Unternehmen, sich auf eine ältere Belegschaft vorzubereiten. 54 Prozent der befragten Unternehmen betrachten die demographische Entwicklung als die grösste Herausforderung der Zukunft. Und immerhin 16 Prozent der Firmen wollen schon in diesem Jahr mehr über 50-Jährige einstellen als noch im Vorjahr.
Pluspunkte: Das wird mit zunehmendem Alter besser
Körperkraft, Hör- und Sehvermögen nehmen bei den meisten Menschen über 40 ab. Aber mit dem Alter erwirbt man auch ganz konkrete Vorteile und Fähigkeiten, die auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt sind:
- Die kognitive Leistungsfähigkeit wird besser.
- Mit den Erfahrungen steigt auch die Fähigkeit, vernetzt zu denken.
- Dank ihrer Lebens- und Berufserfahrung können ältere Angestellte unsichere Situationen meiden oder besser meistern.
- Sie verfügen über ein grosses Beziehungsnetz, was sie für den Arbeitnehmer wertvoll macht.
- Sie können die eigenen Stärken und Schwächen realistisch einschätzen.
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© Beobachter Ausgabe 21 vom 15. Okt 2008 - Alle Rechte vorbehalten




