Editorial
Lehrer im Kreuzfeuer
«Viele Lehrer werden einfach krank - und verschwinden ganz leise»

Artikel zum Thema
Braucht unsere Jugend mehr Härte oder mehr Verständnis? Belasten oder bereichern die Ausländerkinder unsere Schulen? Sollen diese eher auf Leistung oder auf Kreativität setzen? - Die Meinungen gehen weit auseinander, die Debatten sind hitzig und oft gehässig. Mitten in dieser stürmischen Diskussion versuchen Lehrerinnen und Lehrer, einen geordneten Unterricht zu organisieren. Sie werden dabei «unterstützt» von eher zufällig gewählten Laienbehörden sowie von Politikern, die oft in praxisfernen Konzepten denken. Und natürlich von den Eltern - das macht die Situation vollends prekär.
Pisa-Vorgaben, eine oder zwei Fremdsprachen in der Volksschule, Hochdeutsch bereits im Kindergarten: Während sich der Streit um die beste aller Schulen über Jahre und Jahrzehnte hinzieht, muss im Klassenzimmer Tag für Tag entschieden werden. Es wird gefordert und gefördert. Es wird gelobt, getadelt und auch mal bestraft. Und am Schluss wird gar Leistung gemessen und benotet. Das kann nicht nur Freude auslösen - bei Schülern wie bei Eltern.
Zweifellos sind nicht alle Lehrerinnen und Lehrer einfach «gut». Doch die «Qualitätsunterschiede» sind bei den Pädagogen bestimmt kleiner als bei den Eltern. Da reicht das Spektrum von nicht ansprechbar und desinteressiert bis übermotiviert und arrogant. Die Gesellschaft mag sich schwer tun, die ideale Schule zu definieren. Die Eltern bestimmt nicht: Sie decken die Lehrer mit Ratschlägen und Forderungen ein, die vielleicht das eigene Kind, nicht aber die Schule als Ganzes im Blick haben. Ein Kreuzfeuer, bei dem viele Lehrer auf der Strecke bleiben (siehe Artikel zum Thema «Schule: Tanz, Lehrer, tanz!»).
Blockzeiten, Tagesstrukturen, Halbklassen, Orientierungsstufe, teilautonome Volksschule: Das schulische Reformprogramm rotiert immer schneller. Politiker, Behörden, Eltern: Alle sind sie engagiert für das Wohl der Kinder. Über die Lehrerinnen und Lehrer wird wenig diskutiert. Viele werden einfach krank - und verschwinden ganz leise.
© Beobachter Ausgabe 9 vom 26. Apr 2006 - Alle Rechte vorbehalten









Sozialhilfe
Die Sozialhilfe ist unter Druck – und letztes Auffangnetz: Betroffene erzählen