Studium

Wenn Angst zur Prüfung wird

Text:
  • David Lier
Bild:
  • Jupiterimages Stock-Kollektion
Ausgabe:
22/07

Wer vor Prüfungen von der nackten Panik gepackt wird, leidet stärker, als das Umfeld vermutet. Betroffene sollten rasch eine Beratung oder einen Arzt aufsuchen.

Ein Blitzlichtgewitter tobt im Kopf. Ein Gedanke jagt den nächsten. Der Körper empfängt nur ein Signal: Panik! Das Herz beginnt zu rasen, die Haut wird schweissnass, Hitzewallungen durchwogen den Körper. Die Atmung flacht ab und wird gepresst.

Wer wie Anouk Zulauf an Prüfungsangst leidet, kennt diesen Zustand: «Schon eine Woche vor der Prüfung kann ich nicht schlafen. Im Bett ist es am schlimmsten, weil ich Zeit habe, über die Prüfung nachzudenken.» Manchmal habe sie das Gefühl, sie «drehe durch», weil ihr «innert einer Hundertstelsekunde eine Million Gedanken durch den Kopf rasen» und das schreckliche Gefühl überhandnehme, nicht zu wissen, wie sie aus diesem Zustand ausbrechen kann.

Die 26-jährige Ethnologiestudentin leidet besonders, wenn sie mündlich geprüft wird oder vor grossem Publikum referieren muss. Bei einem mündlichen Examen sei sie schon dreimal durchgefallen, weil sie derart nervös gewesen sei. Letztes Jahr fiel sie während eines Vortrags vor gefüllten Rängen in Ohnmacht.

Die Angstattacken belasteten ihr Studium zusehends: «Ich konnte meine Pflichtleistungen nicht erfüllen, weil ich mich vor Vorträgen drückte», gesteht sie nachdenklich und fügt an: «Schon beim Einlesen zur Vorbereitung des Referats konnte ich die Texte nicht mehr lesen, mich nicht konzentrieren.»

«Es ist ein Tabuthema»

Anouk Zulauf ist kein Einzelfall: «Der Druck an den Hochschulen wird grösser. Prüfungsangst ist ein häufiges und zunehmendes Problem», sagt Nina Bakman von der Psychologischen Beratungsstelle beider Universitäten Zürichs. Sie hält Betroffene dazu an, Prüfungsangst nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: «Der Leidensdruck ist sehr gross, Panikattacken ist man hilflos ausgeliefert. Das Problem ist ernst zu nehmen, da es schwierig ist, diese Ängste selber in den Griff zu kriegen.»

Darüber reden ist dennoch nicht einfach. Anouk Zulauf fühlt sich von Mitstudierenden selten verstanden: «Es ist ein Tabuthema. Ich werde nicht ernst genommen, wenn ich anderen davon erzähle.» Dass das Problem tabuisiert werde, kann sich Bakman gut vorstellen. In der heutigen Leistungsgesellschaft gestehe niemand gern ein, dass er Hilfe brauche. Doch diese Hemmung müsse überwunden werden: «Allen Betroffenen rate ich, sofort in eine Beratung oder zum Arzt zu gehen.»

In der Psychologischen Beratungsstelle können sich Betroffene telefonisch anmelden. In mehreren vertraulichen Gesprächen klären Fachleute die individuellen Ursachen der Prüfungsangst ab. Falls nötig, werden die Studierenden an Psychotherapeuten vermittelt.

Medikamente allein helfen nicht

Prüfungsangst lässt sich in der Regel gut behandeln. In leichten Fällen führen Aufklärung, Patientenratgeber und Selbsthilfegruppen bereits zum Therapieziel. Hilfe zur Selbsthilfe bieten die nationalen Anlaufstellen Angst- und Panikhilfe Schweiz (www.aphs.ch) oder die Schweizerische Gesellschaft für Angststörungen (www.swiss-anxiety.ch). Bei ausgeprägten Störungen empfiehlt sich eine Behandlung mittels therapeutischer Gespräche und Medikamenten. In der Langzeittherapie sind Antidepressiva die erste Wahl. Bei akuter Angst kommen vorübergehend sogenannte Benzodiazepine zum Einsatz. Diese wirken schnell angstlösend und beruhigend, beeinträchtigen aber die Aufmerksamkeit. Benzodiazepine sollten nur über kurze Zeit und unter Aufsicht eines Arztes eingenommen werden, da bei längerer Einnahme ein Abhängigkeitsrisiko besteht.

 

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Anouk Zulauf griff auf eigene Faust zu Medikamenten. Ein Bekannter mit Beziehungen zu einer Apotheke gab ihr Xanax, ein rezeptpflichtiges Benzodiazepin: «Das Medikament machte mich gleichgültiger gegenüber der Prüfung. Das hat mir geholfen.» Nina Bakman rät hier zur Vorsicht: «Medikamente können Hilfsmittel sein, um den enormen Leidensdruck zu lindern. Das eigentliche Problem ist damit aber nicht gelöst, ohne Gespräche geht es einfach nicht.»

Michael Rufer, leitender Arzt an der Psychiatrischen Poliklinik Zürich, warnt zusätzlich vor einer unbeaufsichtigten Einnahme: «Die Verwendung von Benzodiazepinen ist psychologisch ungünstig, da bei den Betroffenen der Eindruck entsteht, sie hätten die Prüfung nur mit Hilfe der Medikamente geschafft.» Dies sei schlecht für das Selbstvertrauen. Entsprechend würden die Medikamente dann auch bei der nächsten Prüfung eingenommen, was zu einer Abhängigkeit führen könne.

«Ich habe enormen Respekt vor Medikamenten», sagt Zulauf, nachdem sie dreimal innerhalb eines Jahres Benzodiazepine geschluckt hat. «Das kanns nicht sein», dachte sie und absolvierte nebst therapeutischen Gesprächen auch einen Rhetorikkurs. Dort exponierten sich die Teilnehmer vor Publikum. Der Auftritt jedes Einzelnen wurde per Videokamera aufgezeichnet und in der Gruppe besprochen. «Dadurch haben sich meine Selbstwahrnehmung und mein Selbstvertrauen stark verbessert», sagt Anouk Zulauf. Mittlerweile sei sie vor Referaten und mündlichen Prüfungen «auf dem Level von Normal-Nervösen», erzählt sie. Und lächelt dabei gewinnend.

Fünf Tipps zur Angst- und Panikbewältigung

 

  1. Denken Sie immer daran: Die Angstgefühle und die dabei auftretenden körperlichen Symptome sind zwar sehr unangenehm, aber weder schädlich noch in irgendeiner Weise gefährlich - nichts Schlimmes wird geschehen.

  2. Steigern Sie sich nicht selbst in noch grössere Ängste hinein, sondern konzentrieren Sie sich darauf, was um Sie herum und mit Ihrem Körper wirklich geschieht. Versuchen Sie, Gedanken wie «Was wird geschehen?» und «Wohin kann das führen?» möglichst zu vermeiden.

  3. Warten Sie ab. Geben Sie der Angst Zeit, vorüberzugehen. Beobachten Sie, wie die Angst von selbst wieder abnimmt. Laufen Sie nicht davon, sondern akzeptieren Sie die Angst.

  4. Halten Sie sich Ihre Fortschritte vor Augen. Denken Sie daran, wie zufrieden Sie sein werden, wenn Sie die Angst dieses Mal aushalten.

  5. Wenn Sie sich besser fühlen, schauen Sie sich um und planen ruhig und gelassen den nächsten Schritt.

 

Quelle: Wittchen, «Panik-Ratgeber», Karger, 1997


Buchtipp

Borwin Bandelow: «Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann»; Rowohlt, 2006, 384 Seiten, CHF 18.50

© Beobachter Ausgabe 22 vom 24. Okt 2007 - Alle Rechte vorbehalten

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