Bank Leumi le-Israel: Ausgesperrt vom Ersparten
Gegen einen Exchef des israelischen Geldinstituts wird wegen Veruntreuung, Geldwäscherei, Steuerhinterziehung und Insiderdelikten ermittelt. Die Folge: Ehrliche Kunden geraten in finanzielle Nöte, weil sie seit 15 Monaten keinen Zugriff auf ihr Vermögen haben.

Nebenartikel
«Uns Geschädigte bestraft man, und die Schuldigen lässt man frei herumlaufen», sagt Wijitha de Silva (Bild links) mit besorgter Miene. Seine Frau Irmgard (Bild rechts) doppelt nach: «Die Veranstalter dieses Schlamassels befinden sich nach ein paar Wochen Untersuchungshaft wieder auf freiem Fuss. Wir hingegen stecken nun seit 15 Monaten im finanziellen Gefängnis.»
Angefangen hatte alles am Freitag, 9. Februar 2001. Die de Silvas weilten gerade auf Sri Lanka, in der Heimat Wijithas. Am Vormittag hatte Irmgard de Silva von ihrem Mann zum 40. Hochzeitstag einen Rubinring erhalten. Das war die letzte grössere Ausgabe, die die de Silvas tätigen konnten. Am Nachmittag erfuhren sie von ihrem Sohn, dass ihr Vermögensverwalter bei der Bank Leumi le-Israel in Zürich seit dem Vortag wegen Veruntreuung von Kundengeldern in Untersuchungshaft sass.
Danach war nichts mehr wie zuvor: «Eigentlich müssten wir schon längst zum Sozialamt», sagt Irmgard de Silva.
Die AHV reicht nicht zum Leben, und die de Silvas haben keine Ahnung, wie sie den Hypothekarzins für ihr Haus zahlen sollen. «Mein Auto steht seit mehr als einem Jahr in der Garage. Dabei kann ich wegen meines kaputten Knies kaum gehen», klagt die 66-Jährige. Für die lebensnotwendigsten Dinge müssen sich die beiden von ihren erwachsenen Kindern oder Freunden Geld leihen. Die finanziellen Sorgen bereiten den beiden mittlerweile schlaflose Nächte und Bluthochdruck.
Dabei hätten die de Silvas Geld, und zwar nicht zu knapp: Ein Kontoauszug der Bank Leumi in Zürich vom Februar 2001 bestätigt, dass sie ein Vermögen von 773000 Franken bei der Bank liegen haben Geld, das sich Wijitha de Silva über die Jahre bei der Roche- und der Ciba-Pensionskasse angespart hatte und bei seiner Pensionierung auszahlen liess.
«Sein Wort war Gesetz»
Im November 1997 erteilte de Silva der Firma Allfinanz Zentrum AG einen Vermögensverwaltungsauftrag. Ein Angestellter der Allfinanz begleitete ihn zur Kontoeröffnung bei der Bank Leumi le-Israel. Ernst Imfeld, einer der Topbanker des israelischen Geldinstituts, empfing ihn dort persönlich. Imfeld amtete als stellvertretender Geschäftsleiter und gleichzeitig als Chef des Private Banking. Damit war er praktisch der mächtigste Mann der Bank. «Sein Wort war Gesetz», sagen Insider. De Silva eröffnete bei ihm ein Konto und zahlte sein ganzes Pensionskassenkapital ein.
Anfänglich lief alles wunderbar: Die Bank überwies den de Silvas jeden Monat Geld zum Leben, wickelte Zahlungsaufträge ab, und ein- bis zweimal pro Jahr besuchte de Silva Ernst Imfeld in seinem Büro, um sich nach seinem Vermögen zu erkundigen. Was de Silva nicht wusste: Imfeld wickelte anscheinend jahrelang über de Silvas Konto riskante Devisengeschäfte über mehrere Millionen Dollar ab.
Erst als im Februar 2001 publik wurde, dass Imfeld und die beiden Leiter der Allfinanz Zentrum AG, Hooman Zadeh und Manfred Welser, verhaftet worden waren, begannen sich die de Silvas um ihr Geld zu sorgen. Erst recht, als die Bank Leumi ihnen den Zugriff auf ihr Guthaben verweigerte. Die Bank hatte Imfeld mittlerweile gekündigt, weil er «seine führende Position in der Bank zu persönlichen Zwecken ausgenutzt» hatte. Die Bezirksanwaltschaft ermittelt seit über einem Jahr gegen ihn.
Lange Zeit weigerte sich die Bank Leumi, den Anspruch der de Silvas auf ihr Geld anzuerkennen. Das Problem: Ohne deren Wissen floss ihr Geld auf ein Sammelkonto. Eigentümerin dieses Kontos war die Allfinanz Zentrum AG. Für die Kunden der Allfinanz wurden lediglich verschiedene Unterkonten eröffnet.
Löcher in Millionenhöhe
Und hier liegt der Haken: Denn auf einem Teil dieser Unterkonten klaffen riesige Löcher von insgesamt über 18 Millionen Franken. Ernst Imfeld und auch der Verwaltungsratspräsident der Allfinanz AG, Hooman Zadeh, stehen im Verdacht, sich tüchtig bedient zu haben: Imfeld soll Bargeld für den Privatgebrauch abgehoben und teure Autos gekauft haben, unter anderem einen Ferrari und einen Bentley. Er selber sagt allerdings, der Grossteil des Geldes sei an Zadeh geflossen.
Die Bank Leumi stellte sich lange auf den Standpunkt, die Vermögen der de Silvas und anderer Kunden müssten als Kreditsicherheit für diese Kontoüberzüge dienen. Im Klartext: Die de Silvas sollen für die von Imfeld und den Allfinanz-Leuten angehäuften Schulden mit ihrem Geld geradestehen.
Vom Beobachter um eine Stellungnahme gebeten, stimmt die Bank jetzt versöhnlichere Töne an. Leumi werde «den berechtigten Kunden umgehend die ihnen zustehenden Beiträge auszahlen». Man habe eben warten müssen, bis der zuständige Bezirksanwalt die Konten wieder freigegeben habe und das sei erst am 16. April der Fall gewesen. Nun würden «alle Portfolios und Ansprüche individuell überprüft und die Auszahlung der ausstehenden Gelder getätigt». Ausserdem verspricht die Bank gegenüber dem Beobachter: «Leumi wird Herrn und Frau de Silva umgehend kontaktieren, um sofort alle nötigen Vorbereitungen zu treffen, die zu einer gütlichen Einigung und Lösung der Probleme führen werden.»
© Beobachter Ausgabe 9 vom 03. Mai 2002 - Alle Rechte vorbehalten









Sozialhilfe
Die Sozialhilfe ist unter Druck – und letztes Auffangnetz: Betroffene erzählen