Bauteilbörse: Occasions-Markt für preisbewusste Heimwerker

Text:
  • Reto Westermann
Ausgabe:
9/00

Lavabos, Toiletten, Küchen: Was bei Umbauten auf dem Müllplatz landet, findet in Bauteilbörsen günstig neue Abnehmer. So wird auch die Umwelt entlastet.

Nebenartikel

Die Altmetallhändler machens vor: Gebrauchte Autoersatzteile sind eine günstige Alternative zu neuen. Gleiches gilt auch für die Baubranche, was aber weit weniger bekannt ist. Bauteilbörsen heissen die Second-Hand-Läden für den Baubereich. Sie bieten neben WC-Schüsseln und Waschbecken ganze Parkettböden, Öfen, Türen, Fenster und Küchenkombinationen an, häufig auch Waschmaschinen oder Kühlschränke.


Die Idee, Bauteile wieder zu gebrauchen statt sie wegzuwerfen, ist nicht neu. Schon lange legten Abbruchfirmen die besten Stücke zur Seite und verkauften sie weiter. Zu Beginn der neunziger Jahre starteten dann die ersten spezialisierten Bauteilbörsen in Basel und Zürich. Heute sind rund zwanzig Läden im Bauteilnetz Schweiz organisiert, dem einschlägigen Dachverband. Weitere Ableger, etwa in Winterthur, sind in Planung. Ein Teil der Börsen ist privat geführt, andere sind als Vereine organisiert oder werden durch karitative Organisationen betrieben.


Die Bauteilbörsen demontieren und holen die Occasionsteile gleich vor Ort ab. Diesen Service nehmen Privatpersonen und städtischen Verwaltungen in Anspruch, ebenso grosse Baufirmen, wenn sie ganze Wohnsiedlungen sanieren. «Man schätzt unsere Arbeit, weil wir vorsichtig demontieren, um die Bauteile wieder gebrauchen zu können», sagt Daniel Spalinger, Architekt und seit kurzem Präsident des Bauteilnetzes Schweiz. Er hat vor gut vier Jahren die Bauteilbörse Zürich gegründet, die er heute als Geschäftsführer leitet.


Rasche Bestellung – dank Internet

Die Zürcher Börse nimmt unter den Anbietern gebrauchter Baumaterialien eine Spezialstellung ein. Als einzige verkauft sie nämlich nicht direkt an die Endverbraucher, sondern funktioniert als Grossist und beliefert die anderen Bauteilbörsen mit aufbereiteten Teilen. Fünfzig Leute arbeiten in den Räumen einer ehemaligen Zimmerei in der Nähe des Fernsehstudios in Zürich Örlikon. Nur acht von ihnen sind fest angestellt, die Mehrheit hingegen gehört einem Arbeitslosenprogramm an.


Wie bei anderen Grossbetrieben sind auch die Betriebsabläufe der Zürcher Bauteilbörse klar organisiert: Kommen Aufträge zur Demontage und Entsorgung herein, prüft ein Fachmann die Bauteile vor Ort, wählt die wiederverwertbaren aus und macht Fotos mit einer Digitalkamera. Zurück im Büro werden die Angaben zu den einzelnen Teilen in den Computer gespeichert und mit vorhandenen Anfragen abgeglichen.


Was nicht direkt neue Abnehmer findet, wird auf der Internetseite des Bauteilnetzes Schweiz (www.bauteilnetz.ch) aufgeschaltet. Dort lässt sich bei den verschiedenen Börsen nach dem gewünschten Bauteil suchen. Ist das passende Teil am Lager, wird teilweise auch ein Bild mitgeliefert.


«Das Internet offeriert uns ganz neue Möglichkeiten», freut sich Geschäftsführer Daniel Spalinger, der diesen Bereich in Zukunft noch in Richtung E-Commerce ausbauen möchte. Dann könnte auf der Homepage des Bauteilnetzes eine richtige virtuelle Börse entstehen.


Demontiert werden die brauchbaren Teile vor Ort von Mitarbeitern der Bauteilbörse, und zwar so oft als möglich zusammen mit privaten Firmen. Schliesslich wolle man deren Arbeit nicht konkurrenzieren, erklärt Spalinger.


Gratis ist der Demontageservice nicht: Wie andere Entsorgungsfirmen verrechnet die Bauteilbörse ihren Aufwand, ausser es handelt sich um wertvolle Teile, die sich teuer verkaufen lassen. Dann wird unter Umständen sogar etwas dafür bezahlt.


Von der Baustelle aus gelangen die Teile in eine Halle. Dort durchlaufen sie verschiedene Stationen: Sie werden gereinigt und repariert, technischen Geräten werden zudem von Fachleuten getestet. Dann landen die aufbereiteten Teile im Lager, von wo sie die Inhaber der Bauteilläden bei Bedarf abrufen können.


Einer von ihnen ist Jürgen Wille vom Bauteilmarkt Züri-Nord. In seinem Laden, einer ehemaligen Bauarbeiterunterkunft an der Grenze zwischen Glattbrugg und Zürich, erhält man einen Eindruck davon, was dank Bauteilbörse nicht auf der Deponie gelandet ist: WC-Schüsseln aller Art stehen hier neben kompletten Kücheneinrichtungen, alten Kachelöfen und Kochherden. In Vitrinen sind Wasserhähnen, Zahnglashalter und diverse Kleinteile ausgestellt. Viele der angebotenen Dinge sind fast neuwertig; auf die technischen Geräte gibt es sogar eine Garantie.


Bis zu viermal billiger als Neuware

Die Preise sind moderat und betragen im Schnitt zwischen einem Viertel und einem Drittel fabrikneuer Produkte. Ab 30 Franken erhält man beispielsweise ein Waschbecken mit kleinen Beschädigungen, ein makelloses Modell kostet etwas mehr. Daneben sind aber auch Raritäten wie geschwungene Wasserhähne oder alte Holzöfen mit Kacheln zu haben.


Jürgen Willes Kundschaft ist bunt gemischt: Hausbesitzer, die selber umbauen sind ebenso darunter wie Architekten, die stilechte Bauteile für die Renovation alter Häuser suchen oder Bauern, die Gefallen an günstigen Bauteilen in guter Qualität finden. Auch Hausabwarte finden den Weg in den Bauteilmarkt.


Sie suchen nicht mehr hergestellte Einzelteile, wie etwa Waschbecken oder Armaturen, um günstig Defekte zu beheben. Selbst Handwerker scheuen sich nicht, gebrauchte Teile zu kaufen. «Deren Kunden fragen bei Reparaturen oft, ob es keine günstigere Alternative gibt», sagt Wille.


An Zulieferern mangelt es den Bauteilbörsen nicht. Zwischen 4000 und 5000 verschiedene Produkte sind aktuell auf dem Internet abrufbar. Beim Absatz hingegen würde sich Daniel Spalinger vom Bauteilnetz eine noch grössere Nachfrage wünschen: «Im Gegensatz zum Auto haben die Leute beim Bauen immer noch Hemmungen, gebrauchte Teile zu kaufen.»


Ökologisches Recycling von Abfall

Die qualitativ guten Bauteile aus der Börse sind gerade bei Umbauten in eigener Regie eine günstige Alternative zum Angebot der Grossisten. Und ökologisch gesehen erst noch vernünftig, helfen sie doch mit, unseren jährlichen Berg von mehr als sechs Millionen Tonnen Bauabfällen etwas kleiner zu machen. In Deutschland und Österreich jedenfalls, wo die Zahl der Eigenheimbesitzer grösser ist als hierzulande, ist man auf die Schweizer Bauteilbörsen bereits aufmerksam geworden. «Wir bekommen oft Anfragen aus den Nachbarländern, um unser Konzept zu präsentieren», freut sich Daniel Spalinger – und denkt bereits über ein Bauteilnetz Europa nach.

© Beobachter Ausgabe 9 vom 28. Apr 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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