Augenzeugin: «Ich will endlich meine Freundin heiraten»
Die 49-jährige Elisabeth Opitz (links) lebt seit achtzehn Jahren mit ihrer Lebenspartnerin Manon Gerber zusammen. Jetzt wollen sie ihre Partnerschaft registrieren lassen.

Wir hatten nie Schwierigkeiten als lesbisches Paar. Vielleicht, weil wir unsere Beziehung immer offen gelebt haben. Wir wollen, dass Schwule und Lesben in der Gesellschaft selbstverständlich dazugehören. Manon regt sich immer wieder über extreme Meinungen auf. Zum Beispiel dass Homosexualität die Familie zerstöre. Wir sind das beste Beispiel dafür, dass diese Behauptung nicht stimmt. An Ostern war die ganze Familie da, unsere beiden Söhne, meine Mutter, Manons 88-jährige Mutter aus dem Welschland, unsere Schwiegertöchter und unser dreijähriger «Sonnenschein» Janice, unsere Enkeltochter. Sie nennt uns beide «Grosi».
Ich habe 1972 geheiratet, mit 19 Jahren. 1973 und 1976 kamen unsere beiden Söhne Michael und Tom zur Welt. Heute weiss ich, dass ich schon damals die Liebe von Frauen gesucht habe. Ich bin als Einzelkind aufgewachsen und dachte, ich suche nur eine grosse Schwester.
Mehr Gedanken über meine Sexualität machte ich mir erst, als ich wegen meiner ersten Rückenoperation viel Zeit zum Nachdenken und Lesen hatte. Wieder auf den Beinen, suchte ich Lesbentreffs in Zürich auf. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen meiner Familie, vor allem wegen der Buben. Ich legte meinem Mann die Situation dar. Ohne dass ich eine feste Frauenbeziehung hatte, trennte ich mich von ihm. Hätte ich mich in einen Mann verliebt, hätte mein Ex dagegen angekämpft. Aber gegen meine Gefühle für Frauen konnte er nichts ausrichten. Bei der Scheidung nannte ich dem Richter den Grund, mein Coming-out. Das war 1983.
Noch im gleichen Jahr habe ich meine Lebenspartnerin kennen gelernt. Manon ist zwei Jahre jünger als ich und kommt aus dem Kanton Neuenburg. Sie arbeitete in Zürich als Kellnerin und hat immer nur Liebesbeziehungen mit Frauen gehabt. Bald zogen wir zusammen. Ich benötigte eine zweite Rückenoperation, und danach musste ich zur Kur gehen. Manon schaute in dieser Zeit nach den Buben.
Als ich wieder daheim war, beschlossen wir, gemeinsam eine Beiz zu führen.
Im sankt-gallischen Andwil kauften wir den «Löwen». Michael und Tom gingen dort zur Schule. Manchmal hänselten Kameraden sie wegen ihrer beiden Mamis. Doch beide wehrten sich, der eine mit dem Mundwerk, der andere mit den Fäusten. In Andwil fühlten wir uns als Paar akzeptiert.
Nach fünf Jahren verkauften wir den «Löwen», um meinen Jugendtraum zu verwirklichen: Bäuerin werden! Wir kauften zuerst Land und Ställe in Lavrius GR auf dem Gemeindegebiet von Schlans, später das Wohnhaus in Lumneins, bei Trun zwischen Ilanz und Disentis. Michael blieb im Unterland, wo er seine Lehre machte, Tom zog mit uns in die Surselva, ein Jahr später begann er in Chur die Lehre.
Neun Jahre lang waren wir Bergbäuerinnen. Wir hatten fünfzehn Hektar Wiesen- und Weideland an einem steilen Hang, fünfzig Geissen, dreissig Schafe, vier Kühe, zwei Schweine, zwei Pferde, Hund und Katzen. Manon übernahm jene Arbeiten, bei denen der Rücken stark beansprucht wird. Wie akzeptiert wir im Dorf waren, zeigte sich 1996, als ein Teil unseres Hauses abbrannte. Wir wohnten sieben Monate bei befreundeten Bauern in Schlans. Noch heute sind wir dankbar für all die Hilfe, die wir damals bekamen.
Immer heisst es, die Bündner seien engstirnig. Das stimmt überhaupt nicht. Wir hatten im Hausflur ein Plakat aufgehängt mit dem Zitat «Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare». Nachbarn, Bergbauern, Feuerwehrleute, der Pöstler alle haben das Plakat gesehen, und allen war klar, dass wir Lesben sind. Bei einer Demo von Schwulen und Lesben in Bern erkannte uns eine Nachbarin, die einen Bericht darüber im Fernsehen gesehen hatte. Sie sprach uns spontan darauf an.
Manon und ich sind nicht militant. Wir sind zwar Mitglieder der Lesbenorganisation Schweiz, aber meist besuchen wir nur die Jahresversammlung und zahlen unsere Mitgliederbeiträge; genauso wie für Pro Schlans, einen Verein, der das Dorf unterstützt. Klar gehen wir auch an alle Schwulen- und Lesbendemonstrationen wie den «Christopher Street Day» oder den «Pride». Als der Zürcher Kantonsrat über die registrierte Partnerschaft abstimmte, sassen wir auf der Zuschauertribüne.
Das arbeitsreiche, aber schöne Leben im Bündnerland nahm ein jähes Ende, als mein Vater schwer erkrankte. Manon und ich zogen ins Unterland zurück, um ihn zu Hause in Obfelden ZH zu pflegen. Kurz vor dem Tod meines Vaters im Dezember 1998 versprachen wir ihm, für meine Mutter zu sorgen. Sie hatte 1994 einen Hirnschlag erlitten. Auch war es der Wunsch meines Vaters, dass Manon und ich sein künstlerisches Werk verwalten. Mein Vater Franz K. Opitz war ein bekannter Maler.
Ich blieb erst allein in Obfelden im Elternhaus bei meiner Mutter, und Manon versorgte einen harten Winter lang allein unsere Tiere. Für uns war das die erste längere Trennung und eine schwere Zeit. Schliesslich verkauften wir unsere Tiere und verpachteten das Land.
Voraussichtlich am 22. September wird der Kanton Zürich über die Einführung der registrierten Partnerschaft für Homosexuelle abstimmen. In Genf besteht diese Möglichkeit für Lesben und Schwule bereits. Manon und ich sind seit achtzehn Jahren ein Paar. Nun wollen wir uns registrieren lassen. Eine registrierte Partnerschaft ist der erste Schritt zur Gleichberechtigung. Lieber würden wir richtig heiraten, auf dem Standesamt. Aber ohne Kirche, wir sind beide nicht religiös.
Wenn ich nicht schon von meinem Exmann Kinder gehabt hätte ich hätte auf jeden Fall welche haben wollen. Schwule und Lesben sollen Kinder haben oder adoptieren dürfen, wie andere auch. Wenn mir damals, als die Buben noch klein waren, etwas zugestossen wäre, hätte man Manon die Kinder weggenommen. Unvorstellbar, dieser Gedanke. Wir wollen das gegenseitige Erbrecht, denn wir leben nicht nur seit achtzehn Jahren miteinander, sondern arbeiten auch seit sechzehn Jahren zusammen. Manon gab für uns beide immer nur eine gemeinsame Steuererklärung ab.
Unsere Familien standen immer zu uns. Letzten Herbst hat Tom Manon gefragt, ob sie bei seiner Hochzeit Trauzeugin sein wolle, damit sie endlich auch auf einem amtlichen Papier zusammengehören. Manon war so gerührt, dass sie ein paar Freudentränen vergoss.
© Beobachter Ausgabe 9 vom 03. Mai 2002 - Alle Rechte vorbehalten









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