Schule
Deutschsprachige leiden nicht
Die eigenen Kinder kämen in Klassen mit vielen Fremdsprachigen zu kurz, befürchten viele Schweizer Eltern. Zu Unrecht, wie nun eine Studie beweist.
Was ist dran an der weitverbreiteten Meinung, deutschsprachige Kinder würden in Klassen mit einem hohen Anteil fremdsprachiger Schülerinnen und Schülern weniger lernen? Und welches ist die ideale Klassengrösse? Zwei heftig diskutierte Fragen unter Pädagogen, Politikern und Schweizer Eltern. Hans Ulrich Stöckling, Bildungsdirektor des Kantons St. Gallen, wollte es genau wissen: Er beauftragte den Zürcher Bildungsforscher Urs Moser, den Zusammenhang zwischen Klassengrössen und Schülerleistungen zu untersuchen.
Dank dem sogenannten Stellwerktest, einer Standortbestimmung in verschiedenen Fächern, die 2006 und 2007 bei insgesamt 2'500 Real- und rund 6'000 Sekundarschülern der achten Klasse durchgeführt worden war, konnte der Kanton ideale Ausgangsdaten bereitstellen. «Daher ist die Studie in der Schweiz einzigartig, wenn nicht gar weltweit», sagt Stöckling.
Die Ergebnisse überraschen. Erstens: Der Anteil fremdsprachiger Schüler wirkt sich nicht negativ auf die Leistung deutschsprachiger Kinder aus. Das gilt sogar für Klassen mit einem Fremdsprachigenanteil von mehr als 40 Prozent. Die Leidtragenden in solchen Klassen sind die Fremdsprachigen selber. Zweitens: Die Grösse der Klasse wirkt sich erst ab 25 Schülern negativ aus, auch dann vor allem auf die Leistung fremdsprachiger Kinder. Im Fach Deutsch schneiden sie in Grossklassen bis zu dreimal schlechter ab als ihre deutschsprachigen Kollegen.
Beobachter: Herr Stöckling, die Angst vieler Schweizer Eltern, ihr Kind käme zu kurz in einer Klasse mit vielen fremdsprachigen Schülern, ist laut Ihrer Studie völlig unbegründet?
Hans Ulrich Stöckling: Ja. In den untersuchten Fächern Mathematik und Deutsch besteht kein Zusammenhang zwischen dem Leistungserfolg der Deutschsprachigen und dem Anteil Fremdsprachiger.
Beobachter: Die Eltern machen sich ganz umsonst Sorgen?
Stöckling: Was diesen Punkt betrifft schon. Aber ein hoher Anteil fremdsprachiger Kinder wirkt sich natürlich auch anders aus, zum Beispiel auf das soziale Klima. Klar ist: Mit dem steigenden Anteil an Kindern aus anderen Kulturen wird der Umgang untereinander schwieriger.
Beobachter: Weshalb wirkt sich ein hoher Anteil an Fremdsprachigen so negativ auf diese selbst aus?
Stöckling: Der Unterricht ist das eine. Schülerinnen und Schüler lernen aber auch ausserhalb des Klassenzimmers, und je mehr Fremdsprachige es hat, desto kleiner wird die Integrationswirkung, weil die gleichsprachigen Schüler oftmals unter sich bleiben. Das wirkt sich natürlich besonders negativ auf die Sprachkompetenz aus.
Beobachter: Warum können die deutschsprachigen Schüler relativ unbeeinflusst ihre Leistung bringen?
Stöckling: Eine Erklärung könnte sein, dass diese Kinder auch davon profitieren, ihren fremdsprachigen Kollegen beim Lernen zu helfen. Das kennt man von Klassen mit unterschiedlichen Niveaus.
Beobachter: Die zweite Erkenntnis aus der Studie widerspricht der Haltung «je kleiner die Klasse, desto besser». Wird es im Kanton St. Gallen künftig vermehrt grosse Klassen geben?
Stöckling: Nein. Für uns bestätigen die Zahlen die gesetzlich vorgegebene Bandbreite der Schülerzahl mit einer Obergrenze von 24 Kindern.
Beobachter: Welches sind Ihrer Meinung nach letztlich die wichtigsten Faktoren für den Erfolg der Schüler?
Stöckling: An erster Stelle steht da sicher die Qualifikation der Lehrperson. Hinzu kommt eine gute Durchmischung der Klasse. Dies hat die Studie deutlich gemacht.
Beobachter: Wie repräsentativ sind die Ergebnisse der Studie für die ganze Schweiz?
Stöckling: Die Feststellungen dürften trotz gewissen Unterschieden überall ihre Gültigkeit haben. Das hat die Reaktion in Fachkreisen gezeigt.
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© Beobachter Ausgabe 21 vom 10. Okt 2007 - Alle Rechte vorbehalten



