Baustoffe: Umweltschutz muss nicht teuer sein

Text:
  • Jürg Zulliger
Ausgabe:
9/00

Immer mehr Bauherren und Architekten setzen auf ökologisches Bauen. Mit gutem Grund – denn wer nachhaltig baut schont nicht nur die Umwelt, sondern auch sein Portemonnaie.

Umweltfreundlich Bauen – ein Fall für Fundamentalisten, die sich ihr grünes Zuhause eine Stange Geld kosten lassen? Mitnichten. Heute gibt es viele Gründe, die für Alternativen beim Bauen sprechen. Unter Architekten haben sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Aspekte zu einem Umdenken geführt. Der Trend läuft in Richtung nachhaltige Entwicklung: die aktuellen Bedürfnisse befriedigen, ohne die Lebensgrundlage künftiger Generationen zu zerstören.


Zum Beispiel Holzsystembau: Holz ist der wichtigste erneuerbare Rohstoff in der Schweiz. Zudem erlauben die liberalisierten feuerpolizeilichen Vorschriften mehr Einsatzmöglichkeiten als früher: Sofern der Brandschutz gewährleistet ist, sind mittlerweile auch zwei- bis viergeschossige Mehrfamilienhäuser aus Holz möglich.


Ein paar Tage Bauzeit für ein Haus Wegen seiner Leichtigkeit ist Holz zudem für die Vorfabrizierung ganzer Bauteile gut geeignet. Die einzelnen Elemente werden in einer Werkhalle zusammengebaut, was effizienter ist als die Arbeit bei Wind und Wetter draussen auf der Baustelle. «Die in der Werkhalle erbrachte Leistung ist etwa zweimal grösser als auf der Baustelle», schätzt Hansruedi Preisig, Leiter des Zentrums für Nachhaltiges Gestalten, Planen und Bauen an der Zürcher Hochschule Winterthur. Die vorgefertigten Holzelemente – zum Beispiel fixfertige Wände mit Wärmedämmung und Verkleidung – werden auf die Baustellen transportiert und können innert wenigen Tagen montiert werden.


Richtig geplant und ausgeführt lassen sich mit Holzbauten Ökologie und Ökonomie bestens unter einen Hut bringen. Im Holzbau erstellte Einfamilienhäuser sind schon ab 300000 Franken erhältlich.


Doch der Holzbau hat auch Nachteile. «Der Planungsaufwand ist eher hoch, und nachträgliche Änderungen sind meist aufwändig», sagt Hansruedi Preisig. Im Vergleich zu massivem Mauerwerk oder Beton ist auch der Schallschutz schlechter, und Holzteile reagieren empfindlicher auf Feuchtigkeit. Doch diese Probleme lassen sich leicht lösen: Ein Vordach schützt die Fassade, ein Sockel die Verkleidung – und der Schallschutz lässt sich durch abgekoppelte Verkleidungen oder durch Schwerfolien verbessern.


So sparen Sie bei den Nebenkosten

«Den Grundsätzen der Nachhaltigkeit genügt Holz vor allem dann, wenn die positiven Effekte nicht durch aufwändige Konstruktionen in Frage gestellt werden», sagt Hansruedi Preisig. Die Vorfertigung erfordert eine detaillierte Planung und viel Präzision: Wenn die einzelnen Elemente auch nur um einen Zentimeter ungenau sind, ist der ganze Bau gefährdet.


Entscheidend ist eine einfache und klare Gebäudestruktur. Bauherren beschäftigen sich meist intensiv mit den Kosten für Küche oder Bad und übersehen dabei oft, dass rund 50 Prozent der gesamten Baukosten bei der Gebäudehülle und der Tragkonstruktion anfallen.


Auch die Unterhaltskosten werden oft zu wenig beachtet. Beim Spatenstich denken die wenigsten daran, dass das Gebäude irgendwann saniert werden muss und die Unterhaltskosten im Verlauf der Jahre mindestens so viel ausmachen wie die Erstinvestition. Idealerweise sollten die Bauteile mit kurzer Lebensdauer leicht ausgewechselt werden können. Das spart Ressourcen und schont das Portemonnaie.


Nutzen Sie die Ökoenergie

Einfach austauschbare Teppiche und Bodenbeläge oder leicht überstreichbare Farben sind auf lange Sicht eine intelligente Investition. Fragwürdig ist hingegen das Bauen nach alter Väter Sitte: Wenn Installationen und Zuleitungen säuberlich versteckt und verputzt werden, rächt sich das spätestens dann, wenn eine Reparatur oder das Auswechseln einzelner Elemente fällig wird.


Wichtig sind zudem unterhaltsfreundliche Bauteile im Hausinnern. Versiegelte Kunststoff- und Parkettböden sind zwar einfach zu reinigen, eine spätere Erneuerung der obersten Schicht ist jedoch mühsam und umweltbelastend. Ebenso pflegeleicht sind nicht versiegelte Linoleumböden und geöltes Parkett.


Stark ins Gewicht fällt auch die Wärmedämmung. Sie macht weniger als zehn Prozent der Gesamtkosten einer Wand aus, bestimmt aber massgeblich den Energieverbrauch und damit die Betriebskosten. «Mehrausgaben für dickere Dämmungen sind innerhalb weniger Jahre amortisiert – auch die so genannte "graue Energie", die für die Herstellung der Baustoffe verwendet wird», sagt Hansruedi Preisig.


Bereits in der Planungsphase sollten zudem Uberlegungen einfliessen, wie erneuerbare Energien genutzt werden können. Lage und Ausrichtung des Gebäudes sowie mehrfach verglaste und nach Süden ausgerichtete Fenster ermöglichen zum Beispiel eine passive Nutzung der Sonnenenergie.


Vorsicht vor Öko-Labels!

Öko ist im Trend – entsprechend gross ist die Flut der Produkte. Für Konsumentinnen und Konsumenten ist häufig unklar, wie die verschiedenen Bezeichnungen und Labels definiert sind. So können Farbprodukte mit der Etikette «KEL-CH lösemittelfrei» bezeichnet werden, obwohl sie manchmal bis zu fünf Prozent flüchtige organische Lösungsmittel enthalten. Doch Vorsicht: Auf lösungsmittelhaltige Farbstoffe sollte im Innenbereich generell verzichtet werden, denn sie können die Gesundheit gefährden.


Eine gute Portion Skepsis ist auch am Platz, wenn von «Niedrig-», «Null-», «Passiv-» oder Solarenergie die Rede ist. Es handelt sich dabei um keine anerkannten Gütesiegel.


Wer baut, muss sich bilden

Vertrauen Sie nicht einfach den vollmundigen Werbeslogans. Orientieren Sie sich über die effektiven Energiekennzahlen, ziehen Sie Fachleute bei – oder entscheiden Sie sich für ein geschütztes Label wie etwa den «Minergie-Standard». Dieses Zertifikat darf nur verwendet werden, wenn das Haus punkto Energieverbrauch minimale Grenzwerte nicht überschreitet.


Anerkannt ist auch das Gütezeichen «Lignum CH 6,5». Es garantiert einen minimalen Formaldehydgehalt in Spanplatten.


Grundsätzlich gilt: Wer baut, sollte sich bilden. Denn ohne ein Minimum an Fachkenntnissen sind Bauherren kaum in der Lage, klare Vorgaben zu formulieren. Und solange Architekten und Bauunternehmer ihren Kundinnen und Kunden ein X für ein U vormachen können, fehlt auch der nötige Druck für Innovationen und optimale Lösungen.

© Beobachter Ausgabe 9 vom 28. Apr 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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