Sprachaufenthalt
Eine völlig neue Welt im Kopf
Im Ausland eine Fremdsprache lernen: Das verheisst schnelle Fortschritte und eröffnet neue Horizonte. Doch es kann teuer werden. Was muss man bei den Anbietern beachten?
Nebenartikel
«Nach Kanada!», sagte sich Esther Christen, kaum hatte sie die Matura erfolgreich bestanden. Die 25-Jährige wollte wissen, ob sie sich alleine durchschlagen könne. Und diese Erfahrung mit einem Sprachkurs zu verbinden schien ihr ideal: «In der Schule war mir der Englischunterricht zu theoretisch.» Beim zweimonatigen Aufenthalt in Toronto sollte also der Spass nicht zu kurz kommen.
Auch der Radiojournalist Franco Battel wollte sein Englisch verbessern – und zwar gezielt den mündlichen Ausdruck: «Ich konnte nach dem Studium englische Romane lesen und verstehen – mit dem Sprechen haperte es aber.» Deshalb besuchte er in London einen Monat lang eine Sprachschule. Danach reiste er durch Amerika, «so konnte ich das Gelernte gleich anwenden. Heute fühle ich mich auch mündlich sicher.»
Mit ihren konkreten Vorstellungen hatten Esther Christen und Franco Battel bereits im Voraus wichtige Fragen geklärt: das Lernziel, die Destination und – damit verbunden – auch den Erlebnishorizont ausserhalb des Klassenzimmers. Wer sich schon vor der Buchung Grundsätzliches überlegt, kann so das Risiko von Enttäuschungen minimieren.
Fragen können beispielsweise sein: Will ich ins Ausland, um Neues zu entdecken und zu erfahren? Will ich ein fremdes Land, eine andere Kultur und die Menschen dort kennen lernen? Oder geht es mir vorab um den Spracherwerb? Reicht mir ein allgemeiner Wortschatz, oder brauche ich fachspezifische Kenntnisse für meinen Beruf? Und auch: Wie viel Freizeit will ich, und wie möchte ich sie verbringen?
«Wer glaubt, die Sprache lasse sich ebenso gut in der Hängematte lernen wie im Schulzimmer, bucht besser Ferien», sagt Jürg Wehrli, Geschäftsführer von AECC, einer Vermittlungsagentur für Sprachkurse, Fachausbildungen und universitäre Studien im englischsprachigen Ausland. «Das ist billiger.»
Tatsächlich: Mit einem Sprachkurs im Ausland lässt sich eine Fremdsprache zwar effizient lernen – Disziplin und Einsatz vorausgesetzt. Aber günstig ist dieser Weg meistens nicht. Zwei durchschnittliche Beispiele: Ein einmonatiger Standardkurs in Málaga, Spanien, mit Halbpension bei einer Gastfamilie kostet rund 2500 Franken. Ein dreimonatiger Cambridge-First-Certificate-Vorbereitungskurs in London mit Halbpension, ebenfalls bei einer Gastfamilie: rund 9000 Franken.
Metropole oder Kleinstadt?
Die Wünsche sollten also auch dem Budget angepasst werden: Vielleicht würde man ja die Metropole der Kleinstadt vorziehen. Doch in der Grossstadt sind meist nicht nur die Kursangebote teurer als in ländlichen Regionen, sondern auch die Kosten in Restaurants und Bars, die Unterhaltung, die Verkehrsmittel. Wer sich mit seinem Budget nicht übernehmen will, berücksichtigt diese Faktoren darum schon bei der Planung.
Welche Unterkunft?
Wichtig ist auch, sich im Voraus im Klaren darüber zu sein, wie man wohnen möchte. Die meisten Sprachreisenden entscheiden sich für eine private Unterkunft – wie Esther Christen, die heute noch von ihrer Gastfamilie schwärmt: «Es war toll bei ihnen. Ich war völlig unabhängig, man traf sich einfach zum gemeinsamen Nachtessen – und auch das genoss ich sehr.» Die Unterkunft bei Gastfamilien ist günstiger als in Hotels und hat den Vorteil, dass man unwillkürlich mit den Leuten in Kontakt ist, also gar nicht darum herumkommt, die Fremdsprache anzuwenden.
Die Kehrseite: Wenn es auf der Beziehungsebene nicht klappt oder versprochene Leistungen fehlen (eigenes Zimmer, Verpflegung), kann der Aufenthalt sehr belastend werden. «Warten Sie in einem solchen Fall nicht lange, sondern melden Sie Ihr Problem möglichst rasch der Schule», rät Kurt Krummenacher von Boa Lingua. Natürlich kann man auch die Agentur zu Hause informieren. Doch da meist die Schulen vor Ort die Unterkünfte organisieren, sind sie zuständig für Mängelrügen.
Wie findet man das richtige Angebot?
Selbst wenn mit Ort, Unterkunft und Leistungsziel die wichtigsten Fragen geklärt sind, sieht man sich noch mit einem riesigen und unübersichtlichen Angebot konfrontiert. Nebst Schulen, die selbständig für ihr Angebot werben, treten Veranstalter oder Agenturen auf, die ein vielfältiges Programm an Sprachschulen und -kursen vermitteln, teils verbunden mit Reisen und Freizeitprogrammen.
Wie erkennt man seriöse Anbieter? Sehr hilfreich sind möglichst aktuelle Referenzen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis – sei es direkt für eine Sprachschule oder für eine Vermittlungsagentur, wohin sich die meisten wenden, die einen Sprachaufenthalt planen.
Wie man die Anbieter testen kann
Einen Tipp für diejenigen, die nicht auf Referenzen zurückgreifen können, verrät Kurt Krummenacher von Boa Lingua: «Eine gute Agentur kennt ihre Partnerschulen aus eigener Anschauung, sie besucht sie regelmässig», sagt er. Interessierte Sprachreisende können dieses Know-how überprüfen, indem sie gezielte Fragen stellen – zum Beispiel nach der Infrastruktur und Grösse des Instituts, nach den Unterschieden, falls zwei oder mehr Schulen an einem Ort zur Auswahl stehen, nach dem dortigen Freizeitangebot. Eine gut informierte Beratungsperson kann lebendig erzählen und muss nicht aus dem Prospekt zitieren.
Eine seriöse Agentur bleibt auch auf dem Laufenden darüber, ob die von ihr vermittelten Schulen weiterhin empfehlenswert sind – indem sie die Sprachreisenden über ihre Erfahrungen befragt. «Wir kontaktieren unsere Kunden während ihres Aufenthalts und werten diese Feedbacks systematisch aus», sagt Rolf Frischknecht, der seit über 20 Jahren Sprachausbildungen im Ausland vermittelt. Wer will, kann diese Referenzen einsehen und auch direkt mit den Leuten Kontakt aufnehmen.
Wichtiges Detail: Vermittelt die betreffende Agentur mit der Schule auch gleich die Reise, ist sie laut Pauschalreisegesetz zur Kundengeldabsicherung verpflichtet. Erkundigen Sie sich, wie die Agentur diese Sicherungspflicht erfüllt.
Oft werden die gleichen Sprachschulen von mehreren Vermittlungsfirmen angeboten, was einen direkten Preisvergleich zulässt – jedoch nur dann, wenn die Firma die Schulen auch namentlich nennt. Ein kundenfreundlicher Vermittler gewährleistet diesbezüglich also Transparenz.
Den Preis sollte man genau anschauen
Offenheit ist auch beim Preis gefragt: Wie detailliert informiert die Sprachschulvermittlung über ihre Preiskalkulation? Wie hoch sind die Taxen für Buchung und Administration? Insbesondere wenn fürs ganze Dienstleistungspaket – Reise, Schule, Unterkunft – ein Pauschalpreis genannt wird, sollte man eine Aufstellung verlangen, um mit andern Angeboten vergleichen zu können. Wichtig zu wissen: In der Regel beraten die Vermittlungsagenturen gratis. Ihren Verdienst beziehen sie aus den Provisionen, die ihnen die Schulen für die vermittelten Personen zahlen.
«Es lohnt sich, Preisangaben zu prüfen», sagt Jürg Wehrli von AECC: «Es gibt Anbieter, die das Anderthalbfache des Schulgeldes verrechnen.» Optimal ist deshalb, wenn die Agentur den Originalpreis der Auslandsschule nennt. Dann stellt sich nur noch die Frage, zu welchem Kurs sie umrechnet. Bei Preisangaben in Schweizer Franken fragt man am besten nach.
Wer vergleicht und abwägt, braucht das gegenüber den Anbietern nicht zu verbergen, im Gegenteil: «Sagen Sie ganz offen, dass Sie mit verschiedenen Agenturen im Gespräch sind und sich informieren wollen», rät Kurt Krummenacher. «Nur so lässt sich herausfinden, welche Vermittlungsagentur Ihr Vertrauen verdient.»
Esther Christen ist rückblickend auch mit ihrer Agentur sehr zufrieden: «Die Klassen in der vermittelten Schule waren sehr klein, so kam ich schnell voran, besonders mündlich.» Und sie brachte auch noch ein anderes «schönes Souvenir» aus Toronto nach Hause: «Am Ende des Kurses nahmen wir ein Hörspiel auf», erzählt sie. «Das höre ich mir ab und zu wieder an.»
Weitere Infos
- Checkliste für den Schulvergleich: www.beobachter.ch/Helponline
- Das Bundesamt für Migration (BFM) führt eine Liste von Schweizer Anbietern für «Sprachaufenthalte im Ausland»; gratis zu beziehen beim BFM, Sektion Auswanderung, Quellenweg 6, 3003 Bern, www.swissemigration.ch
- Verschiedene Vermittler halten nützliche Unterlagen bereit. Beispiele: «Ratgeber für Sprachaufenthalte» von Pro Linguis, zu bestellen unter Telefon 044 924 11 11, oder das Internetportal www.sprachaufenthalte.com
Anzeige:
© Beobachter Ausgabe 14 vom 07. Jul 2005 - Alle Rechte vorbehalten









Gut versichert
Wer welche Versicherungen braucht – und welche nicht