Editorial: Verschreiben Sie Ihrem Arzt eine Spartherapie
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Ein scharfes Röntgenbild, ein klarer Befund: Schulterriss. Ich hatte mich beim Skifahren verletzt wie der Unglücksrabe neben mir: ein englischer Tourist. Doch was war nur mit unserem Chirurgen los Schilddrüsenüberfunktion?! Der Mann war jedenfalls auf 180. Das sei ihm noch nie passiert, wetterte der Doktor und tigerte in Birkenstocksandalen aufgeregt um seinen Patienten herum. «Kostenvoranschlag! Der Herr hat die Nerven und will einen Kostenvoranschlag!!! Packen Sie doch Ihre Sachen, und gehen Sie nach England!»
Nun, der Pechvogel hatte einen doppelten Beinbruch.
Doch bevor Sie den Kopf schütteln Hand aufs Herz: Haben Sie sich schon je nach den Kosten eines medizinischen Eingriffs erkundigt? Auch nur nach Medikamentenpreisen gefragt?
Wir tun dies aus guten Gründen stets dann, wenn grössere Beträge auf der Ausgabenseite unseres Haushaltbudgets drohen. Wir verlangen Offerten vom Handwerker, vom Versicherer, vom Dentisten. Aber beim Arzt, vor einem Eintritt ins Spital? Da haben wir erstens Hemmungen, zweitens Schmerzen und drittens die Gewissheit: Das zahlt ja die Krankenkasse.
Irrtum. Das zahlen wir alle über den Selbstbehalt, über steigende Prämien, über happige Steuern. Mehr als 40 Milliarden Franken kostet das Gesundheitswesen bereits. Wen wunderts? Alle wollen die freie Arztwahl, das neuste Medikament und ein Spital vor der Tür. Jede Haushaltkasse, jede Firmenbilanz wäre mit einer ähnlich vertrauensseligen Ausgabenpolitik sehr bald ein Fall für den Konkursrichter. Doch bei den Arzt- und Spitalkosten muss sich keiner den Kopf zerbrechen es trifft ja, so glaubt man, nicht das eigene Portemonnaie.
Natürlich sind die Mediziner an Tarife gebunden. Selbstverständlich kontrolliert die Krankenkasse jede Abrechnung. Und gewiss ist die Gesundheit ein wertvolles Gut. Trotzdem könnten wir ohne qualitative Einbussen! gewaltig Geld sparen. Das zeigen die Recherchen von Rahel Stauber und Adrian Schmid. Allein mit der Aufhebung des so genannten Vertragszwangs er verpflichtet die Kassen zur Zusammenarbeit mit allen Ärzten liessen sich die Kosten um 20 bis 30 Prozent reduzieren. Doch um ein patientenfreundliches neues System einzuführen, braucht es klare Kriterien zur Beurteilung medizinischer Leistungen. Der Beobachter liefert eine Steilvorlage.
Nun sind die Politiker gefordert; nun stehen die Krankenkassen und die Ärzte in der Pflicht. Vor allem aber ist die Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten unabdingbar. Ihr Verhalten wirkt therapierend. Warum nicht den Arzt auf die Zweckmässigkeit, vielleicht gar auf die Kosten einer Behandlung ansprechen? Es geht ja nicht darum, dass man mit dem Rechenschieber in den Computertomographen rollt aber darum, dass man sich nach Alternativen erkundigt, Bedenken äussert und die Arzt- und Spitalabrechnungen kontrolliert.
Genau in diese Richtung zielte auch die Frage unseres Unglücksraben aus England. Seine Hartnäckigkeit führte übrigens zum Erfolg. Er bekam einen Kostenvoranschlag und schliesslich einen Gips. Made in Switzerland.
© Beobachter Ausgabe 25 vom 08. Dez 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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