Behördenbriefe: Sprachliche Tiefschläge
Zu viel Fachsprache, zu wenig Einfühlungsvermögen: Amtliche Schreiben kommen bei den Bürgern oft nicht gut an. Jetzt wird das Problem angepackt.

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Anne W. traute ihren Augen nicht, als sie den Brief der
IV-Stelle las: Um das Gesuch für die Brustprothesen behandeln
zu können, brauche die Behörde «Scheidungsurteil
und Familienbüchlein».
Anne W. empfand das Schreiben der Behörde als Affront
und wehrte sich. «Es ist hart genug, mit dieser Amputation
zu leben, ohne dass noch von behördlicher Seite solche
Fragen gestellt und solche für meine Begriffe absolut
unnötigen Papiere gefordert werden», schrieb sie
empört zurück. Der zuständige Beamte entschuldigte
sich prompt – und der Bezug der Brustprothesen wurde
bewilligt.
Brüskierende Standardbriefe
Zehn Jahre später hatte Anne W. erneut Grund, sich zu
ärgern. Sie hatte ein Gesuch für neue Prothesen
gestellt – wieder erhielt sie skurrile Post von der IV-Stelle:
Über das Gesuch könne erst entschieden werden, wenn
alle medizinischen Abklärungen abgeschlossen seien. «Was
möchten Sie denn abklären?», schrieb sie zurück.
«Meine Brust wurde vor 15 Jahren amputiert und ist seither
nicht mehr nachgewachsen!» Sie solle das nicht persönlich
nehmen, entschuldigte sich ein Beamter später am Telefon,
solche Standardbriefe kämen «halt aus dem Computer».
«Das Beispiel zeigt, wie unnötig die Verwaltung
manchmal Bürgerinnen und Bürger brüskiert»,
sagt Werner Hauck, Leiter des deutschen Sprachdienstes der
Bundeskanzlei. «Hätte sich der Angestellte der
IV-Stelle nur eine Sekunde in die Lage dieser Frau versetzt,
wäre ihm bewusst geworden, dass die von ihm verlangten
Angaben in diesem Fall völlig unnötig waren.»
Nicht der «böse Wille der Angestellten»
führe zu solch ungeschickt formulierten Briefen, ist
Hauck überzeugt, «es ist meist nur fehlendes Einfühlungs-
und Sprachvermögen». Ein weiteres Problem ortet
er im Umstand, dass Beamte oft unbedacht formalisierte Mehrzweckformulare
verwendeten. «Mit solch undifferenziertem Verhalten
verliert die Verwaltung viel Sympathie. Es wäre doch
mit heutigen Textverarbeitungsprogrammen so einfach, auf die
spezifische Situation von Bürgerinnen und Bürgern
einzugehen.»
Wie ein Schlag ins Gesicht
Schlechte Erfahrungen auf dem behördlichen Korrespondenzweg
machte auch ein ausländischer Krankenpfleger, der nach
zwölf Jahren Arbeit in der Schweiz in sein Heimatland
zurückkehren wollte. Die Gemeinde schrieb ihm, er habe
ein Pensionskassenguthaben von 75000 Franken angespart. Er
könne das Geld aber erst beziehen, wenn er die dafür
anfallenden Steuern von 5000 Franken bezahlt habe. «Bitte
überweisen Sie diesen Betrag umgehend», fügte
die Gemeinde an. Und: «Falls Sie dies nicht innert 30
Tagen tun, werden wir andere Massnahmen ergreifen.»
Eine solche Formulierung ist für den Betroffenen wie
ein Schlag ins Gesicht. «Hätte sich der Gemeindeangestellte
in die Situation des Krankenpflegers hineinversetzt, hätte
er sich leicht vorstellen können, dass es diesem nicht
ohne weiteres möglich sein würde, so schnell 5000
Franken hinzublättern», sagt Hauck.
Dabei wären Konsternation und Konflikt leicht zu vermeiden
gewesen. Statt ihn wie einen mutmasslichen Zechpreller zu
behandeln, hätte der Gemeindeangestellte den Klienten
mit mehr Verständnis für dessen spezielle Situation
ansprechen können – zum Beispiel: «Wenn Sie
damit einverstanden sind, ziehen wir die 5000 Franken gleich
von der Ihnen zustehenden Summe ab.»
Vorbildlich reagierte ein Zürcher Bezirksanwalt auf
den Protestbrief eines Bürgers, dessen Haus im Rahmen
eines Strafverfahrens durchsucht worden war. «Sich plötzlich
einer solchen Situation gegenüberzusehen ist für
niemanden einfach», schrieb der Bezirksanwalt in einem
anderthalbseitigen Brief: «Dies ist allen involvierten
Personen der Kantonspolizei Zürich und der Bezirksanwaltschaft
bewusst. Diese aussergewöhnliche Herausforderung haben
Sie bewunderungswürdig und vorbildlich gemeistert.»
Solche Briefe sollen zum Standard werden. Aus diesem Grund
lanciert die Bundeskanzlei zu ihrem 200-Jahr-Jubiläum
die «Aktion Behördenbriefe». Dabei werden
alle Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz ermuntert, gute
und schlechte Beispiele von Behördenbriefen an die Bundeskanzlei
zu schicken (siehe «Aufruf der Bundeskanzlei»).
Fachsprache wirkt oft überheblich
Die eingesandten Schreiben werden vom deutschen Sprachdienst
der Bundeskanzlei, Universitätsinstituten und Journalisten
analysiert; die Ergebnisse aus dieser Arbeit fliessen in einen
Leitfaden für Angestellte öffentlicher Verwaltungen.
Die Idee der Bundeskanzlei stösst bei den kantonalen
Verwaltungen und beim Bund auf positives Echo. «Ich
hoffe, diese Aktion trägt dazu bei, dass Beamte für
die Anliegen der Bürger sensibilisiert werden, wenn sie
Briefe schreiben oder Verfügungen verfassen», sagt
Rolf Götschmann, Direktionsadjunkt im Bundesamt für
Flüchtlinge. Und Werner Moser, Ombudsmann der Stadt Zürich,
gibt zu bedenken: «Viele Bürger haben ja schon
Mühe, den Inhalt der Behördenbriefe zu verstehen.»
Fachsprache wirke rasch überheblich und gebe dem Bürger
das Gefühl von Unterlegenheit. «Lässt sich
mit der Aktion der Bundeskanzlei daran etwas ändern,
dann werden viele Konflikte entschärft.»
© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten










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