Editorial

Schein und Sein

Text:
  • Matthias Pflume
Ausgabe:
19/04

«Wenn es um Massnahmen gegen Korruption geht, handeln Bund und Kantone äusserst zögerlich.»

Was haben Schweizer Friedhöfe mit Sklavenarbeit von Kindern zu tun? Eine Menge. Denn inzwischen hat die Globalisierung auch unsere letzten Ruhestätten erreicht. Einheimische Grabsteine werden zunehmend durch solche aus Indien verdrängt, kosten diese doch trotz dem langen Transport deutlich weniger. Möglich werden die Billigangebote, die Händlern und Steinmetzen riesige Margen erlauben, vor allem durch die Arbeit von Kindern. Mehr noch: Oft schuften diese unter Bedingungen, die man nur als Sklaverei bezeichnen kann. Wer hierzulande einen Grabstein bestellt, ahnt nichts davon. Schliesslich haben Importeure und Wiederverkäufer wenig Interesse daran, die Herkunft der Steine zu deklarieren. Vera Bueller hat Fakten ans Licht gebracht, die so gar nicht zur Idee des Friedhofs als Ort der ewigen Ruhe passen wollen (Siehe Artikel zum Thema «Kinderarbeit: Steine des Anstosses»).

Um Schein und Sein geht es auch in der Titelstory. Gemeinhin gilt die Schweiz als recht resistent gegen Korruption; Skandale werden als Einzelfälle abgetan. Dass es hinter der properen Fassade weniger sauber aussehen dürfte, lässt eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Beobachters vermuten. Danach weiss jeder Fünfte aus dem Bekanntenkreis von Fällen, in denen Amtspersonen bestochen wurden. Zudem ist das Vertrauen in die Behörden erschüttert: Gut die Hälfte der Befragten glaubt nicht, dass in der Schweiz alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Solche Befunde müssten Alarmsignale sein. Doch wenn es um Massnahmen gegen Korruption geht, handeln Bund und Kantone äusserst zögerlich, wie Thomas Angeli und Patrick Strub zeigen (siehe Artikel zum Thema «Korruption: Eine Hand schmiert die andere»).

Schein und Sein auch in unserem Artikel über sonderbare Treuhandgeschäfte. Thomas Grether berichtet von einem Finanzskandal, der sich zeitweise wie ein Krimi liest (siehe Artikel zum Thema «Wirtschafts-Skandal: Wo sind die Millionen?»). Entgegen allen Beobachter-Gewohnheiten sind die meisten Namen schwarz eingefärbt. Dazu zwang uns in letzter Minute eine richterliche Verfügung. Der Beobachter wird dies nicht auf sich beruhen lassen. Fortsetzung folgt.

© Beobachter Ausgabe 19 vom 16. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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