Editorial

Ausländer, rein!

Text:
  • Balz Hosang
Ausgabe:
20/04

«Das Buhlen der Gemeinden um reiche ausländische Steuerflüchtlinge ist würdelos.»

Zugegeben, es gibt freudvollere Tätigkeiten als das Ausfüllen einer Steuererklärung. Und es gibt tatsächlich willkommenere Post als die Steuerrechnung. Dennoch habe ich über all die Jahre recht klaglos meine Steuern bezahlt. Wenn mir die Summe manchmal arg hoch erschien, habe ich mich damit getröstet, dass dies wohl meinem Einkommen entspricht. Dieser Trost ist mir abhanden gekommen.

Der Beobachter wollte wissen, wie viel Steuern die Schweiz vermögenden Ausländern abverlangt. Deshalb haben wir einen deutschen Anwalt beauftragt, bei verschiedenen Gemeinden nachzufragen, was sie einem schwerreichen deutschen Geschäftsmann zu bieten haben. Der Multimillionär suche zwecks Steuervermeidung einen neuen Wohnsitz in der Schweiz. Selten hat eine Beobachter-Umfrage ein derart beflissenes Echo ausgelöst (siehe Artikel zum Thema «Steuerflucht: Wir angeln uns einen Millionär»).

Die eingegangene Post ist niederschmetternd. Eine ganze Reihe von Gemeinden scheint den «billigen Jakob» zu ihrem Schutzpatron erklärt zu haben: Bei vielen könnte der deutsche Interessent die Steuerrechnung aus der Portokasse zahlen. Der absurde Steuerwettlauf bringt Gemeinden und Kantonen unter dem Strich nur wenig ein. Umso unverständlicher ist deshalb die Willfährigkeit, das würdelose Buhlen um einen vermeintlichen Krösus. Selbst bei den Baubewilligungen zeigt man sich willig. – Argwohn oder Fremdenfeindlichkeit kann man diesen Behörden wahrlich nicht vorwerfen.

Was der Schweiz recht ist, ist dem Ausland billig: Es gibt ja auch superreiche Schweizer, und ihre Lust aufs Steuerzahlen ist nicht grösser als bei vielen vermögenden Ausländern. Sie folgen deshalb der gleichen Logik und verlegen ihr Steuerdomizil von Luzern, Lausanne und Lugano nach London oder in andere Steuerparadiese. Zurück bleiben die Schweizerinnen und Schweizer, deren Einkünfte im Lohnausweis bis auf den letzten Franken ausgewiesen werden und die über die wachsende Steuerbelastung klagen. – Übrigens: Der Beobachter hat sich um ein klärendes Wort unseres Finanzministers Hans-Rudolf Merz bemüht. Vergeblich.

© Beobachter Ausgabe 20 vom 30. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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