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Lehrabbruch
Ein Schritt ins Leere
Jeder fünfte Lehrling schmeisst seine Ausbildung hin. Und hat danach oft die grösste Mühe, doch noch in der Arbeitswelt Fuss zu fassen.
Lehrabbrüche sind doppelt so häufig als bisher angenommen: Ein Fünftel aller Lehrlinge gibt die Ausbildung auf, so das Resultat der Berner Studie «Lehrvertragsauflösungen», die erstmals genaue Zahlen liefert. 1730 Lernende und Berufsbildner wurden zu den Gründen für den Abbruch befragt. Die meistgenannte Ursache sind schlechte Leistungen in Schule und Betrieb. Einiges läuft auch bei der Berufswahl schief: 40 Prozent der Berufsbildner sagen, dass viele der Jugendlichen das Interesse am Beruf verloren hatten.
«Zugenommen hat vor allem die Überforderung der Jugendlichen», erklärt Peter Sutter, Ausbildungsberater bei der Lehraufsicht im Kanton Bern. Am häufigsten sind Lehrabbrüche in Berufen mit tiefem Anforderungsprofil: 42 Prozent der Serviceangestellten und 30 Prozent der Lernenden in den Berufen Coiffeur, Maurer, Verkäufer und Bäcker steigen aus der Lehre aus, hingegen nur zwölf Prozent im KV-Bereich oder sieben Prozent im Konstruktionsbereich. Peter Sutter betreut 2500 Lernende im Dienstleistungssektor, vor allem im Gast- und im Coiffeurgewerbe. «In diesen Berufen spielen die starken Belastungen durch lange und unregelmässige Arbeitszeiten und das Arbeitsumfeld eine Rolle», erklärt der Ausbildungsberater.
«Vielen Schulabgängern fehlt eine realistische Berufsfindung, bei der auch Schwierigkeiten thematisiert werden», sagt Urs Solèr von der Zürcher Beratungsstelle Kabel. Beim ersten Gespräch höre er von Betroffenen oft, sie hätten halt einfach die erstbeste Lehrstelle angenommen. Kabel ist seit zehn Jahren Anlaufstelle für Jugendliche mit Problemen in der Lehre. Bei 700 Beratungen geht es um Lehrabbruch und die Zeit danach. «Die Schwierigkeiten häufen sich, weil die Anforderungen in allen Berufen gewaltig gestiegen sind», bemerkt Solèr. Wenn die Lernenden auf den wachsenden Druck mit Fehlern und Motivationsverlust reagieren, wird ihnen meist mit Sanktionen gedroht.
Intensive Betreuung ist notwendig
Je mehr Gründe zur Lehrvertragsauflösung geführt haben, desto schwieriger gestaltet sich die Suche nach einer Anschlusslösung. «Meist müssen wir zuerst verschiedene Problemfelder klären, auch im persönlichen Umfeld», so Berater Urs Solèr. Er setzt zusammen mit den Jugendlichen realistische Ziele fest und begleitet sie Schritt für Schritt - nicht selten ein ganzes Jahr lang. Im Jahr 2005 lautete das Ergebnis: 95 von 120 Betreuten schafften den beruflichen Wiedereinstieg. «Und dies meistens ohne spezielle Motivationssemester, wo die Aufnahmechancen eher gering sind.»
Die Berner Befragung zeigt zwar, dass rund 40 Prozent der Lehrabbrecher sofort in einem anderen Betrieb oder auf einem anderen Ausbildungsniveau die Lehre fortsetzen konnten. Doch ebenso viele hatten 19 Monate nach dem Lehrabbruch weder eine Lehrstelle noch eine Ausbildungsmöglichkeit mit Abschluss gefunden. Fast die Hälfte von ihnen war arbeitslos.
Bestätigt wird diese schwierige Situation beim Schaffhauser Arbeiterhilfswerk-Projekt Bildung, Orientierung, Arbeit (boa), mit dem das regionale Arbeitsvermittlungszentrum jugendliche Erwerbslose zu integrieren versucht. 2005 waren 26 Jugendliche mit Lehrabbruch dabei. Nach dem halbjährigen Programm fanden zwei eine Lehrstelle, drei traten in ein anderes Programm ein, einer in ein Praktikum. Von den übrigen nahmen zehn eine Stelle an - und sechs waren wieder erwerbslos.
Die steigende Zahl von Jugendlichen, die nur einen Schulabschluss haben, alarmiert. An der Lehrstellenkonferenz im vergangenen November kündigte Bundesrätin Doris Leuthard an, dass Jugendliche, die im heutigen Lehrstellenmarkt schlechte Karten haben, einzeln unterstützt werden sollen. Die Begleitung sei dann erfolgreich, wenn sie die Ausbildung beenden, betonte die Bundesrätin.
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Loben wirkt Wunder
Um dieses Ziel zu erreichen, sind auch die Betriebe gefordert. Bei jedem dritten Lehrabbruch steigt der Lernende nämlich auf eigenen Wunsch aus dem Vertrag aus. Häufigste Gründe dafür sind gemäss der Berner Studie Konflikte mit dem Berufsbildner und dessen mangelnde Sachkompetenz, unangenehme Arbeiten sowie fehlende Mitbestimmung. Besonders bedenkenswert: Lehrabbrecher erhielten nur halb so oft Feedback oder Lob wie Jugendliche, die noch in der Ausbildung sind.
Für die freiberufliche Beraterin und Buchautorin Betty Zucker sind Lehrabbrüche ein gesellschaftliches Phänomen. Sie untersuchte im Auftrag des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie die Rolle aller Beteiligten. «Jugendliche nehmen eine Lehrstelle mal an, lassen sich aber eine zweite Wahl offen», lautet ein Ergebnis. Hinter vielen Lehrabbrüchen stehe heute auch die Anspruchshaltung, beruflich rasch etwas erreichen zu wollen. Und bei einem Drittel der Lehrbetriebe sei die Ausbildung problematisch, zitiert sie einen Berufsberater. Doch bis einem Betrieb die Ausbildungsbewilligung entzogen wird, braucht es mehrfache Verstösse gegen gesetzliche Regeln. Im Kanton Bern betrifft das jährlich höchstens eine Hand voll Firmen, wie Peter Sutter sagt. Die Lehraufsicht will nun die Betriebe mit einer Häufung von Lehrabbrüchen besuchen. Nach und nach sollen sich sämtliche Lehrbetriebe im Kanton mit einer Qualitätskarte verpflichten, festgelegte Ausbildungsstandards einzuhalten.
© Beobachter Ausgabe 2 vom 17. Jan 2007 - Alle Rechte vorbehalten



