Schule Zwangsspagat für Turnlehrer

Diplome nicht mehr anerkannt: Viele Turn- und Sportlehrer stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Sportlehrer dürfen in Zukunft nicht mehr nur Sport unterrichten – sie müssen auch andere Fächer draufhaben. Die Emotionen gehen hoch.

Fast 30 Jahre lang hat Katrin Bertschinger Sport an Volksschulen unterrichtet, bildete auch Sportlehrer aus. Vor kurzem liess sie sich vorzeitig pensionieren. «Das Zürcher Volksschulamt teilte mir mit, dass ich in meiner Gemeinde keine Stunde Sport mehr erteilen dürfe. Ich fühlte mich behandelt wie eine Betrügerin.»

Gravierende Folgen für Betroffene

Sportlehrerin Bertschinger hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Sie ist das Opfer einer Neuregelung der Anerkennung von Diplomen, die bereits seit 1999 in Kraft ist. Damals verfügte die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), dass Diplome in lediglich einem Fach, also etwa Sport, auf der Volksschulstufe nicht mehr anerkannt würden, sondern nur noch Generalistendiplome in mehreren Fächern. Der Kanton Zürich und weitere Kantone wollen nun diese 16 Jahre alte Weisung vollziehen – mit zum Teil gravierenden Folgen für die Betroffenen.

«Den Typ des Nur-Sportlehrers wird es auf Primarschulstufe nicht mehr geben.»

Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamts des Kantons Zürich

400 Sport- und andere Fachlehrer wurden vertraglich von der Gemeinde in den Kanton überführt. Für viele ­bedeutete das nicht nur eine Lohneinbusse, sondern auch eine ungewisse Zukunft. Sie kämpfen dafür, dass ihre Diplome, die sie zum Beispiel an der ETH Zürich erworben haben, anerkannt werden. Doch Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamts des Kantons Zürich, stellt klar: «Auf der Primarschulstufe wird es den Typ des Nur-Sportlehrers nicht mehr geben.»

Diese Verfügung sorgte bereits im Frühling für Aufregung unter den Zürcher Sportlehrern (der Beobachter berichtete). Die Verwirrung war gross, viele hatten Existenzängste, weil sie im Rahmen der «Kantonalisierung» der Fachlehrer die Kündigung erhalten hatten. Interventionen bei der zuständigen Regierungsrätin brachten nichts. Etliche ­befürchteten ein Berufsverbot für Fachlehrer, aber auch eine Qualitätseinbusse beim Sportunterricht.

Rechnen statt Rhythmik?

Was man damals für den Kanton Zürich kommen sah, könnte schweizweit eintreffen: Aus Turn- und Sportlehrern sollen Generalisten gemacht werden. Das stellt Andrea Zryd, SP-Grossrätin im Kanton Bern und Präsidentin des Verbands Diplomsportlehrer Magglingen, grundsätzlich infrage: «Wir möchten, dass langjährige Sportlehrer ihren Status behalten können. Sie sind ­bestens qualifiziert und machen auch regelmässig Weiterbildungen. Wenn Generalisten Sport unterrichten, leidet die Unterrichtsqualität.» Wendelspiess hält dagegen. Es treffe zwar zu, dass Sportlehrer auf ihrem Gebiet besser ausgebildet seien als Primar- und Sekundarlehrer, widerspreche aber dem Volksschulcharakter, wenn Experten einzelne Fächer unterrichteten. «Wollten wir das, müssten wir die Volksschule in ihrer heutigen Form völlig neu organisieren und konsequent auf ein Fachlehrersystem umstellen.»

Alle Monofachlehrer müssen also künftig eine Weiterbildung machen. Die Schulleitungen definieren, welche Defizite noch abzudecken sind. Das kann von wenig bis zu einer jahrelangen Zusatzausbildung gehen. «Es gehört zur Führungsaufgabe der Schulleiter», sagt René Meier, Bereichsleiter Sport Sek I von der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH), «die Anzahl Kreditpunkte festzulegen, die ­jemand erwerben muss, und diese der Schulbehörde zur Entscheidung vorzulegen.» Die Schulbehörde entscheidet auch, wer die Kosten übernimmt, die in die Tausenden gehen können. Sie haben da einen gros­sen Spielraum.

«Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass man so mit uns umspringen würde.»

Markus Fuchs, seit 23 Jahren Sportlehrer und Schulpfleger

Vor der Macht der Schulleiterinnen und Schulleiter haben viele Betroffene Angst. «Es besteht die Gefahr der Willkür», sagt Sportlehrer Pascal Merk aus Kloten. Sein Schulleiter habe immerhin Verständnis für seine Situation als Familienvater, der sein Pensum für die Weiterbildung nicht reduzieren kann.

Markus Fuchs aus Urdorf, seit 23 Jahren Sportlehrer und Schulpfleger, sieht wenig Positives im Verhalten des Zürcher Volksschulamts: «Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass man so mit uns umspringen würde.» Weil er rechtliche Schritte unternommen habe, sei er beinahe nicht eingestellt worden. Volksschulamt-Chef Wendelspiess dementiert und bezeichnet diese Bemerkung als «verleumderisch». Er gesteht allerdings ein: «Die Kommunikation war nicht optimal.»

Nicht alle Lehrer und Lehrerinnen, die an Volksschulen unterrichten, erteilen gern Turnunterricht. «Im Sport muss man die Übungen auch vorzeigen können. Dafür muss man fit bleiben und sich immer wieder gut vorbereiten. Das fällt Allroundern schwerer als Fachpersonen», sagt ­Andreas Krebs, Koordinator Lehr­diplom Sport an der ETH Zürich.

«Punkte abstottern statt etwas lernen»

Andrea Zryd bemängelt, dass die ­Zu­satzausbildung an den Pädagogischen Hochschulen für den Master häufig ein Leerlauf und praxisfremd sei. «Es geht nur darum, die Kreditpunkte abzustottern, statt dass man etwas lernen würde, das man noch nicht kennt.»

Der Kanton Zürich leistet bei der Abschaffung der Nur-Sportlehrer Schrittmacherdienste für andere Kantone. Doch Fachleute bezweifeln, dass das Ziel erreicht wird. Peter Moser vom Bundesamt für Sport meint: «Der Kanton Zürich geht einen Weg, der den Gemeinden noch Probleme bereiten wird. Ich anerkenne, dass die EDK eine vollwertige Ausbildung will. Man missachtet dabei aber die Schul­praxis.» Zudem würde der ausser­unterrichtliche Sport an Schulen ­leiden, meinen Fachleute, weil es vor ­allem die Sportlehrer gewesen seien, die solche Anlässe organisiert hätten.

Im Kanton Zürich bedeutet die Weiterbildungspflicht eine Einschränkung der beruflichen Bewegungsfreiheit. «Bis zum Erfüllen ihrer Auflagen sind betroffene Lehrpersonen an die be­stehende Gemeinde gebunden», lässt Martin Wendelspiess wissen. ­Gemeinden könnten deshalb ein Problem bekommen, weil Lücken im Sportunterricht auch nicht mehr über Vikariate gedeckt werden können. Zudem wurde bereits einigen Fachlehrern gekündigt, oder sie haben sich wie Katrin Bertschinger zurückgezogen. Wendelspiess sagt zwar, es gebe keinen Stopp für Vikariate, schränkt aber ein, dass es dafür ein EDK-anerkanntes Diplom brauche. Faktisch läuft das auf einen Stopp hinaus, weil die meisten Vikariate stets durch Nur-Sportlehrer abgedeckt wurden.

Der gute Wille ist eigentlich da

Was die EDK 1999 beschlossen hatte und einzelne Kantone mit 16 Jahren Verzögerung vollziehen, war gut gemeint: Sport sollte ein gleichwertiges Fach wie jedes andere sein, wurde ­damit aufgewertet und sollte eben auch von Generalisten unterrichtet werden. Doch so einfach sei das nicht, moniert Andrea Zryd: «Man kann nicht ein paar Stunden Schwimmen an der ­Pädagogischen Hochschule ­haben und meinen, man könne Schwimmunterricht geben.» Den Reformern wird zwar der gute Wille nicht abgesprochen, aber ETH-Lehrdiplom-Koordinator Andreas Krebs kritisiert: «Es wäre sinnvoll gewesen, die Bedürfnisse und Erfahrungen der Schulen, die ja vor Ort für die Qualitäts­sicherung zuständig sind, breiter aufzunehmen und zu berücksichtigen.»

Die Reform wird nicht mehr zu bremsen sein, denn auch etliche Westschweizer Kantone haben sie angepackt. Doch Experten und Betroffene hoffen, dass man die Warnungen der Praktiker ernst nimmt und die Reform mit Sportsgeist durchführt.

Autor:
  • Thomas Buomberger
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
24. Dezember 2015, Beobachter 26/2015

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