Berufswahl: Berner zahlen teures Lehrgeld
Geschäftemacherei mit Lehrstellen: Wer sich in der Region Bern bei Grossfirmen für einen technischen Beruf interessiert, muss einen Eignungstest machen – und dafür 80 Franken hinblättern.

Michael Oser ist aufgeweckt. Schon heute schaut er sich nach einer Lehrstelle fürs nächste Jahr um. Doch wer sich im Raum Bern für einen technischen Beruf interessiert, muss zuerst einmal zahlen. Und zwar 80 Franken für einen Eignungstest: Ohne diesen Test ist im Lehrjahr 2001 bei 30 grossen Firmen nichts zu wollen. «Eine Unverfrorenheit», findet Thomas Oser, Michaels Vater. Betroffen sind die fünf Berufe Informatiker, Elektroniker, Automatiker, Konstrukteur und Polymechaniker bei so renommierten Lehrbetrieben wie SBB, Swisscom, Post oder Ascom. Durchgeführt wird die zentral organisierte Prüfung von der Berner Analysefirma Multicheck. Getestet wird schulisches Wissen, aber auch logisches und räumliches Denken oder technisches Verständnis.
Der 80-Franken-Test wird von den Firmen als «erfreuliche Nachricht» für Lehrstellenbewerber gefeiert. «Wer eine Lehrstelle sucht, muss nicht mehr in jedem Betrieb einen separaten Eignungstest absolvieren», sagt Mitinitiant Rudolf Negri. Eine erfreuliche Sache ist das Projekt in jedem Fall für die beteiligten Firmen, die vor allem in der Informatik weit mehr Anmeldungen als freie Lehrstellen haben: Sie sparen sich den zeitraubenden Aufwand der ersten Evaluationsrunde.
Nichts gegen den Test, aber wenig Freude an der 80-Franken-Gebühr hat Robert Galliker, Sekretär der Berufsbildungsämter-Konferenz. Das Vorgehen sei «nicht sehr schön» und «kaum imagefördernd». Galliker wünscht sich, «dass die Lehrbetriebe eine offene Politik verfolgen, statt schon am Anfang Hürden einzubauen».
Die Idee stamme nicht von ihnen, verteidigen sich die Berner Initianten. In anderen Regionen und in diversen Berufsverbänden gebe es seit langem Eignungstests für Lehrlinge. In der Tat: Auch die Zürcher Informatik-Lehrmeister führen seit 1997 einen zentralen Eignungstest durch, der 60 Franken kostet. Neu am Berner Modell ist die Ausweitung auf fünf Berufe und die noch höhere Gebühr.
Testgeld auch zur Abschreckung
Mit den 80 Franken komme Multicheck «knapp heraus», sagt Firmenchef Bernhard Hählen. Die Frage, wer den Betrag zu bezahlen habe, sei in der Planung «heftig diskutiert» worden. Die Bewerberinnen und Bewerber? Oder die Firmen? Und nach welchem Schlüssel? Zwei Gründe sprachen laut Rudolf Negri schliesslich für die Jugendlichen beziehungsweise für deren Eltern. Erstens: Wer bei mehreren Firmen einen Test absolvieren müsse, habe mit Reisekosten und Verpflegung auch rasch 80 Franken ausgegeben. Und zweitens stelle der Betrag auch eine Hürde dar: «Die Berufe im Informatikbereich sind momentan in Mode», sagt Negri. «Umso mehr müssen sich die Jugendlichen überlegen, ob sie wirklich interessiert und geeignet sind.»
Und was ist, wenn die Prüflinge einen schlechten Tag erwischen? Früher bekamen sie in jeder Firma eine neue Chance. «Kein System hat nur Vorteile», heisst es bei Multicheck. Man dürfe aber «selbstverständlich einen zweiten Test absolvieren». Und zwar mit «ganz ähnlichen Fragen». Das wird allerdings auf dem Testzertifikat notiert. Und welche Firma wählt aus dem Überangebot an Interessenten schon einen «Wiederholungstäter»?
Michael Oser jedenfalls sieht sich jetzt anderweitig um.
© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten
