Editorial

Wer schweigt, hat schon verloren

Text:
  • Balz Hosang
Ausgabe:
18/06

«Die Bekämpfung von Gewalt, Korruption oder Rassismus geht uns alle an.»

Der Schwyzer Polizei- und Militärdirektor Alois Christen steht offen zu seiner Feigheit: Als Rechtsextreme vor einem Jahr auf dem Rütli den Bundespräsidenten niederschrien, hat er die Faust im Sack gemacht und geschwiegen. Weil mit ihm 2’500 weitere Bürgerinnen und Bürger geschwiegen haben, konnte eine Minderheit von Rechtsextremen die ganze Bundesfeier torpedieren. Dafür hat sich der senkrechte Politiker im Nachhinein gründlich geschämt – in aller Öffentlichkeit. Das wiederum braucht Mut und beweist gleichzeitig: Zivilcourage ist keine bequeme Charaktereigenschaft.

In unserer Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema «Zivilcourage: Mut ist lernbar») gibt Dominique Strebel einfache Tipps, wie wir in unserem Alltag vielleicht nicht gleich zu Helden und Heldinnen werden, aber wenigstens unser Rückgrat etwas stärken können. Die Überlegung ist einfach: Die Bekämpfung von Gewalt, Korruption, Rassismus oder Mobbing geht uns alle an. Wir dürfen diese Aufgaben nicht delegieren.

Von der französischen Modeschöpferin Coco Chanel stammt die folgende Erkenntnis: «Die allermutigste Handlung ist immer noch, selbst zu denken.» Da ist viel Wahres dran. Doch es wäre schon viel gewonnen, wenn wir nicht nur über den Kopf, sondern aus dem Bauch heraus Stellung beziehen würden. Spontaner Mut im Alltag, engagiertes Eingreifen, Zivilcourage: Das sind Tugenden, in denen wir uns alle üben können.

Bereits zum neunten Mal unterbreitet Ihnen der Beobachter in diesem Heft eine Auswahl mutiger Menschen (siehe Link zum Artikel «Prix Courage 2006: Das sind die Nominierten»). Sie sind vorgeschlagen für die Ehrung mit dem Prix Courage. Die Beobachter-Leserinnen und -Leser verleihen ausserdem zusammen mit dem Publikum der TV-Sendung «Quer» den Publikumspreis. Wählen Sie mit! Das «Mut-Spektrum» ist beeindruckend: Zwischen ausdauerndem Engagement und spontanem Eingreifen ist alles vorhanden. Und unter den Vorgeschlagenen befinden sich erfreulich viel junge Mutige. Mit dem Prix Courage verbindet sich die Hoffnung, dass Zivilcourage nicht nur lernbar, sondern ansteckend ist.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 30. Aug 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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