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Einschulung

Was muss ein Kind für die Schule können?

Text:
  • Gabriele Herfort
Bild:
  • Stephan Rappo
Ausgabe:
2/12

Der Trend geht hin zur immer früheren Einschulung von Kindern. Doch diese Entwicklung birgt auch Gefahren. Und: Früher eingeschulte Kinder gehen seltener aufs Gymnasium.

Ist das Kind selbständig genug unterwegs? Das ist eine der Fragen, die für die Schulreife entscheidend sind.

«Sollen wir oder sollen wir nicht?» Gabi Berüter-Stillhard und ihr Mann überlegten lange, ob sie ein Gesuch auf vorzeitige Einschulung ihres Sohnes stellen sollen. «Finn ist unser erstes Kind, und wir hatten keine Vergleichsmöglichkeiten. Versäumen wollten wir auch nichts», so Mama Berüter-Stillhard. Weil Finn nur kurz nach dem Stichtag geboren worden war und seine Gspäändli alle regulär in 
die Schule kamen, entschlossen sie sich schliesslich für ein Gesuch.

Die Möglichkeit einer vorzeitigen Einschulung bieten heute alle kantonalen Schulgesetze. Neben dem Alter ist der Entwicklungsstand des Kindes entscheidend. Dieser wird je nach Kanton und Schule ­allerdings auf unterschiedliche Weise überprüft. Der Kanton Bern beispielsweise verlangt neben dem Gesuch der Eltern auch einen begründeten Antrag der zuständigen Erziehungsberatungsstelle. Dieser wird von der Schulleitung in aller Regel bewilligt. Über das Verfahren in ihrem Kanton erkundigen sich interessierte Eltern am besten bei der zuständigen Schule. Da immer auch Fristen einzuhalten sind, sollten sie sich frühzeitig darum bemühen. Über das Gesuch entscheidet die Schulbehörde. Bei Ablehnung ist eine Beschwerde möglich. In der Praxis ist es so, dass je nach Kanton rund fünf bis zehn Prozent der Kinder früher als vorgesehen ins Schulsystem eintreten.

Viele Eltern glauben, eine frühe Einschulung führe zu einem besseren Schulabschluss und damit zu besseren Chancen im Berufsleben. Studien zeigen jedoch, dass der Vorsprung später wieder abflacht, ausser bei Hochbegabten. Der deutsche Frühlesetest Iglu kommt sogar zum Ergebnis, dass ältere Schüler deutlich besser abschneiden.

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Die Klassenjüngsten sind oft hyperaktiv

Diese Testergebnisse führen dazu, dass in Deutschland der Trend zur frühen Einschulung rückläufig ist und wieder vermehrt Gesuche auf Zurückstellung gestellt werden. Auch eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung spricht sich gegen eine frühe Einschulung aus, weil früher eingeschulte Kinder seltener aufs Gymnasium gehen. Die deutsche Bildungsökonomin Andrea Mühlenweg ortet bei früh eingeschulten Kindern noch andere Defizite: «Die Klassenjüngsten sind auffällig oft hyperaktiv, weniger ausdauernd und tun sich damit schwerer, sich auf Veränderungen einzustellen.»

Was hilft nun Eltern bei der Entscheidung? Sie sollten sich bei einem Antrag auf vorzeitige Einschulung ganz sicher sein. Gespräche mit Fachpersonen können bei der Beurteilung helfen. Falls man erheb­liche Zweifel hat, lässt man eine frühere Einschulung besser. Gabi Berüter-Stillhard und ihr Mann hätten bei Polly, ihrem dritten Kind, auch ein Gesuch auf vorzeitige Einschulung stellen können. Sie haben sich dagegen entschieden. Auch weil sie finden: «Wenn die Kinder älter sind, sind sie gefestigter und lernen leichter.»

Entscheidungshilfen für die Einschulung


Pro:

  • Die kognitiven, die sozial-emotionalen und die motorischen Fähigkeiten des ­Kindes sind entsprechend entwickelt und ausgeprägt (siehe «Das muss ein Kind in der Schule können»). Das heisst zum Beispiel, dass Mengen erfasst werden können, Präpositionen bekannt sind und benützt werden, Konflikte verbal gelöst werden können, das Kind über genügend Frus­trationstoleranz, Selbstbewusstsein und Geduld verfügt.

  • Das Kind äussert den Willen, in die Schule zu gehen. Das familiäre Umfeld ist anregend und die Unterstützung in der Familie vorhanden. Das Kind langweilt sich häufig in der Spielgruppe und im Kindergarten.

  • Alters- und geschlechtstypisches Spielen wie etwa mit Puppen, Autos oder in der ­Küche ist beim Kind nicht mehr gefragt. ­Alphabet, Rechenaufgaben oder Lerncomputer sind von grösstem Interesse.

  • Alle Spielkameraden kommen bereits 
in die Schule, und das Kind ist in diese Gruppe gut integriert.

  • Der Geburtstag liegt nur wenige Tage hinter dem Stichtag.


Kontra:

  • Das Kind ist kleiner als seine Altersgenossen und wirkt insgesamt sehr kindlich.

  • Ein Schulthek mit Lernmaterialien ist für das Kind eine zu grosse Last.

  • Es besteht eine Tendenz zu starken ­Allergien oder Infektionskrankheiten.

  • Nach Spielgruppen- respektive Kindergartenmorgen ist das Kind sehr müde und braucht einen Mittagsschlaf.

  • Auch wenn die kognitive Entwicklung weit fortgeschritten ist, ist das Kind emo­tional und sozial oft instabil. Es ist sehr ­sensibel, kann nicht ruhig sitzen, träumt oft und hat noch keine altersentsprechende Frustrationstoleranz.

  • Ein früher eingeschultes Kind wird immer unter den Jüngsten in der Klasse bleiben. Je nach Persönlichkeit könnte es verstärkten Hänseleien und Mobbing ausgesetzt sein und darunter leiden.

  • Beim Schulabschluss ist das Kind im ­Vergleich zu den Klassenkameraden 
immer noch sehr jung und kann bei der Lehrstellensuche Mühe haben.

  • Es ist nicht garantiert, dass das Kind zwingend früher in die Berufswelt eintritt.

Das muss ein Kind mitbringen

Je mehr Fragen mit Ja 
beantwortet werden 
können, desto eher ist 
ein Kind bereit für den ­Eintritt in die Schule.


Soziales Verhalten

  • Ist das Kind kontakt­freudig?
  • Kann es sich in einer Gruppe zugehörig fühlen?
  • Hilft es anderen Kindern?
  • Kann es seine Bedürfnisse angemessen zum 
Ausdruck bringen?
  • Kann es sich wehren, ­ohne handgreiflich 
zu werden?
  • Kann es sich in eine Gruppe einfügen?
  • Kann es warten?


Selbständigkeit

  • Kann sich das Kind allein an- und ausziehen?
  • Kann es seine Sachen 
in Ordnung halten?
  • Bewältigt es problemlos den Kindergartenweg?
  • Kann es Vorsätze ziel­gerichtet umsetzen?
  • Beschäftigt es sich mit ­unterschiedlichen Dingen?


Arbeitsverhalten

  • Kann sich das Kind 
längere Zeit auf eine ­Tätigkeit konzentrieren?
  • Kann es zuhören?
  • Kann es sich allein ­beschäftigen?


Sprache

  • Kann es Gehörtes mit ­eigenen Worten wiedergeben?
  • Spricht es gut und 
verständlich?
  • Versteht es Anweisungen und Verbote?


Körperliche Entwicklung

  • Kann das Kind hüpfen, springen, turnen?
  • Ist seine Gesundheit ­relativ stabil?
  • Ist es altersgemäss ­entwickelt?
  • Kann es schneiden, ­leimen, basteln?


Beobachten, Lernen, Denken

  • Kann das Kind Farben ­unterscheiden?
  • Erkennt es einfache ­Formen?
  • Kann es zählen?
  • Stellt es Fragen, um seine Umwelt zu verstehen?
  • Kann es seinen Namen schreiben?
  • Erkennt es einfache ­Zusammenhänge?
  • Kennt es elementare Raum- und Zeitbegriffe?


Einstellung zur Schule

  • Möchte das Kind von sich aus in die Schule?
  • Kann es mit Misserfolg und Kritik umgehen?

Stichtage zur Einschulung


Kantone, die sich dem Harmos-
Konkordat angeschlossen haben, ­werden ab dem Schuljahr 2014/15 
den Stichtag in sechs Schritten 
vorverlegen. Ab Schuljahr 2019/20 
ist der 31. Juli der neue Stichtag.

Die bisherige Regelung be­züglich Stichtag ist für Kantone, die Harmos nicht ratifiziert haben, nach wie vor mass­gebend. Sie ist im Schulkonkordat von 1970 festgehalten: «Eintritt in die erste Primarklasse mit erfülltem 6. Altersjahr». Stichtag ist der 30. Juni plus 
und minus vier Monate. Der offizielle Stichtag kann damit je nach Kanton zwischen dem 28. Februar und dem 
31. Oktober liegen.

© Beobachter Ausgabe 2 vom 18. Jan 2012 - Alle Rechte vorbehalten

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