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Berufseinstieg

Schnoddrigkeit liegt nicht drin

Text:
  • Markus Föhn
Bild:
  • Jupiterimages
Ausgabe:
14/08

Lehrlinge müssen nicht nur einen ordentlichen Job machen und in der Berufsschule gute Noten erzielen. Der Weg ins Arbeitsleben ist mit einer Menge neuer Herausforderungen gepflastert.

Das 16. Lebensjahr ist kein einfaches. Guido Ehrler weiss das, er hat seit fast 20 Jahren mit Leuten in diesem Alter zu tun. «Da läuft einiges», sagt der Ausbildungsleiter der Frey + Cie. Elektro in Luzern. «Die Jugendlichen suchen ihren Platz in der Welt, haben vielleicht Reibereien mit den Eltern - und plötzlich läuft ihnen noch die Freundin oder der Freund davon. Eine anstrengende Zeit.»

Und um alles noch ein wenig schwieriger zu machen, beginnt jährlich für über 70'000 Schweizer 16-Jährige die Berufslehre. Nach neun Jahren Schulbankdrücken nach Stundenplan geht es auf einmal nicht mehr bloss darum, gute Prüfungen zu schreiben - es geht darum, Aufträge zu erfüllen, die ein Vorgesetzter definiert, und zwar schnell und sauber. Und auch wenn Guido Ehrler weiss, dass 16-Jährige eine anstrengende Zeit durchleben: Schonen kann er sie nicht. «Die Lehrlinge, die wir zu Elektroinstallateuren ausbilden, arbeiten bei Privatkunden oder auf Baustellen», sagt er. «Sie müssen sich bewusst sein, dass sie eine Visitenkarte für unsere Firma sind. Ich verlange von ihnen deshalb nicht nur fachliches Können und gute Leistungen in der Berufsschule. Ich verlange Anstand, Pünktlichkeit und Genauigkeit.»

 

An diese neue Verantwortung müssen sich die Jugendlichen rasch gewöhnen. «Lehrlinge aller Branchen haben sehr früh Kontakt mit Kunden», sagt Ralf Margreiter, Ressortleiter Jugend beim Kaufmännischen Verband Schweiz (KV Schweiz). «Eine der fundamentalsten Veränderungen für die Jugendlichen besteht darin, dass sie nicht mehr nur sich selber repräsentieren. Sie sind Teil der Firma, für die sie arbeiten. Das ist das Erste, was sie lernen müssen.» Gute Umgangsformen sind deshalb wichtig - gegenüber Kunden wie Mitarbeitern. «Schnoddrigkeit liegt nicht drin», sagt Margreiter. Junge Menschen würden sich zwar anders ausdrücken als Erwachsene, und das sollen sie auch. Aber höflich müssten sie bleiben. Dazu gehört auch, dass Lehrlinge pünktlich zur Arbeit erscheinen. «Für viele mag es ein Detail sein, wenn sie jeden Morgen zwei oder drei Minuten zu spät aufkreuzen», sagt Ralf Margreiter, «aber das macht eine enorm schlechte Falle.»

Bild Guido Ehrler, Ausbildungsleiter der Frey + Cie. Elektro, Luzern   Bild Ralf Margreiter, Ressortleiter Jugend beim KV Schweiz
«Die Lehrlinge sind eine Visitenkarte für unsere Firma. Ich verlange Anstand, Pünktlichkeit und Genauigkeit.»
Guido Ehrler, Ausbildungsleiter der Frey + Cie. Elektro, Luzern
  «Wenn es Schwierigkeiten gibt, lässt sich in der Regel mit den ­Vorgesetzten über alles reden.»
Ralf Margreiter, Ressortleiter Jugend beim KV Schweiz
Bild Daniela Segmüller, Personalleiterin Carlton Restaurants & Bar, Zürich   Bild Martin Galbier, Ausbildungsleiter Malergeschäft Schlotterbeck, Ebikon
«Wir wollen junge Leute, die Interesse an der Arbeit zeigen, die mit Leidenschaft dabei sind.»
Daniela Segmüller, Personalleiterin Carlton Restaurants & Bar, Zürich
  «Lehrlinge brauchen Ausdauer, um einen Beruf in seinen ganzen Facetten lernen zu können.»
Martin Galbier, Ausbildungsleiter Malergeschäft Schlotterbeck, Ebikon


«Wir wollen keine Befehlsempfänger»

Anstand, Pünktlichkeit und Genauigkeit - und das ist noch lange nicht alles, was Lehrmeister von ihren Lehrtöchtern und Lehrlingen fordern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist Flexibilität. Das bekommen vor allem die jungen Berufsleute im Gastgewerbe zu spüren. «Das Küchenpersonal, das wir ausbilden, ist von der Schule her fixe Tagesabläufe gewohnt», sagt Daniela Segmüller, Leiterin Personal und Administration bei Carlton Restaurants & Bar in Zürich. «Bei uns erwarten die Lehrlinge aber auch Abend- und Wochenendeinsätze. Sie müssen ihr Privatleben entsprechend organisieren.»

Gar nicht gut kommen bei Lehrmeistern junge Menschen an, die nur das Minimum der verlangten Arbeit verrichten, ohne Feuer und Begeisterung. «Wir wollen keine blossen Befehlsempfänger», stellt Daniela Segmüller klar. «Wir wollen junge Leute, die Interesse an der Arbeit zeigen, die mit Leidenschaft dabei sind.» Das bekräftigt Martin Galbier, Ausbildungsleiter des Malergeschäfts Schlotterbeck im luzernischen Ebikon. Einen Auftrag zu erledigen und dann die Hände in den Schoss zu legen reiche nicht. «Ich verlange von meinen Lehrlingen, dass sie nach Erledigung einer Arbeit aktiv neue Aufgaben suchen. Dass sie präsent sind, neugierig. Ich will spüren, dass sie das Handwerk des Malers lernen wollen.»

 

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Das Handwerk lernen - und auch seine weniger schönen Seiten in Kauf nehmen. Maler müssen vor dem Streichen oft stundenlang Farbe abschleifen oder abkratzen. Das gehöre einfach dazu, so Galbier. «Lehrlinge brauchen Ausdauer und Durchhaltewillen, um einen Beruf in seinen ganzen Facetten lernen zu können.» Hätten sie das nicht, sagt der Malermeister, leide die Arbeitsleistung. Und die Stimmung im Team. Ein Stift müsse sich bewusst sein, dass er in einer Gruppe arbeitet. «Er muss akzeptieren, dass er sich einem Vorgesetzten unterordnen muss und dass er die Arbeit aller gefährden kann, wenn er seinen Job nur halbbatzig macht.»

Die meisten setzen sich rasch durch

Der Team-Aspekt ist eine der grössten Herausforderungen für Lehrlinge. Mit dem Beginn der Berufslehre arbeiten Jugendliche nicht mehr nur für sich - oftmals zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie müssen Rücksicht nehmen auf eine womöglich komplexe Hierarchie. Hinzu kommt: Im Team gibt es nicht mehr nur Gleichaltrige wie in der Schule. Da gilt es, mit anderen Generationen und ihren Werthaltungen umzugehen. Ralf Margreiter vom KV Schweiz: «Lehrlinge müssen schnell lernen, sich in eine Gruppe einzufügen. Sie können nicht mehr einfach nur ihr Ding durchziehen. Sie sollten vom ersten Tag an versuchen zu verstehen, wie ihr Lehrbetrieb organisiert ist.»

Der Schritt von der Schulbank ins Berufsleben ist anspruchsvoll. Doch das ist kein Grund, dem ersten Tag der Berufslehre angstvoll entgegenzublicken. «Lehrlinge wachsen schnell in ihre Rolle hinein», weiss Margreiter aus Erfahrung. «Und wenn es Schwierigkeiten gibt, lässt sich mit den Vorgesetzten in der Regel über alles reden.» Dieser Ansicht ist auch Guido Ehrler, Ausbildungschef bei der Luzerner Frey Elektro. Es bringe überhaupt nichts, bei Problemen die Faust im Sack zu machen. «Lehrlingsausbildner schätzen es, wenn Jugendliche auf sachliche Weise das Gespräch suchen. Das beweist, dass sie mitdenken.» Die meisten Lehrlinge kriegen die Kurve. Am ersten Tag redeten viele kaum ein Wort, so scheu seien sie, sagt Ehrler. «Doch schon nach einigen Wochen merkt man, wie sie sich einleben und wie sie aufblühen. Und spätestens nach dem ersten Lehrjahr sind die meisten voll integriert.»

Knigge: Benimmregeln für die Arbeitswelt


  • Sei höflich zu Kunden, Mitarbeitern und Vorgesetzten. Schnoddrige, vorlaute Lehrlinge kommen schlecht an. Aber: Bring Ideen ein - viele Betriebe verstehen Junge als Chance für frischen Wind.
  • Erscheine pünktlich zur Arbeit. Unpünktlichkeit fällt negativ auf.
  • Kleide dich so, wie es dein Job und der Umgang mit Kunden erfordert.
  • Chefs schätzen Schludrigkeit nicht. Zuverlässige Lehrlinge dagegen werden geschätzt und erhalten mehr Freiraum und Selbständigkeit.
  • Frag nach, wenn dir etwas nicht klar ist. Du bist in der Ausbildung, es ist also normal, dass du einiges noch nicht weisst. Aber: Notier dir die Informationen, die du erhältst. Denn wenn du immer wieder dieselben Fragen stellst, glaubt dein Chef, du nähmest deine Arbeit nicht ernst genug.
  • Mach dich vertraut mit den Reglementen deines Lehrbetriebs. Darfst du während der Arbeitszeit private Telefongespräche führen? Wie ist der Gebrauch des Internets geregelt? Sind Handys am Arbeitsplatz überhaupt erlaubt?
  • Hab Geduld - auch bei Arbeiten, die dir weniger Spass machen. Du musst anfangs vieles lernen - aber mit der Zeit bekommst du interessantere Aufträge.
  • Such das Gespräch mit dem Lehrlingsverantwortlichen, wenn dir etwas Probleme bereitet. Bereite dich gut auf das Gespräch vor und trage deine Anliegen ruhig und höflich vor.
  • Nimm dir etwas Zeit, um einen seriösen Wochenplan aufzustellen. Definiere darin die Zeiten, in denen du nach Feierabend für die Berufsschule lernen musst und wann du deinen Freizeitbeschäftigungen nachgehst und deine Freunde triffst - denn trotz der Lehre muss stets auch Zeit für dein Privatleben bleiben.

© Beobachter Ausgabe 14 vom 09. Jul 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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