Augenzeugin: «Die Kinder finden bei mir einen Zufluchtsort»

Text:
  • Bettina Looser
Ausgabe:
9/01

Mitten im Zürcher «Chreis Cheib» hat die 55-jährige Ursula Stricker aus eigener Initiative einen Kindertreff eingerichtet. Dort erhalten Kinder aller Altersstufen kostenlos schulische Unterstützung, einen Zvieri – und viel Wärme.

Wenn die Alkoholsüchtigen nebenan eine Schlägerei anzetteln oder wenn Spritzen herumliegen, sage ich: «Kinder, schaut genau hin. Wenn ihr euer Hirn in zehn Jahren noch brauchen wollt, dann lasst die Finger von dem Zeug.» Es bringt nichts, ihnen die Augen zuzuhalten. Besser, ich helfe ihnen, die Eindrücke zu verarbeiten. Man kann in allem Schlechten auch etwas Gutes finden.

Vor drei Jahren mietete ich ein ehemaliges Ladenlokal im Zürcher Langstrassenquartier, um Kindern bei den Schulaufgaben zu helfen und ihnen ein Zvieri anzubieten. Alles gegen Bezahlung. Ich fand auf Anhieb drei Schüler. Doch schon nach ein paar Tagen drückten sich etwa 20 Kinder draussen an den Fenstern die Nasen platt. Also habe ich die Tür für alle geöffnet, obwohl ihre Eltern nichts bezahlen konnten. Heute sind jeden Tag von 15 bis 19 Uhr rund 70 Kinder hier – der Jüngste ist sechs, die Älteste 19.

Ich versuche, die Kinder so zu lassen, wie sie sind. Es gibt nicht nur einen Weg, ein anständiger Mensch zu werden. Bei mir lief früher auch nicht alles wie am Schnürchen. Mit 18 wurde ich Mutter, heiratete und brach die Lehre ab. Bald bekam ich den zweiten und dritten Sohn. Nach ein paar Jahren erfüllte sich mein Lebenswunsch, und wir zogen in ein baufälliges Bauernhäuschen im Tessin. Dafür schuftete ich mich beinah kaputt.

Irgendwann hatte ich so schlimme Rückenschmerzen, dass mir der Arzt verbot weiterzumachen. Er sagte: «Gehen Sie dahin, wo es keinen Quadratmeter Land hat, den sie umstechen können.» Ich zog nach Winterthur, liess mich scheiden und machte mit 40 eine Bürolehre. Doch weil das Sitzen dem Rücken so schlecht tat, konnte ich dann doch nicht auf dem Beruf arbeiten. Ich habe eine Spondylolisthesis – meine Wirbelsäule rutscht auseinander. Ich nehme Medikamente gegen die Schmerzen, kann nicht lange sitzen oder stehen. Operieren will mich niemand; dafür ist die Krankheit schon zu weit fortgeschritten.

Später zog ich nach Zürich, in den Kreis vier. Ich möchte niemals in einem anderen Quartier leben. Hier läuft etwas, und die Solidarität ist gross. Fast alle Spenden für meinen Kindertreff «Kl-einstein» kommen aus dem «Vieri», obwohl die meisten Leute hier selber nicht viel haben.

Unzimperlicher Umgangston

Im «Kl-einstein» gibt es eine grosse Stube zum Lernen, eine Küche zum Essen und das Zimmer, in dem ich wohne. Unten im Keller ist der Tanzboden, wo sich die Kinder im Breakdance üben. Die Stimmung kann manchmal von einem Moment auf den andern explodieren. Ein falsches Wort, ein blöder Witz, und schon liegen sich zwei Kinder in den Haaren. Meistens springt dann mein Hund, der Ghirro, dazwischen. Mitunter geht es schon laut und grob zu und her. Das muss man ertragen können. Natürlich finde ich Ausdrücke wie «Figg di» nicht schön – aber ich kippe deswegen nicht gleich aus den Schuhen.

Die Kinder kommen und gehen, bringen ihre Geschichten und ihre Freunde mit. Die bleiche Anna etwa, deren Eltern ein Restaurant führen, bleibt meist den ganzen Nachmittag da. Ihre Jacke und den Rucksack zieht sie aber nie aus. Es ist, als wäre sie nur schnell im Vorbeigehen hier. Heute zum Beispiel beobachtete sie stundenlang meinen Vogel. Einfach so.

Andere sind zielstrebig, kommen herein, grüssen mich und zeigen mir ihre Aufgaben. Oder sie gehen gleich hungrig in die Küche, um das Zvieri zu essen – für viele ist es die erste Mahlzeit am Tag.

Es gibt Kinder, die mir von ihrem Tag erzählen, und solche, die einfach da sind, ohne etwas preiszugeben. Ali hat mir erst nach einem halben Jahr seinen Namen verraten. Er ist elf, klein für sein Alter, ein hübscher Junge in Hip-Hop-Klamotten. Er kann gut tanzen, stolziert breitbeinig herum und markiert den Macho; er hat aber gar nichts dagegen, wenn ich ihm mütterlich den Arm um die Schultern lege.

Oder Mena. Sie sagte heute zu mir: «Ich darf erst um sieben zu Hause sein. Der Vater muss schlafen, weil er nachher Nachtschicht hat.» Sie hat keine Rabeneltern. Es sind einfach Menschen, die zu acht in einer Dreizimmerwohnung leben und versuchen, ein würdiges Leben zu führen.

Manche Eltern bedanken sich bei mir. Eine Mutter aus Kosovo schickt ab und zu ihr Kind mit einem Topf voll Essen zu mir. Klar, es gibt auch Eltern, die gar nicht wissen wollen, wo ihre Kinder den Nachmittag verbringen. Und solche, die ihr weniges Geld lieber in ihren Mercedes stecken.

Ich biete einen Zufluchtsort, bin aber keine Aufsichtsperson: Wenn ein Kind sagt: «Ich gehe», dann frage ich nicht, wohin. Ich mische mich auch fast nie in das ein, was zu Hause läuft; ich will die Eltern nicht ändern. Nicht alles, was anders ist, ist automatisch schlecht.

Am Anfang bezahlte ich alles selber. Ich wusste nie, ob das Geld auch für den nächsten Monat reichen würde. Zu viert gründeten wir vor einem Jahr einen Verein, um das Überleben meines Kindertreffs zu sichern. Das Geld, das wir sammelten, reichte eine Weile für die Miete und für das Zvieri. Für meine Arbeit erhalte ich aber nichts. Mein Traum wäre es, dass die Miete von einer Grossfirma über einen längeren Zeitraum gesichert würde und mich jemand regelmässig bei der Betreuungsarbeit unterstützen könnte.

Manchmal sagen die Leute zu mir: «Du bist ein guter Mensch.» Ich bin überhaupt nicht besser als andere. Mein Pluspunkt ist, dass mir die IV-Rente ein zwar kleines, aber sicheres Einkommen verschafft. Darum kann ich den Kindern garantieren, dass meine Tür immer offen ist. Sie erwarten das, sie brauchen das Gefühl von Regelmässigkeit und Zuverlässigkeit. Wenn ich zu meinem Sohn in die Ferien fahren will, protestieren sie jeweils lauthals.

«Helfen hat seine Grenzen»


Vor einem Jahr waren meine Kräfte plötzlich zu Ende. Knall auf Fall machte ich für drei Tage zu. Die Kinder strichen ums Haus herum, läuteten und riefen. Ich ging nicht zum Haus heraus, liess die Läden unten und nahm das Telefon nicht ab – ich brauchte einfach mal Ruhe. Das war gut, auch für die Kinder. Sie haben gemerkt, aha, wenn die Ursula nicht aufmacht, dann fehlt uns etwas. Ihr Respekt und ihre Wertschätzung sind seither gestiegen.

Wenn ein Kind die einfachsten Anstandsregeln nicht einhält oder Kleinere schlägt, werde ich wütend. Ich will, dass die Kids mich grüssen und zum Streiten nach draussen gehen. Ich verbiete fast nichts, sondern versuche, an die Vernunft zu appellieren. Manchmal muss ich dennoch ein Besuchsverbot für einen Monat aussprechen. Das nützt, denn den Kindern stinkts gewaltig, wenn sie ausgeschlossen sind.

Klar, Probleme gibt es immer wieder, und Helfen hat seine Grenzen. Aber ich mache trotzdem weiter. Wann ich so richtig zufrieden bin? Wenn ich abends denken kann: So, heute ging wieder alles gut. Den Kindern war es wohl – und mir auch.

© Beobachter Ausgabe 9 vom 27. Apr 2001 - Alle Rechte vorbehalten

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