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Standpunkt

Mehr Sportsgeist, Pädagogen!

Text:
  • Gian Signorell
Bild:
  • Georg Wagenhuber
Ausgabe:
3/09

Die ETH veröffentlicht eine Rangliste der Gymnasien. Und schon steigen die Pädagogen in die Schützengräben. Wie immer, wenn sie benotet werden.

Sofort nach Publikation der Rangliste ging das Geheule los. Das Ranking sortiert Gymnasien nach dem Abschneiden ihrer Schülerin-nen und Schüler an der Basisprüfung der ETH Zürich. In fast einhelliger Ablehnung sprachen Bildungsexperten von einer «Katastrophe» oder monierten «methodische Mängel». Isabelle Chassot, CVP-Bildungsdirektorin des Kantons Freiburg und Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz, bezeichnete die Studie als «fragwürdig» und dekretierte: «Grundsätzlich sind Schulrankings weder sinnvoll noch politisch nötig.»

Dieses Reaktionsmuster ist bekannt. Wann immer die Arbeit von Pädagogen nach messbaren Kriterien beurteilt wird, kontern diese mit reflexhafter Ablehnung. Die Bewerter mögen nicht bewertet werden. Schon bei der Veröffentlichung der Pisa-Resultate vor sechs Jahren warnten Lehrer und andere Bildungsexperten vor «voreiligen Schlüssen» und wurden nicht müde, die «Gefährlichkeit solcher Ranglisten im Bildungswesen» zu betonen.

Seit Jahren befragt die Zürcher Bildungsdirektion Maturanden über die Zufriedenheit mit den Gymnasien. Das Resultat bleibt unter Verschluss. «Zu wenig aussagekräftig», sagt der Leiter der Bildungsplanung, Joseph Hildbrand. Ist es angebracht, eine mit Steuergeldern finanzierte Studie vor den Steuerzahlern geheim zu halten?

Seit 1998 führt die Schweizerische Universitätskonferenz (SUK) den Eignungstest für das Medizinstudium durch. Die SUK verfügt damit über eine ungleich grössere Datenmenge als jene, die der ETH zur Verfügung stand. Es wäre wohl ein Leichtes, die Ergebnisse der getesteten Maturanden nach besuchter Schule auszuwerten. Aber statt mehr Transparenz zu wagen, buchstabierten die Bildungsfunktionäre vor zwei Jahren sogar noch zurück: Die Veröffentlichung einer Rangliste nach Kantonen wurde gestoppt.

Tief scheint in Bildungskreisen ein Dünkel zu sitzen, ein hartnäckiger Vorbehalt gegenüber der Mündigkeit der Bevölkerung. Nur: Die Schweizerinnen und Schweizer sind nicht dumm. Die direkte Demokratie fordert und schult das Urteilsvermögen der Bürgerinnen und Bürger in hohem Masse. Am Wochenende beurteilen die Stimmenden die Folgen der Personenfreizügigkeit für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz. Mit der richtigen Interpretation einer Schulrangliste sollen sie überfordert sein?

Die Forderung nach Transparenz ist Teil einer seit Jahren andauernden gesellschaftlichen Entwicklung. Der Konsument will informiert sein – bis zur Herkunft der Hühnerkeule im Einkaufswagen. Die Aktionäre verlangen Aufschluss über die Bonuszahlungen an die Topmanager. Patientinnen und Patienten fordern Angaben zur Qualität der Behandlung in den Spitälern.

Die Schule darf sich dieser Entwicklung nicht verschliessen. Die Forderung nach Transparenz ist auch im Bildungsbereich legitim. Eltern haben ein Anrecht darauf, zu erfahren, wie gut die Schule ist, die ihre Kinder ausbildet. Bereits heute herrscht bei den Gymnasien Wahlfreiheit. Ein erster Anlauf für die freie Schulwahl ist im Kanton Baselland zwar gescheitert. Der Druck aus der Bevölkerung, die Schule frei wählen zu dürfen, wird aber nicht nachlassen. Wahlfreiheit jedoch bedingt Information. Schulrankings stellen eine willkommene Entscheidungshilfe dar.

Umgekehrt muss es auch die Schulen interessieren, wie gut sie ihre Schülerinnen und Schüler auf die Lehre oder die Hochschule vorbereiten. Der Vergleich mit der Konkurrenz kann wertvolle Hinweise liefern, wo die Qualität das gewünschte hohe Mass erreicht und wo noch nachgebessert werden muss.

Voraussetzung für einen konstruktiven Umgang mit den Schulvergleichen ist allerdings die handwerkliche Solidität und wissenschaftliche Belastbarkeit der Rankings. Hier hat die ETH der Sache wohl einen Bärendienst erwiesen. Wie wenige Tage nach Erscheinen der Studie der «Sonntag» publik machte, tauchte in der Rangliste auch der Name einer Schule auf, die es gar nicht gibt. Eiligst musste die Hochschule eine korrigierte Fassung nachreichen.

Der peinliche Fehler der ETH allerdings darf auf Pädagogenseite nicht als Vorwand genommen werden, in die Schützengräben zu steigen. Die Schweizer Schulen brauchen sich nicht zu verstecken. Die Studie der ETH hat nämlich vor allem eines gezeigt: Die durchschnittliche Ausbildungsqualität an den Gymnasien ist hoch. Die Bildungsinstitutionen können sich mit berechtigtem Selbstvertrauen dem zunehmenden Wettbewerb stellen.

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© Beobachter Ausgabe 3 vom 05. Feb 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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