Altersheim: Wer beizeiten kommt, hat bessere Aussichten
Für viele ältere Menschen ist der Umzug in ein Alters- oder Pflegeheim eine Horrorvorstellung. Mit Vorteil setzt man sich jedoch früh mit dem Thema auseinander – und nicht erst, wenn man keine Wahl mehr hat.

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Vor drei Jahren zog Margrit Färber erstmals ernsthaft in Erwägung, ins Altersheim zu ziehen. Damals war sie 75-jährig. Heute fühlt sie sich im Alterszentrum Platten im zürcherischen Meilen wie zu Hause. Mit dem Eintritt hat sich ein Gefühl der Erleichterung eingestellt.
Ein Wohnortswechsel kommt einer Entwurzelung gleich. Betagte verdrängen das Thema oft. Wer den Eintritt aber erst im Spitalbett plant, wenn eine Heimkehr unmöglich wird, hat wenig Wahlmöglichkeiten und muss die Organisation des Heimeintritts anderen überlassen. Wenn die Energie langsam schwindet, ist es deshalb sinnvoll, sich Gedanken zu machen: Wie sollen die letzten Lebensjahre im Hinblick auf die Wohnsituation aussehen?
Margrit Färber merkte vor knapp zehn Jahren, dass ihre Kräfte nachlassen. Das war der Beginn einer vertiefteren Auseinandersetzung mit dem Thema Altersheim. Für sie war immer klar, dass sie im Alter nicht zu einem ihrer Kinder ziehen würde trotz guten familiären Beziehungen. «Ich habe ein anderes, langsameres Tempo», sagt sie. Und überhaupt: «Die Jungen müssen allein sein können mit ihrer Familie.»
Hohes Mass an Flexibilität nötig
Wer früh plant, hat Vorteile. «Beim Altersheim kann der Eintritt bewusster gestaltet werden als bei einem Pflegeheim», sagt Susanne Cornu, Leiterin Pflegedienst im Alterszentrum Platten in Meilen. «Ins Pflegeheim kommen die Pensionäre meistens erst, wenn es zu Hause nicht mehr geht.» Der Impuls dazu komme häufig von überforderten Angehörigen, der Spitex oder von Hausärzten. «Diese Eintritte gehen dann oft relativ schnell vonstatten», weiss Susanne Cornu aus Erfahrung. «Die Betagten müssen mit den noch freien Zimmern vorlieb nehmen oder gar im Spital auf ein Pflegebett warten.»
Der Wechsel von einer eigenständigen Wohnsituation in eine komplexe Anlage erfordert gerade von Betagten ein hohes Mass an Offenheit und Flexibilität. Die neue Wohnwelt reduziert sich oft auf einen einzigen Raum, Alltagstätigkeiten wie Kochen, Putzen und Gärtnern fallen weg. Der betagte Mensch ist gezwungen, sich in eine fremde Gemeinschaft einzufügen.
Deshalb müssen die Angehörigen ihren Lieben Zeit lassen, um in der neuen Umgebung Fuss zu fassen. «Meine Söhne fürchteten den grossen Absturz bei meinem Umzug ins Heim und riefen am Anfang jeden Tag an», sagt Margrit Färber. Wider Erwarten gelang ihr aber der Wechsel ohne Komplikationen, und der Begriff «daheim» bekam nicht nur eine neue Adresse, sondern auch einen neuen Inhalt.
Schwellenängste überwinden
Eine gute Möglichkeit, sich mit einem Heimeintritt anzufreunden, sind Besuche bei Bekannten, die mit der neuen Wohnform bereits vertraut sind. In vielen Heimen finden kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Ausstellungen, Kurse und weitere gesellige Aktivitäten statt. Es werden zum Teil auch Probeaufenthalte angeboten. So kann man unbelastet Heimluft schnuppern. Am besten lässt man sich dabei von Angehörigen begleiten. Die neuen Eindrücke können so mit einer vertrauten Person ausgetauscht werden.
Vor der Anmeldung ins Heim sollten das Reglement, der Vertrag, die Tarif- und die Hausordnung gründlich studiert werden. Ebenfalls gilt es abzuklären, was bei zunehmender Pflegebedürftigkeit passiert, gerade wenn der eine Partner noch vital ist. Die meisten Heime sind heute kombiniert mit einer Pflegeabteilung. Bei grossem pflegerischem Aufwand muss daher mit einem Zimmerwechsel gerechnet werden.
Im Alterszentrum Platten etwa wird der mögliche Heimeintritt umfassend vorbereitet. Es gibt eine Besichtigung, verbunden mit einem Gespräch; dabei wird über die interne Philosophie und Kultur informiert. Wer sich für einen Platz in der Pflegeabteilung interessiert, wird zu Hause oder im Spital besucht. Die Formalitäten werden besprochen, Biografie, Wünsche, Gewohnheiten und Bedürfnisse der pflegebedürftigen Person erfasst und Informationen darüber abgegeben, was die Menschen im Heim erwartet. Susanne Cornu ist überzeugt: «Dieser Kontakt und der Vertrauensaufbau erleichtern den Übertritt und die Integration wesentlich.»
Die landläufige Meinung, ein Umzug in die «Endstation Heim» sei endgültig, ist falsch. Nach Einhaltung einer Kündigungsfrist kann das Heim wieder verlassen werden. Dies natürlich unter der Bedingung, dass der betagten Person eine echte Alternative zur Verfügung steht. Auch hier gilt: Wer frühzeitig plant, hat mehr Entscheidungsfreiheit, wenn es um einen Heimwechsel oder gar -austritt geht.
Vor einem Heimeintritt sind diverse Schwellenängste zu überwinden. «Viele Betagte haben Angst vor einer Bevormundung», sagt Susanne Cornu. Sie befürchten, «dass gemacht werden muss, was vorgeschrieben wird». Auch verwirrte Frauen und Männer lösen Unbehagen aus, gerade bei geistig regen Menschen. Es kommt oft zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Tod. Hinzu kommt der Abschied von den vielen Habseligkeiten.
«Die zwei Monate zwischen Anmeldung und Eintritt waren die schwierigste Zeit», sagt Margrit Färber. Sie vergleicht das Aussortieren ihrer lieb gewordenen Gegenstände mit dem Tod ihres Ehemanns. «Oft hatte ich das Gefühl, dass ich es nicht schaffen würde. Das Packen und das Weggeben brauchten viel Zeit und Kraft ich habe viel geweint.» Geholfen hat ihr damals die Unterstützung ihrer Kinder.
Das Leben in einem Alters- oder einem Pflegeheim hat seinen Preis ein wichtiger Punkt bei Vorabklärungen (siehe Kasten). Man sollte sich frühzeitig fragen, wie die Kosten zu bewältigen sind. Neben dem fixen Pensionspreis fallen vor allem die pflegerischen Tätigkeiten ins Gewicht. Sie variieren je nach Heim und Abrechnungssystem. Margrit Färber etwa hat errechnet, dass für sie die Unterstützung zu Hause eine Putzfrau und weitere Helfer auf die Dauer teurer gekommen wäre.
Im Hinblick auf einen Heimeintritt findet es Susanne Cornu wichtig, dass die betagte Person sich ganz individuell mit ihren Bedürfnissen auseinander setzt und entscheidet: Was kann und will ich noch selber machen? Was ist mir zu beschwerlich? Woran hänge ich? Erst dann lässt sich abwägen, was für oder gegen eine Anmeldung spricht. Dabei zählt nicht, wann diese Auseinandersetzung beginnt. Zentral ist, dass sie beginnt, wenn die Kraft dazu noch reicht. Zeichen wie zunehmende Schwäche müssen ernst genommen werden.
Ein Heim ist nicht wie ein Zuhause
Illusionen sollte man sich aber keine machen. «Die Institution Heim kann nie oder nur in seltenen Fällen ein Zuhause ersetzen», sagt Susanne Cornu. Vielmehr ist ein positiv erlebter Heimaufenthalt ein Zusammenspiel von engagiertem Personal und Pensionierten, die sich auf den neuen Lebensabschnitt gut vorbereitet haben. Nicht zu unterschätzende Faktoren sind dabei ein heimeliges Zimmer, eine schöne Aussicht und eine gute Küche.
Margrit Färber ist überzeugt, dass sie den richtigen Zeitpunkt für den Heimeintritt gewählt hat. «Man sollte gehen, solange man noch mag», findet sie. Nur so könne man den neuen Lebensabschnitt auch noch geniessen und neue Inhalte finden. Sie zum Beispiel mag wieder schreiben, Besuche machen, lesen, Kreuzworträtsel lösen und im Garten spazieren. Alles Aktivitäten, für die sie vorher keine Energie mehr hatte.
© Beobachter Ausgabe 17 vom 18. Aug 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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