Online-Bewerbung
Programmierte Enttäuschung
Stellenbewerbungen werden oft nur noch akzeptiert, wenn sie über ein Online-Formular eintreffen. Was für Firmen praktisch ist, finden viele Bewerber frustrierend.
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Thomas Schmid stand nie auf Kriegsfuss mit der modernen Technologie, im Gegenteil: Der Zürcher Elektroingenieur arbeitet schon 20 Jahre in der Informatik. Doch seit der 55-Jährige auf Stellensuche ist, ärgert er sich zunehmend – über die Online-Formulare, die bei immer mehr Firmen der Weg zur Stellenbewerbung sind.
Der Grund für seinen Ärger: Ende letzten Jahres stösst Schmid auf der Website von Siemens auf einen Job, der ihn interessiert. Er beginnt, das Bewerbungsformular auszufüllen. Kurz bevor er alle Angaben eingegeben hat, erscheint eine Meldung auf dem Bildschirm – und alle Daten sind weg. Schmid beginnt von vorn, es scheint zu klappen, er erhält ein Passwort. Doch dann muss er feststellen, dass es unmöglich ist, sich einzuloggen und das Formular abzuschicken. «Da arbeitet man stundenlang, und am Schluss ist alles für die Katz», sagt er. «Ich kam mir verschaukelt vor.»
Noch trüber war die Gefühlslage nach der Bewerbung bei Bombardier Transportation: Schmid schickte sein Online-Formular an einem Sonntag ab und erhielt bereits am Morgen darauf eine Absage, «nach sorgfältiger Prüfung», wie es hiess. Trotzdem schien Bombardier nicht mal zu wissen, ob Schmid ein Mann oder eine Frau ist; die Anrede lautete «Sehr geehrte/r Herr/Frau Schmid». Der Ingenieur ist empört: «Das sieht aus, als hätte nicht ein Mensch meine Bewerbung geprüft, sondern ein Computerprogramm, das mich wegen meines Alters gleich aussortiert hat. Es ist erniedrigend. Man ist auf Stellensuche und wird überhaupt nicht ernst genommen.»
«Zurück bleibt ein mulmiges Gefühl»
Frustrationen im Umgang mit Online-Bewerbungsformularen: Das kennen auch die regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). «Viele Stellensuchende sind verunsichert», weiss Cäcilia Civitella, Leiterin des RAV Zürich Zentralstrasse. «Sie füllen die Formulare aus, schicken sie weg – und zurück bleibt oft ein mulmiges Gefühl, weil nicht klar ist, wo die Bewerbung nun landet und wer sie zu Gesicht bekommt.» Umgehen lassen sich Online-Formulare jedoch kaum: «Vor allem Firmen in der IT-Branche erwarten, dass sich potentielle Mitarbeiter auf elektronischem Weg bewerben.»
Doch auch in anderen Branchen ist die klassische Bewerbungsmappe selten geworden. Gemäss einer Studie des Stellenvermittlers Monster vom vergangenen Sommer sind bei den Schweizer Personalverantwortlichen Anfang 2009 erstmals mehr Bewerbungen auf elektronischem Weg eingegangen als per Briefpost. Das trifft durchaus den Geschmack der Personalchefs: Laut der Studie wollen nur noch knapp 20 Prozent von ihnen eine «physische» Bewerbungsmappe. Fast die Hälfte zieht eine Bewerbung per E-Mail vor, rund 13 Prozent haben am liebsten eine Bewerbung per Online-Formular.
Die Firma Siemens, an deren Formular sich Thomas Schmid die Zähne ausgebissen hat, hat vor rund acht Jahren als eine der ersten in der Schweiz eine solche elektronische Bewerbungsvariante eingerichtet. «Unsere Personalverantwortlichen sind über die ganze Schweiz verteilt, da ist eine zentrale Plattform für Bewerbungen hilfreich», erklärt Marcel Eckstein, Verantwortlicher Human Resources Marketing. «Zudem ist die Auswertung der Bewerbungen per Online-Formular einfacher. Man findet die Angaben schneller, die einem wichtig sind.» Technische Schwierigkeiten beim Ausfüllen der normierten Formulare kann Eckstein nicht ausschliessen. Allerdings: «Komplikationen treten häufig dann auf, wenn Bewerber die kreative Arbeit erst während des Online-Verfahrens erledigen und zum Beispiel plötzlich noch den Lebenslauf umschreiben.»
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Und wo gehen die Daten hin, wenn man sein Formular abschickt? Und wie sicher ist, dass sie nicht in falsche Hände geraten? «Völlig sicher», sagt Marcel Eckstein. «Die Bewerbung geht direkt an die zuständige Person.» Er warnt vor übertriebener Angst vor Datenlecks: «Wer sich per Post bewirbt, weiss auch nicht, ob seine Bewerbung ankommt und auf welchem Pult sie landet. Er kann nicht einmal sicher sein, dass sie jemand anschaut.»
Kann man das denn bei Online-Bewerbungen? Was ist mit Thomas Schmids Verdacht, sein Formular bei Bombardier sei nicht von einem Menschen, sondern bloss von einem Computerprogramm geprüft worden?
«Jede Bewerbung wird bei uns von einem erfahrenen Personalfachmann geprüft», versichert Pierre Hervé-Bazin in Brüssel, zuständig für die Personalrekrutierung von Bombardier Transportation in Westeuropa. «Wenn er jedoch feststellt, dass ein Kandidat nicht den Anforderungen entspricht, löst er ein automatisiertes Antwortschreiben aus.» Diese Antwort, räumt Hervé-Bazin ein, komme vielleicht nicht allzu persönlich daher. «Doch gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten werden wir mit einer Fülle von Bewerbungen konfrontiert, die wir nicht alle mit einem persönlichen Schreiben beantworten können.»
Tipps für die Online-Bewerbung
- Füllen Sie das Bewerbungsformular erst aus, wenn Sie alle Unterlagen vorbereitet haben.
- Schreiben Sie Texte, die Sie in die Formularfelder füllen wollen, auf Ihrem PC vor und speichern Sie sie ab. So sind sie nicht verloren, falls technische Probleme auftreten.
- Vermeiden Sie einen saloppen «SMS-Stil»: Bei Online-Bewerbungen gelten dieselben Orthographie- und Stilregeln wie bei klassischen Bewerbungen.
- Scannen Sie Zeugnisse nicht mit zu hoher Auflösung ein – sie werden dadurch unnötig gross.
- Hängen Sie etwaige Unterlagen im PDF-Format ans Formular. Der Empfänger kann sie so unabhängig vom Betriebssystem seines Computers lesen.
- Achten Sie darauf, dass Sie Ihre E-Mail-Adresse richtig angeben. Die meisten Firmen melden sich per Mail.
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© Beobachter Ausgabe 3 vom 04. Feb 2010 - Alle Rechte vorbehalten








