Editorial
Als Schmarotzer abgestempelt
«Dass die wenigen Profiteure herhalten müssen, um das ganze Sozialwesen zu diskreditieren, ist unerträglich.»

Artikel zum Thema
Der Direktor des Arbeitgeberverbands, Peter Hasler, hat einen brisanten Vergleich in die Welt gesetzt: In der Schweiz wird etwa gleich viel Geld für Kinderzulagen ausgegeben wie für die Sozialhilfe: jährlich rund vier Milliarden Franken. Trotz heftigen Debatten um den Sozialstaat Schweiz stellt aber kaum jemand die Kinderzulagen in Frage. Dabei erfolgt hier der «Missbrauch» systematisch: Selbst den grössten Spitzenverdienern wird der Lohn klaglos mit 2000 bis 3000 Franken pro Kind und Jahr aufpoliert.
Sehr viel argwöhnischer wird dagegen auf die Fürsorgegelder geschielt. Der Gang aufs Sozialamt wird für Bedürftige immer mehr zum Spiessrutenlauf (siehe Artikel zum Thema «Fürsorge: Almosen in kleinen Dosen»). Die Beispiele zeigen: Die soziale Kontrolle funktioniert durchaus; es gibt – gerade auf dem Land – eine sehr effiziente «Missbrauchsbekämpfung». Dass es unter den rund 300000 mit Sozialhilfe Unterstützten gleichwohl einige Profiteure gibt, wird wohl niemand bestreiten. Dass diese Ausnahmen aber herhalten müssen, um gleich das ganze Sozialwesen zu diskreditieren, ist unerträglich. Denn damit werden die wirklich Bedürftigen als Schmarotzer abgestempelt.
Die Gründe für den starken Anstieg der Sozialhilfeleistungen sind bekannt (fehlende Arbeitsplätze, Scheidungsrate et cetera). Zurzeit wird intensiv daran gearbeitet, Mängel im System auszumerzen – und zu sparen. Das alles wird kaum dazu führen, dass die Kritik leiser wird. Zu sehr haben sich Ideologen in dieses Thema verbissen. Wer sich heute für eine solidarische Schweiz und ihre Sozialwerke einsetzt, riskiert, in die linke, staatsverliebte Ecke gestellt zu werden.
Das hat auch der Direktor des Arbeitgeberverbands, Peter Hasler, erfahren. Ihm wird bereits unterstellt, ein verkappter Gewerkschafter zu sein. Doch unverdrossen bekennt er sich zu seiner Überzeugung, dass die Sozialhilfe ein «anständiges» Existenzminimum sichern soll. Und er fordert: «Was wir brauchen, sind nicht amerikanische Rezepte, sondern eine modernisierte Sozialhilfe.» – Chapeau, Peter Hasler!
© Beobachter Ausgabe 4 vom 17. Feb 2005 - Alle Rechte vorbehalten









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