Auch das noch: Es war kein Selbstmordversuch

Text:
  • Rahel Stauber
Ausgabe:
11/02

Beim Taubenjagen sprang Hündin Funny über die Brüstung der Berner Münsterplattform – ins Auffangnetz für Lebensmüde. Die Geschichte hinter einer Zeitungsmeldung.

«Eigentlich wollte er bloss den Tauben nachjagen, der chinesische Faltenhund Shar-Pai, doch der Versuch scheiterte, und der Hund fiel auf die Nase. Exakter: Er sprang über die Brüstung der Münsterplattform und landete im Auffangnetz. Just dem Netz also, das von der Stadtbehörde angebracht worden war, um Menschen mit Suizidabsichten das Leben zu retten...» Aus: Der Bund, 23.3.02

Jagen ist immer noch Funnys Lieblingsbeschäftigung. «Momentan hat sie die Enten an der Aare im Visier», erzählt Kurt Messerli, Besitzer der vierjährigen Hundedame Funny. Sie zeige keine Spur von Angst.

Funnys Langzeitgedächtnis ist offensichtlich kürzer als das ihres Herrchens. Denn dieser erinnert sich nur zu gut an seinen 47. Geburtstag. Ein Freund hatte ihn zu einem Champagnerfrühstück in der Berner Innenstadt eingeladen. Messerli war etwas zu früh und nutzte die Gelegenheit, um seine zwei chinesischen Faltenhunde Funny und Athos kurz Gassi zu führen. Er steuerte auf die Plattform vor dem Berner Münster zu. Und dann ging plötzlich alles schnell. «Am Eingangstor der Plattform löste ich die beiden Hunde von der Leine, und schon sauste Funny davon», sagt Messerli. An grünen Sitzbänken vorbei, über kleine Hecken und Wiesen hechtete der Hund hinter zwei Tauben her – und schwupps über die Brüstung der Plattform. In die Tiefe.

«Mir drohte das Herz stillzustehen», erinnert sich der Hundebesitzer mit Schaudern. Voller Angst rannte er auf die Mauer zu, «obwohl ich mich kaum getraute runterzuschauen». Dort hing seine Funny rund fünf Meter weiter unten im Auffangnetz, das lebensmüde Menschen vor einem Sprung in den Tod bewahren soll. Funnys Beine baumelten durch die Maschen, 30 Meter unter ihr die Strasse. «Als sie mich oben sah, stiess sie einen durchdringenden Schrei aus», erzählt Messerli, «fast wie ein Mensch.» Trotzdem reagierte er mit kühlem Kopf und alarmierte die Polizei.

Wenige Minuten später fuhren oben auf der Plattform vier Mannen der Berner Berufsfeuerwehr mit dem roten Wagen vor. Weitere Feuerwehrmänner stellten in der Badgasse unterhalb der Plattform ein grosses Luftkissen auf, um Funny im Notfall aufzufangen. Erst dann liess sich ein Feuerwehrmann von oben mit einer Seilwinde zu dem verängstigten Tier in die Tiefe und befreite es aus seiner misslichen Lage. Kurt Messerli schaute der Rettung mit weichen Knien zu. «Kaum stellte der Retter Funny auf den Boden, lief sie wedelnd auf mich zu, wie wenn nichts gewesen wäre.» Messerli fiel ein Stein vom Herzen. «Ein doppelter Geburtstag.» Bis auf eine kleine Wunde am Kinn war die Jägerin unversehrt.

Messerli seufzt lachend: «Funny hat nichts daraus gelernt. Die würde gleich wieder über die Brüstung springen, wenn sie dort Tauben sieht.» Etwas ist für ihn jedoch klar: «Selbstmord wollte sie nicht machen.»

© Beobachter Ausgabe 11 vom 31. Mai 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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