Editorial

Die Macht der Konsumenten

Text:
  • Balz Hosang
Bild:
  • Archiv
Ausgabe:
4/07

«Das einseitige Profitdenken von Cablecom hat offensichtlich die Schmerzgrenze überschritten.»

Was hat Bundesrat Moritz Leuenberger mit dem Zürcher Freisinn, dem Preisüberwacher und den Beobachter-Leserinnen und -Lesern gemeinsam? Sie alle ärgern sich über das Geschäftsgebaren von Cablecom. - Ein erstaunliches Phänomen: Die Dienstleistungsfirma im Telekommunikationsbereich hat es fertig gebracht, in kürzester Zeit eine Opposition gegen sich selber aufzubauen, die alle ideologischen und geografischen Grenzen überdeckt. Mindestens das ist eine reife Leistung.

Zugegeben: Wer jeden zweiten Haushalt in der Schweiz bedient, riskiert, viele Kunden zu verärgern. Aber den Unmut gleich derart flächendeckend auszulösen, das ist noch kaum einem Dienstleister gelungen. SBB, Post, Elektrizitätswerke: Die staatsnahen Betriebe haben einen weit grösseren Kundenkreis als Cablecom – und geniessen nach wie vor breite Sympathien. Uns Konsumenten wurde einst ganz anderes versprochen: Mit der Liberalisierung des Marktes werde der Kunde König. Und mit der Privatisierung trete an die Stelle der trägen Beamtenmentalität endlich ein nachfragegerechtes unternehmerisches Denken.

Unsere Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema «Cablecom: Der programmierte Ärger») zeigt irritierende Befunde auf. Der erzliberale Zürcher Wirtschaftsfreisinn unterstützt das staatliche Elektrizitätswerk beim Aufbau eines Konkurrenz-Glasfasernetzes, um Cablecom in die Schranken zu weisen. Ganze Gemeinden melden sich aus dem Netz ab, und Zehntausende von Konsumenten stellen lieber eine hässliche Satellitenschüssel auf, als sich weiter zu ärgern. Das einseitige Profitdenken von Cablecom hat offensichtlich die Schmerzgrenze überschritten.

Cablecom ist ein Lehrstück über die Macht der Konsumenten: Selbst ein monopolartiger Anbieter mit zukunftsträchtiger Technologie kann den Bogen überspannen. Was wir derzeit erleben, könnte in der Schweiz (Wirtschafts-)Geschichte schreiben: Ein allzu selbstgefälliger Dienstleister ist eifrig dabei, sich selbst aus dem Markt zu katapultieren. Die Konkurrenz - sogar die einst staatliche - sieht händereibend zu.

© Beobachter Ausgabe 4 vom 14. Feb 2007 - Alle Rechte vorbehalten

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