Aspirin: Eine Schmerzpille erobert die Welt

Text:
  • Alan Niederer
  •  und Esther Haas
Ausgabe:
20/99

Vor genau 100 Jahren begann der Siegeszug des Aspirins. Als Medikament gegen Fieber und Entzündungen wurde die Schmerzpille weltberühmt. Jetzt erforschen Wissenschaftler, ob Aspirin auch das Risiko von Darmkrebs und Alzheimer mindert.

Legen Sie sich ins Bett, nehmen Sie zwei Aspirin und rufen Sie morgen wieder an.» Wer kennt diesen Satz nicht, mit dem oft Ärzte karikiert werden? Auf der ganzen Welt wird Aspirin in Redewendungen und Witzen benutzt – und jeder weiss sofort, was gemeint ist.


Und das schon seit genau 100 Jahren. Am 10. Oktober 1897 gelang es dem jungen Chemiker Felix Hoffmann erstmals, den Wirkstoff Acetylsalicylsäure zu synthetisieren; zwei Jahre später wurde Aspirin als Warenzeichen eingetragen.


Damit begann eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte. 1950 schaffte Aspirin als «populärstes Schmerzmittel der Welt» sogar den Eintrag ins «Guinness-Buch der Rekorde». Schriftsteller wie Thomas Mann, Franz Kafka, Henry Miller und Edgar Wallace verhalfen dem Allerweltsheilmittel zu literarischen Ehren. Und als im Jahr 1969 die ersten US-Astronauten in der Apollorakete zum Mond flogen, führten sie in der Bordapotheke Aspirin mit.


Heute wird Aspirin in riesigen Mengen geschluckt. Die Jahresproduktion der Herstellerfirma Bayer beläuft sich auf 35000 Tonnen – das entspricht etwa 100 Milliarden Standardtabletten. Im Durchschnitt konsumiert also jeder Erdenbewohner 16 Aspirintabletten jährlich.


Von diesem enormen Erfolg wollen natürlich auch andere Pharmafirmen profitieren. Deshalb gibt es heute Dutzende von Aspirin-Nachahmerprodukten, die ebenfalls Acetylsalicylsäure enthalten: Alcacyl, Aspegic, Aspro, Demoprin und Togal sind nur einige der bekannteren Namen. Doch obwohl diese Medikamente gleich gut wirken wie Aspirin und häufig sogar etwas billiger sind, verlangen die meisten Kundinnen und Kunden in der Apotheke oder der Drogerie nach wie vor das gute alte Aspirin.


Erfolgreich gegen Herzinfarkt

Aspirin wird in erster Linie gegen Schmerzen und fieberhafte Entzündungen eingenommen. Doch es kann mehr. 1971 gelang dem Wissenschaftler John Vane der Nachweis, dass Aspirin in den Blutplättchen die Produktion von körpereigenen Hormonen (Prostaglandinen) hemmt. Dadurch verhindert es die Bildung von Gerinnseln in den Blutgefässen. Seither wird Aspirin mit Erfolg zur Vorbeugung von Herz- und Hirninfarkten eingesetzt.


Ein Herzinfarktpatient etwa, der täglich 100 Milligramm Aspirin schluckt – also zirka einen Fünftel einer Standardtablette –, senkt sein Risiko für einen zweiten Infarkt um rund 30 Prozent. Ähnlich wirksam ist Aspirin zur Prophylaxe von Hirninfarkten. Nicht verwunderlich, dass Vane für seine Forschungsarbeiten 1982 den Nobelpreis für Medizin erhielt.


In den letzten Jahren häufen sich die Hinweise darauf, dass die regelmässige Einnahme von Aspirin auch das Risiko verringert, an Dickdarmkrebs zu erkranken. Und eventuell kann Acetylsalicylsäure auch zur Vorbeugung oder zur Behandlung von Diabetes mellitus, Migräne oder der Alzheimerkrankheit eingesetzt werden. Entsprechende Forschungen laufen derzeit auf Hochtouren.


Missbrauch kann gefährlich werden

Aspirin gilt als sicheres Medikament; dennoch kommen Nebenwirkungen relativ oft vor (siehe unten). Am häufigsten klagen Patientinnen und Patienten über Magenbrennen. Wird das Medikament abgesetzt, verschwinden die Beschwerden meist vollständig.


Eine weit ernsthaftere Komplikation ist die Magenblutung. Davon betroffen sind vorwiegend Patientinnen und Patienten, die Aspirin in hohen Dosen und über eine lange Zeit einnehmen. Die sofortige Behandlung in einem Spital ist in diesem Fall oft lebensrettend.


«Superaspirin» ohne Nebenwirkung

Kein Wunder, dass die Wissenschaftler seit langem nach nebenwirkungsfreien Substanzen suchen, die eine ähnliche Wirkung wie Aspirin und andere entzündungshemmende Medikamente haben. Seit diesem Jahr sind die ersten dieser neuen Medikamente, die auch «Superaspirine» genannt werden, in der Schweiz erhältlich. Allerdings sind die Medikamente Celebrex und Vicoxx nur auf Rezept erhältlich. Die so genannten «COX-2-Hemmer» blockieren gezielt ein Schlüsseleiweiss im Entzündungsprozess; die Magenschleimhaut lassen sie unbehelligt.


Verheissungsvoll tönt die Werbebotschaft: «So verträglich kann Wirkung sein.» Was die Hersteller verkündigen, ist allerdings noch nicht erwiesen. Erst die Zukunft wird zeigen, ob die «Superaspirine» wirklich so viel besser sind als die altgedienten Medikamente.


Vor allem Patientinnen und Patienten, die wegen rheumatischer Gelenkbeschwerden und Arthrose oft während Jahren entzündungshemmende Medikamente schlucken müssen, setzen grosse Hoffnungen in die neuen Mittel. Für die Normalverbraucher, die nur hin und wieder wegen Kopf- oder Zahnschmerzen zu einer Tablette greifen, wird Aspirin aber bestimmt noch ein Weilchen erste Wahl sein.




Wundersamer Wirkstoff: Die Geschichte der Acetylsalicylsäure


Die Geschichte der Acetylsalicylsäure, des Wirkstoffs von Aspirin, begann vor Tausenden von Jahren. Schon Hippokrates wusste um die schmerzlindernde Wirkung eines Aufgusses aus Weidenrinde bei Gebärenden. Und der griechische Arzt Dioskorides empfahl den Wirkstoff zur Behandlung von Gicht und entzündlichen Gelenkerkrankungen.


Die erste wissenschaftliche Untersuchung der Salicylsäure wurde vom englischen Pfarrer Edward Stone vorgenommen. Mit einem Weidenrindenextrakt behandelte er 1763 erfolgreich 50 Patienten, die unter fieberhaften Infekten litten.


1828 gelang es J. A. Buchner, die wirksame Substanz Salicin aus der Weidenrinde zu isolieren. Nachdem Hermann Kolbe 1859 erstmals Salicylsäure synthetisch hergestellt hatte, war der Weg frei für die industrielle Produktion von Schmerzmitteln.


Die neuen Medikamente wurden zunächst gegen Gelenkrheumatismus und Gicht eingesetzt. Doch die Ärzte merkten rasch, dass alle Salicylatverbindungen die Magenschleimhaut irritieren. Das war auch der Grund, weshalb der Chemiker Felix Hoffmann für seinen Vater, der an Rheumatismus litt, nach einem magenverträglicheren Derivat der Salicylsäure suchte – und es 1897 in Form der Acetylsalicylsäure fand.




Die Gefahren



  • Magenbrennen:

    Aspirin irritiert die Magenschleimhaut: Schmerzen, Ubelkeit, Erbrechen oder Sodbrennen können die Folge sein. Bei regelmässiger und hoher Dosierung können Magenblutungen und -geschwüre auftreten; sogar Perforationen (Durchbrüche) im Magen-Darm-Trakt kommen vor.



  • Blutungen:

    Die regelmässige Einnahme von Aspirin erhöht das Risiko einer Blutung in den Geweben des Hirns, des Magen-Darm-Trakts oder der Harnblase.



  • Ohrensausen:

    Hohe Dosen von Aspirin (täglich sechs Gramm und mehr) können Ohrensausen (Tinnitus) und vorübergehenden Hörverlust verursachen. Nach Reduktion der Dosis verschwinden diese Symptome gewöhnlich.



  • Allergie:

    Bei rund zwei von tausend Menschen führt Aspirin zu einer allergischen Reaktion. Der Schweregrad reicht von leichtem Hautausschlag über Gesichtsschwellungen bis zu bedrohlichen Asthmaanfällen.




Literatur, Links


© Beobachter Ausgabe 20 vom 01. Okt 1999 - Alle Rechte vorbehalten

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