Mobbing

Tyrannen auf dem Pausenplatz

Text:
  • Corinne Roll
Bild:
  • Jupiterimages Stock-Kollektion
Ausgabe:
13/03

Sechs Prozent der Jugendlichen werden von den Mitschülern systematisch schikaniert. Um Lösungen zu finden, müssen Lehrer, Schüler und Eltern zusammenarbeiten.

Mobbing: Tyrannen auf dem Pausenplatz

Samuels Jacke wird beim Klassenausflug im Bus herumgeworfen und bespuckt. In der Nacht schütten ihm Mitschüler Urin ins Bett. Und am nächsten Morgen, als der Neuntklässler zum Lehrer will, fängt ihn eine Gruppe ab und droht ihm mit Gewalt, falls er sie verraten sollte.

 

Wie Samuel geht es vielen Schülern: Sechs Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 15 Jahren gaben in einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO an, mindestens einmal pro Woche schikaniert, geplagt oder gemobbt zu werden. Der Zürcher Psychologe Christopher Szaday umschreibt Mobbing als eine Form von Gewalt, «bei der eine Person wiederholt und über längere Zeit unter den aggressiven Handlungen oder negativen Kommunikationsformen einer oder mehrerer Personen leidet und es nicht ändern kann».

 

Jedes Kind kann Opfer sein

Dazu gehören hinterhältige Anspielungen, Verleumdungen, Demütigungen, Drohungen, Quälereien, sexuelle Belästigungen – böswillige Handlungen also, die kein anderes Ziel haben, als eine Mitschülerin oder einen Mitschüler fertig zu machen. Psychologische Studien haben bis heute keine einheitliche Persönlichkeitsstruktur ermittelt – weder bei den Gemobbten noch bei den Mobbenden. Das heisst: Jeder kann Opfer sein. Und jeder Täter.

 

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Die möglichen Folgen für die Opfer entwickeln sich schleichend: Zunächst treten Konzentrations- und Gedächtnisstörungen auf. Bald schon kreist das Denken nur noch um die erlittenen Qualen. Das Selbstwertgefühl sinkt, Erschöpfung, Versagensängste und sogar Depressionen können sich breit machen – aber auch körperliche Symptome wie Bauchweh, Einnässen, Ekzeme und Essstörungen.

 

Christopher Szaday betreibt im Oberstufenschulhaus Moosmatt im zürcherischen Urdorf eine Fachstelle für schwierige Schulsituationen und hilft Klassen mit Mobbingproblemen. Seine Botschaften sind «einfach», wie er selber sagt: «Mobbing findet statt. Mobbing tut weh. Und – am wichtigsten für die Schulpraxis – Mobbing ist lösbar.» Sein Ansatz verzichtet auf Schuldzuweisungen. Bestrafungen, Versprechungen – und Diskussionen über die Vergangenheit sind tabu. Entwickelt wurde das Programm ursprünglich in England: Das Opfer stellt mit Hilfe eines Lehrers eine Unterstützungsgruppe zusammen. In dieser Gruppe sind auch der oder die Täter und so genannte «Mitläufer» mit dabei – nicht aber das Opfer. Nach Einzel- und Gruppengesprächen mit der Lehrperson erstellt die Gruppe in Eigenverantwortung einen Plan gegen das Mobbing. Die Lehrperson führt später Nachgespräche mit allen Beteiligten.

 

Szaday erzielt die besten Ergebnisse, «wenn Eltern der betroffenen Schüler sofort einen Lehrer über die Vorfälle informieren und verlangen, dass die Schule etwas unternimmt». Deshalb sein Rat an die Betroffenen: «Sprecht davon, bis es aufhört!» Auch Françoise D. Alsaker, Dozentin am Institut für Psychologie der Uni Bern, glaubt, dass man bei Mobbing nicht schweigen darf – auch wenn Reden zuweilen Mut braucht. In ihrem soeben erschienenen Buch «Quälgeister und ihre Opfer» fordert sie deshalb: «Unsere Gesellschaft braucht mutige Kinder, die morgen mutige Erwachsene sein werden; dazu müssen die Erwachsenen von heute den Mut aufbringen, den Kindern diesen Weg zu weisen und sie auf ihm zu begleiten.»

 

Weitere Infos

www.mobbing-info.ch

www.schueler-mobbing.de

Was Eltern tun sollten – und was nicht


Was Eltern von möglichen Mobbingopfern tun können

  • Achten Sie darauf, ob Ihr Kind sich aggressiv verhält, ängstlich ist oder Albträume hat, Verletzungen hat, seine Sachen verliert oder beschädigt nach Hause bringt, abwertend über sich spricht, nicht zur Schule gehen will, keine Freunde hat und nicht an Feste eingeladen wird oder sich oft krank fühlt.
  • Fragen Sie Ihr Kind, was los ist. Informieren Sie die Schule und verlangen Sie, dass gehandelt wird – auch wenn Ihr Kind das nicht will.


Was Eltern von möglichen Mobbingopfern nicht tun sollten

  • Sagen Sie Ihrem Kind nicht, es soll härter werden.
  • Nehmen Sie nicht selbst mit dem Täter oder seiner Familie Kontakt auf, sondern informieren Sie eine Lehrperson.


Was Eltern von Mobbenden und Mitläufern tun können

  • Bestrafen Sie Ihr Kind nicht und stellen Sie ihm keine Warum-Fragen.
  • Fragen Sie Ihr Kind, was es mit den aggressiven Handlungen erreichen will und wie es sich dabei fühlt.
  • Fragen Sie Ihr Kind, wie sich das Opfer fühlt und wie eine Wiedergutmachung aussehen könnte.
  • Verlangen Sie von Ihrem Kind keine Rechtfertigung seiner Handlungen oder seiner Untätigkeit.
  • Unternehmen Sie etwas zum Schutz des Opfers oder versuchen Sie zu erreichen, dass die Gewalt aufhört.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Kind über Zivilcourage: den Mut, das zu sagen und zu tun, was man für richtig und wichtig hält.

© Beobachter Ausgabe 13 vom 25. Jun 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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