Beziehungssucht: Wenn der Liebe Fesseln angelegt werden

Text:
  • Elisabeth Moser
Ausgabe:
25/00

Viele Beziehungen kranken an zu grossen Besitzansprüchen. Oft ist es sogar so, dass man sich umso mehr an seinen Partner klammert, je grösser die emotionale Distanz ist. Eine Selbsthilfegruppe für Beziehungssüchtige kann Abhilfe schaffen.

Rein äusserlich geben Claudia und David (Namen geändert) ein ideales, glückliches Ehepaar ab. Sie teilen sich Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung, haben gemeinsame kulturelle Interessen. Was sich jedoch hinter der scheinbaren Familienidylle abspielt, ist weniger beneidenswert. David geht nämlich fremd. Und zwar so häufig, dass Claudia längst aufgehört hat zu zählen. Dennoch bleibt sie bei ihm, weil sie ihn liebt und seine Qualitäten schätzt.

David ist in Kalifornien aufgewachsen, wo er von der «Free Love»-Bewegung geprägt wurde. Seine vielen Affären bezeichnet er als «Aus-Zeiten», die momentane Gefühlskälte oder emotionale Distanz im Zusammenleben ausgleichen. Für ihn hat nicht das Überleben einer Ehe um jeden Preis, sondern die Qualität einer Beziehung Priorität. Von gesellschaftlichen Konventionen, um derentwillen man den Schein wahrt, auch wenn die Beziehung keine Erfüllung bringt, hält er nichts. Trotzdem wisse er, sagt er, wohin er gehöre, und das seit bald 20 Jahren.

«Höllische» Körperstörungen

Claudia reagiert in den Phasen von Davids ausserehelichen Geschichten mit Körperstörungen, fühlt sich rastlos und lethargisch zugleich. «Es ist die Hölle», erklärt sie und ist dankbar, dass diese Zustände seltener geworden sind. Seit mehr als zwei Jahren besucht sie eine Selbsthilfegruppe für Beziehungssüchtige und lernt ihre Abhängigkeit und sich selber besser kennen.

«Als Schulkind war es mein grösster Wunsch, dass mich alle Leute gern haben», erinnert sie sich. Ihre Selbstzweifel in Krisenzeiten sind heute nicht mehr so zerstörerisch wie früher. «Ich weiss, dass ich nicht mich selber in Frage stellen muss.» Gedemütigt fühlt sie sich nach wie vor, wenn ihr Mann sich wieder mit einer anderen Frau einlässt. «Ich habe jedoch keine Rachegedanken und will nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Das würde mich nicht für die Schmerzen entschädigen. Ausserdem wäre mir das zu billig.»

Claudias Eltern haben keine Ahnung von den Seitensprüngen ihres Schwiegersohns. «Peinlich ist es mir, wenn Bekannte mir zutragen, dass sie David mit einer anderen Frau gesehen haben», gibt sie zu.

Typisch für Beziehungssüchtige ist, dass sie beschwichtigen, dass sie das gesellschaftlich «Abnorme» lieber verstecken als eingestehen. So werden sie zu Komplizen – obwohl sie darunter leiden.

Leiden hat Claudia aber auch stark gemacht. «Es ist ein schmerzvoller Prozess. Ich kam dabei jedoch meiner Persönlichkeitsstruktur auf die Spur. Vielleicht war es etwas naiv, mit jemandem eine Familie zu gründen, der eine ganz andere Einstellung zur Sexualität hat als ich. Doch offensichtlich ist das die Aufgabe, die das Leben für mich bereithält. Unsere Beziehung fordert mich zwar sehr, hat mich aber gleichzeitig in vielen Aspekten gefördert.»

Ihre Lebenslust bezieht Claudia heute nicht mehr nur aus dem Wohlwollen und der Zuneigung des Partners, sondern sie schöpft aus ihren eigenen Quellen. Dadurch hat sie an Reife und Tiefe gewonnen. Sie ist auch wieder kreativ, und Begriffe wie Toleranz, Akzeptanz und Liebe ohne Besitzanspruch sind keine Hülsen mehr.

«Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben, niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren haben», schrieb einst der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud. Doch eine abhängige Liebe ist keine wahre Liebe, sondern eine Sucht. Zu ihr gehört immer eine mangelnde Ehrlichkeit sich selber und anderen gegenüber; durch sie verliert der Mensch den Zugang zu seinen Gefühlen und Gedanken.

Anne Wilson Schaef, die amerikanische Suchttherapeutin, beschreibt in ihren Büchern, warum eine süchtige Liebe keine Liebe ist: «Wir müssen uns selbst nahe sein, um wirkliche Nähe zu anderen erleben zu können. Viele Beziehungen kranken heute an übersteigerten Emotionen, romantischen Wunschvorstellungen und einem besitzergreifenden Verhalten.»

Absturzgefährdete Gratwanderung

Der Idealzustand, in dem beide Partner in einer Beziehung eigenständig, frei und trotzdem emotional tief miteinander verbunden bleiben, ist eine Gratwanderung, bei der jederzeit ein Absturz droht. Denn das Zusammenleben erfordert zwangsläufig Kompromisse und schliesst formale Abhängigkeiten ein.

Nicht der Realität des Paaralltags hingegen entsprechen die suggerierten Illusionen etwa durch Popsong-Titel wie «I can’t live without you» (Ich kann nicht ohne dich leben), «I’m addicted» (Ich bin dir hörig) oder «Only you» (Nur du). Als könnte der Beziehungspartner alle unsere Hoffnungen und Erwartungen erfüllen!

Aline Graf weiss, wie sich eine Beziehung anfühlt, die von einem Suchtverhalten geprägt ist. Acht Jahre lang war sie die heimliche Geliebte von Niklaus Meienberg. Er nutzte ihre Bereitschaft und ihre Schwäche aus, ass ihren Kühlschrank leer – und trotzdem kam sie nicht von ihm los.

Ihre Tagebuchaufzeichnungen hat sie minuziös in einem Buch festgehalten. Darin schont sie auch sich selbst nicht. «Meine eigene Entwicklung blieb auf der Strecke, ich war in einem dämonischen Zirkel gefangen», erzählt sie.

Heute empfindet Aline Graf die ganze Geschichte wie eine Versündigung und ist froh, zu sich selber gefunden zu haben. «Damals stand ich buchstäblich neben mir, begnügte mich mit den kurzen, fordernden Besuchen und dem unsensiblen Verhalten von M.», erklärt die Autorin. Sie hat mit diesem Kapitel ihres Lebens abgeschlossen und lebt sehr zurückgezogen. Die Kritiker warfen ihr vor, eine Abrechnung geschrieben zu haben, weil sie das Idol der Linken und der Gesellschaftskritiker vom Sockel gestossen und Meienberg als emotional schwer geschädigten Mann entblösst habe.

Noch weitgehend ein Tabuthema

Aline Graf wollte mit ihrem Buch «Der andere Niklaus Meienberg», das nebst Deftigem und Entsetzlichem viel über die damalige Medien- und Politszene preisgibt, ein Tabuthema aufs Tapet bringen. «Eine derart ungesunde Beziehung zwischen zwei Menschen ist nur möglich, wenn zwei Lecks vorhanden sind. Wir passten wie Puzzleteile zueinander.» Weder Aline Graf noch die Leserschaft werden wohl je verstehen, warum Niklaus Meienberg, der auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machte und die Sensibilität besass, Klartext zu sprechen, wenn Ungereimtheiten verborgen bleiben sollten, für seine eigene Unzulänglichkeit und seine egomanische Beschaffenheit kein Gespür hatte.

«Süchtiges Beziehungsverhalten hat immer mit der Herkunftsfamilie zu tun», ist Aline Graf überzeugt. «Wie destruktiv und grausam eine solche Hörigkeit sein kann, grenzt an Wahnsinn.»

Adresse

Infos über Selbsthilfegruppen für Beziehungssüchtige bei der Koordination und Förderung von Selbsthilfegruppen in der Schweiz (Kosch)
Telefon 061/333 86 01, Fax 061/333 86 02
gs@kosch.ch

© Beobachter Ausgabe 25 vom 08. Dez 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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