Editorial

Verantwortung? Fehlanzeige

Text:
  • Matthias Pflume
Bild:
  • Archiv
Ausgabe:
23/05

«Beim Streit ums Sorgerecht kommen nicht nur die Väter, sondern auch die Bedürfnisse der Kinder unter die Räder.»

Marie Anzi könnte noch leben, Manuela Krummenacher wäre nicht schwerstbehindert, Bonfol bräuchte sich nicht vor Dioxin zu fürchten, und etliche Väter dürften unbeschwert ihre Kinder aufwachsen sehen. Doch bei all diesen Themen im aktuellen Beobachter sieht die Wirklichkeit anders aus. Das hängt sehr mit dem Begriff «Verantwortung» zusammen – mit Verantwortung, die nicht wahrgenommen wird.

So im Fall von Marie Anzi. Gian Signorell erzählt die Geschichte der 76-jährigen Frau, des letzten Mordopfers des Luzerner Todespflegers (siehe Artikel zum Thema «Todespfleger: Versagte die Heimleitung?»). Die Frau musste sterben, obwohl es längst Hinweise gab, dass der Pfleger für eine Serie von Todesfällen verantwortlich sein könnte. Die Heimleitung unterliess es monatelang, die Polizei zu informieren – über eine Anklage soll bald entschieden werden.

Ebenso erschreckend ist Manuela Krummenachers Schicksal: Die Achtjährige erlitt schwerste Hirnverletzungen, als sie von einem Garagentor eingeklemmt wurde, dessen Gefährlichkeit dem Hersteller bekannt war. Thomas Grether beschreibt, wie sich die Verantwortung geradezu verflüchtigt – trotz dem Kampf der Eltern bis vor Bundesgericht (siehe Artikel zum Thema «Gerichtsurteil: Opfer des Killertors»).

Mangel an Verantwortungsbewusstsein müssen sich auch die Basler Chemiefirmen vorwerfen lassen, die im jurassischen Bonfol ihren Sondermüll deponierten – was genau, ist nicht dokumentiert. Doch Greenpeace geht davon aus, dass unter anderem das Seveso-Gift Dioxin verscharrt ist. Vor fünf Jahren wurde eine Vereinbarung über die Sanierung der Deponie geschlossen; Thomas Angeli war nun vor Ort, um zu ergründen, warum das so lange auf sich warten lässt (siehe Artikel zum Thema «Sondermülldeponie: Die Chemie stimmt nur bedingt»).

Auch unsere Titelstory dreht sich um den fahrlässigen Umgang mit Verantwortung. Bei Scheidungen erhält in der Regel die Mutter das Sorgerecht, doch allzu oft wird die damit verbundene Macht dazu genutzt, sich am Exmann zu rächen. Dass dabei nicht nur die Väter, sondern auch die Bedürfnisse der Kinder unter die Räder kommen, zeigen die bewegenden Beispiele, die Edith Lier schildert (siehe Artikel zum Thema «Sorgerecht: Das Leiden der Männer»).

© Beobachter Ausgabe 23 vom 10. Nov 2005 - Alle Rechte vorbehalten

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