Editorial: Das scheinbare Glück

Text:
  • Urs Zanoni
Ausgabe:
5/03

Über die Wichtigkeit, ab und an auf Urlaub zu gehen, äussert sich Urs Zanoni.

Als «populäre Form des Glücks» beschreibt der deutsche Publizist Hans Magnus Enzensberger die Ferien. Entsprechend hoch sind die Erwartungen: Die Hausfrau will, dass sich der viel beschäftigte Vater endlich mit den Kindern abgibt. Diese hingegen hoffen, frei von Vorschriften (und Eltern) auf Entdeckungstour gehen zu können. Der Frischvermählte möchte das Time-out nutzen, um die erste Ehekrise zu bewältigen. Die Liebste aber will in Ruhe Bücher lesen und keinen Beziehungsstress aufarbeiten.

So hoch die Erwartungen, so gross die Enttäuschungen: Ferien sind der ideale Nährboden für Konflikte, die sich im Alltag gestaut haben. Fehlt die Ablenkung durch Erziehung oder Beruf, fällt der Blick auf das Ungereimte. Oder es tut sich das auf, was Fachleute eine Entlastungsdepression nennen: Nach anhaltendem Stress fallen die Betroffenen in ein Loch. Dem Körper, gewöhnt an die wochenlange Belastung, fehlen plötzlich die anregenden Stresshormone – er schlafft ab.

Deshalb empfiehlt es sich, einmal im Jahr mindestens drei Ferienwochen am Stück einzuplanen. «Einzelne Ferientage nützen dem gestressten Organismus nichts», sagt der Arbeitsmediziner Dieter Kissling. Zweitens gilt: Reisen Sie nicht direkt nach Ende der Stressphase ab, sondern legen Sie zwei Ruhetage ein. Und drittens: Je weiter die Reise geht, desto höher steigt angesichts überfüllter Flughäfen und krasser Klimawechsel der Stresspegel.

Deshalb spricht vieles dafür, die «populäre Form des Glücks» in der Nähe zu suchen – was letztlich auch der Umwelt nützt. Erfreulicherweise spielt für vier von fünf Schweizern die Nähe zur Natur bei der Wahl des Reiseziels eine wichtige Rolle. Und noch erfreulicher: Dank der Schweizer Reisekasse Reka und dem Beobachter können sich auch jene Ferien leisten, die es sich eigentlich nicht leisten können (siehe Seite 8). Viel Vergnügen!

© Beobachter Ausgabe 5 vom 07. Mär 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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